Albanien



Albanien - ein vielseitiges Land


Lake Shkodër &
Burg Rozafa


Tirana &

Camping Tirana


Bunk’Art1 &

House of Leaves



Archäologischer Park Apollonia


Archäologischer Park Bylis


Campinggeschichten & Rückblick 


Stadt und Burg Gjirokastër


Albanien - vielseitig, spannend, herausfordernd, wunderschön. 

 

Albanien steht für sich.

Dieses Land stellt für uns einen besonderen Punkt dar. Es markiert eine Art Endpunkt – noch lange nicht das Ende unserer Reise, aber es ist das letzte der „unbekannten Länder“. Wir wussten vorher nicht viel über Serbien, Bosnien, Montenegro, waren noch nie in Rumänien, hatten nur grobe Ideen von der Slowakei und Ungarn, und selbst die Westseite von Polen war für uns ganz neu. Albanien ist die größte Unbekannte und markiert die letzte unvertraute Region. Danach wartet Griechenland – hier haben wir schon ein richtiges „heimatliches“ Gefühl, dann Italien, Frankreich, Spanien und die Benelux-Länder – alles schon bereist und zumindest in größeren Teilen vertraut.

 

Albanien steht aus vielerlei Gründen für sich. Es war nie „Teil von etwas“ – im Sinne einer dauerhaft integrierten politischen Einheit, wie es viele andere europäische Länder waren. Kein Teil von Jugoslawien, noch niemals ein Teil eines gemeinsamen Sprachzweiges! Die albanische Sprache gehört zwar zur indogermanischen Sprachfamilie – also derselben großen Sprachfamilie wie Deutsch, Italienisch oder Griechisch –, bildet dort jedoch einen eigenen, völlig eigenständigen Zweig. Sie ist mit keiner heute gesprochenen Sprache direkt verwandt. Das bedeutet: Albanisch ist weder eine slawische noch eine romanische Sprache, auch keine Variante des Griechischen. Wortschatz und Grammatik haben sich eigenständig entwickelt, auch wenn es im Laufe der Geschichte Einflüsse aus dem Lateinischen, Griechischen, Türkischen oder Italienischen gab.

 

Albaniens Geschichte ist geprägt von Fremdherrschaft, Abgrenzung, Aufständen und immer wieder neuen Versuchen, Eigenständigkeit zu behaupten. In der Antike lebten hier illyrische Stämme, bevor das Gebiet unter römische Herrschaft fiel. Nach der Teilung des Römischen Reiches gehörte es zum Byzantinischen Reich. Im Mittelalter geriet die Region zwischen die Machtinteressen von Byzanz, serbischen Fürstentümern, venezianischen Handelsmächten und später dem Osmanischen Reich.

Besonders prägend war die fast 500-jährige osmanische Herrschaft, die im 15. Jahrhundert begann. Eine zentrale Figur des Widerstands war Gjergj Kastrioti, bekannt als Skanderbeg, der im 15. Jahrhundert über Jahre hinweg erfolgreich gegen die Osmanen kämpfte und bis heute als Nationalheld gilt. (Er wird uns noch oft auf unserer Reise durch Albanien begegnen.) Doch langfristig setzte sich das Osmanische Reich durch, und Albanien blieb bis Anfang des 20. Jahrhunderts Teil dieses Imperiums.

Erst 1912 erklärte Albanien seine Unabhängigkeit – inmitten der Balkankriege, umgeben von Staaten, die eigene Gebietsansprüche stellten. Die folgenden Jahrzehnte waren instabil: kurzzeitig Monarchie, italienische Besatzung, dann deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Kaum war die formale Unabhängigkeit erreicht, geriet das Land erneut unter äußeren Einfluss.

Nach 1944 folgte dann keine klassische Fremdherrschaft, sondern die totale Kontrolle durch einen einzigen Menschen: Enver Hoxha – eine Diktatur, die das Land von der Welt isolierte. Albanische Geschichte ist daher weniger die Geschichte eines kontinuierlichen Staatswesens, sondern vielmehr eine Geschichte des Beharrens auf Eigenständigkeit unter wechselnden Machtverhältnissen. Belagerung, Anpassung, Widerstand, erneuter Aufbruch.

 

Ein missverstandenes Land

In westlichen Gefilden wird Albanien oft schief betrachtet. Pauschal betitelt als „Problemregion“, als „armes Land“, als „Mafia-Land“, wie im Film „Taken“ mit Liam Neeson dargestellt. Dann kennt man noch die Vorurteile bezüglich eines „muslimisch geprägten Landes“ – auch hier zeigt sich wieder die Arroganz, der Rassismus und die Unwissenheit vieler Menschen aus Westeuropa. Albanien war jahrzehntelang ein Land ohne Religion – diese war unter Hoxha verboten, und sämtliche religiöse Praxis stand unter Strafe. Menschen, die in Albanien heute ihren Glauben praktizieren, tun dies nicht dogmatisch, sondern oft als Rückkehr zu kulturellen Wurzeln und zu Traditionen, die lange verboten waren. Albanien gilt sogar als bemerkenswert religiös tolerant. Es gibt kaum bis keine bekannten interreligiösen Konflikte, statistisch so selten, dass sie als Motiv gar nicht erfasst sind.

Überhaupt ist es auffällig, wie wenig wir im Westen tatsächlich über die Geschichte und die Hintergründe der Balkanländer und Südosteuropas wissen. Wie schnell mit Unwissen und vereinfachenden Zuschreibungen geurteilt wird. Wer sich ernsthaft mit der Region beschäftigt, merkt schnell: Diese Länder tragen komplexe Geschichten, Brüche, Traumata – und ganz enorme Transformationsleistungen!

 

Zwischen Aufbruch und Problemen

Albanien zählt heute rund 2,8 Millionen Einwohner*innen. Die Bevölkerung ist jung, doch auch viele junge Menschen wandern aus – in die EU, nach Deutschland, Italien oder Griechenland. Armut und Arbeitslosigkeit sind weiterhin Herausforderungen, auch wenn sich wirtschaftlich in den letzten Jahren viel bewegt hat.

Korruption bleibt ein großes Thema. Reformen im Justizsystem laufen seit Jahren, teils unter starkem Druck der EU, da Albanien EU-Beitrittskandidat ist. Immer wieder kommt es zu Protesten gegen Regierung und politische Eliten – zuletzt auch wegen Korruptionsvorwürfen und wirtschaftlicher Ungleichheit. Und doch: Was für eine Errungenschaft ist es, dass Menschen heute auf die Straße gehen können. Dass sie demonstrieren dürfen. Dass sie laut werden dürfen, ohne verhaftet, gefoltert oder zum Schweigen gebracht zu werden. Für ein Land, das bis 1991 in totaler Isolation lebte, ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern ein enormer Schritt. Wenn man sich vor Augen führt, dass hier noch vor gerade einmal 36 Jahren Menschen eingesperrt, gefoltert und ermordet wurden, weil sie eine andere Meinung hatten oder auch nur im Verdacht standen, illoyal zu sein, dann macht es mich fassungslos, wenn ich in Deutschland höre, man „dürfe ja nichts mehr sagen“.

Doch: Man darf. Meinungsfreiheit bedeutet, seine Meinung äußern zu dürfen, ohne staatliche Repression fürchten zu müssen. Sie bedeutet nicht, dass Widerspruch ausbleibt. Sie bedeutet nicht, dass andere diese Meinung teilen müssen. Und sie bedeutet auch nicht, dass jede Äußerung frei von Kritik bleibt. Meine Meinungsfreiheit schließt immer auch die Freiheit der anderen ein, mir zu widersprechen.

In einem Land wie Albanien wird spürbar, was es heißt, wenn Meinungsfreiheit tatsächlich nicht existiert. Wenn Worte Gefängnis bedeuten konnten. Wenn Kritik lebensgefährlich war. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welch hohes Gut die Freiheit ist, die wir in demokratischen Gesellschaften genießen – und wie selbstverständlich wir sie oft nehmen. Freiheit besteht nicht darin, unwidersprochen zu bleiben, sondern darin, keine Angst vor staatlicher Verfolgung haben zu müssen.

 

Das Kosovo und die albanische Identität

Rund um Albanien leben viele ethnische Albaner*innen außerhalb der heutigen Staatsgrenzen – besonders im Kosovo. Für das Verständnis albanischer Geschichte ist das zentral, denn nationale Identität und staatliche Grenzen decken sich hier nicht vollständig.

Als Albanien 1912 seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erklärte, lebten große Teile der albanischsprachigen Bevölkerung außerhalb des neuen Staatsgebiets. Das Kosovo fiel nach den Balkankriegen an Serbien und wurde später Teil Jugoslawiens. Für viele Albaner*innen bedeutete das, über Generationen hinweg Minderheit in einem anderen Staat zu sein. Im sozialistischen Jugoslawien erhielt das Kosovo zunächst einen Autonomiestatus innerhalb Serbiens. In den 1990er Jahren jedoch, unter der serbischen Führung von Slobodan Milošević, wurde diese Autonomie stark eingeschränkt. Spannungen zwischen der mehrheitlich albanischen Bevölkerung und der serbischen Staatsmacht eskalierten. Repression, Vertreibungen und Gewalt führten schließlich 1998/99 zum Kosovo-Krieg und zur NATO-Intervention. Nach dem Krieg stand das Gebiet unter UN-Verwaltung.

2008 erklärte das Kosovo einseitig seine Unabhängigkeit von Serbien. Bis heute ist sein Status international umstritten. Über 100 Staaten – darunter die USA, Deutschland, Frankreich und die Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten – erkennen das Kosovo als unabhängigen Staat an. Andere Länder, darunter Serbien, Russland, China sowie einige EU-Staaten wie Spanien oder Griechenland, tun dies nicht. Auch deshalb bleibt die politische Lage sensibel.

Für Albanien selbst ist das Kosovo kein „Außen“, sondern historisch, kulturell und familiär eng verbunden. Sprache, Traditionen, Familienstrukturen – all das überschreitet die heutigen Grenzen. Viele Familien haben Verwandte auf beiden Seiten. Gleichzeitig sind es zwei eigenständige Staaten mit eigener Regierung, eigener politischer Dynamik und eigenen Herausforderungen.

Diese grenzüberschreitende Identität ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Region. Albanische Geschichte ist nicht nur die Geschichte eines Staates, sondern auch die einer Bevölkerung, deren kultureller Raum größer ist als die politischen Grenzen, die Anfang des 20. Jahrhunderts gezogen wurden.

 

Landschaft zwischen Alpen und Mittelmeer

Geografisch ist Albanien überraschend vielfältig und abwechslungsreicher, als viele es erwarten. Mehr als zwei Drittel des Landes sind gebirgig. Im Norden ragen die sogenannten Albanischen Alpen in den Himmel, schroff, zerklüftet. Tiefe Täler schneiden sich zwischen steile Felswände, kleine Dörfer kleben an Hängen, Straßen winden sich in engen Serpentinen durch eine Landschaft, die lange nur schwer zugänglich war. Diese Region wirkt rau, ursprünglich und abgeschieden – besonders rund um Theth und Valbona.

Weiter südlich geht das Hochgebirge in hügelige Mittelgebirgslandschaften über. Das Landesinnere ist ein Mosaik aus Bergen, bewaldeten Höhenzügen, weiten Hochplateaus und landwirtschaftlich genutzten Tälern. Flüsse wie der Drin, die Vjosa oder der Shkumbin durchziehen das Land und schaffen fruchtbare Ebenen, in denen Olivenhaine, Zitrusbäume und Felder liegen. Die Vjosa gilt als einer der letzten weitgehend unverbauten Wildflüsse Europas.

Im Westen öffnet sich Albanien zur Adria. Hier liegen breitere Küstenebenen mit Lagunen, Feuchtgebieten und langen Sandstränden. Städte wie Durrës oder Vlora markieren diesen Übergang vom Binnenland zum Meer. Noch eindrucksvoller wird es weiter südlich, wo die sogenannte Albanische Riviera am Ionischen Meer beginnt. Hier stürzen Berge steil ins Wasser, Straßen führen spektakulär entlang von Steilküsten, und immer wieder öffnen sich kleine, türkisfarbene Buchten zwischen hellen Felsen. Das Licht wirkt klar, das Meer fast unrealistisch intensiv in seinen Farben.

Ganz im Süden, an der Grenze zu Griechenland, wird die Landschaft wieder sanfter. Rund um Gjirokastra und die Region Dropull prägen steinerne Häuser, weite Täler und historische Terrassenfelder das Bild. Seen wie der Ohridsee im Osten oder der Prespasee bilden natürliche Grenzräume und zählen zu den ältesten Seen Europas.

Die Flora und Fauna ist entsprechend vielfältig: mediterrane Macchia an der Küste, dichte Buchen- und Eichenwälder in den Bergen, alpine Pflanzen in höheren Lagen. In abgelegenen Gebieten leben noch Wölfe, Schakale und seltene Vogelarten. Viele Regionen sind bis heute nur gering industrialisiert, manche wirken fast unberührt. Gerade diese Mischung aus Wildheit, Ursprünglichkeit und landschaftlicher Schönheit macht einen großen Teil der Faszination aus. Albanien ist kein flaches Reiseland, das sich beiläufig durchqueren lässt. Es ist ein Land, das sich hebt und senkt, das überrascht – und immer wieder neue Ausblicke bereithält.

 

Der Bauboom an der Küste
Entlang der Küste – besonders rund um Vlora, weiter südlich an der sogenannten Albanischen Riviera bis hinunter nach Saranda – erlebt man einen Bauboom, der in seiner Geschwindigkeit beinahe surreal wirkt. Überall ragen Baukräne in den Himmel. Neue Hotelkomplexe entstehen, Apartmenttürme wachsen aus dem Boden, ganze Hanglagen werden terrassiert. Dazwischen halbfertige Rohbauten, angefangene Häuser, riesige Ferienanlagen, die auf Gäste warten, die erst noch kommen müssen.

Es ist ein regelrechter Wettlauf um die Küste.

Internationale Investor*innen – unter anderem aus Italien, den Golfstaaten, der Türkei und zunehmend auch aus westeuropäischen Ländern – entdecken Albanien als „letzte unerschlossene Mittelmeer-Alternative“. Die Preise für Grundstücke sind im Vergleich zu Kroatien oder Montenegro lange moderat gewesen, Genehmigungsverfahren galten als weniger restriktiv, und die Regierung bewirbt das Land offensiv als kommenden Hotspot für Luxus- und Massentourismus.

Die Zahlen der internationalen Besucher*innen sind in den letzten Jahren tatsächlich stark gestiegen. Albanien verzeichnet Rekordzuwächse im Tourismussektor, insbesondere seit der Pandemie. Billigflugverbindungen, Social-Media-Hypes um „unentdeckte Strände“ und der Vergleich mit überlaufenen Mittelmeerregionen befeuern die Entwicklung zusätzlich. Doch wenn man vor Ort steht, fragt man sich unweigerlich: Wer soll das alles füllen? Hunderte Hotels, zahllose Apartmentanlagen, Resorts in nahezu jeder Bucht.

Schon in Montenegro empfanden wir die Küste als massiv bebaut. Hier wirkt es stellenweise, als wolle man diesen Weg noch schneller gehen. Berge werden angeschnitten, Küstenlinien verdichtet, ehemals freie Hänge parzelliert. Es bricht einem das Herz, weil diese Landschaft eine Schönheit besitzt, die zunehmend im Beton verschwindet.

 

Gleichzeitig ist die Motivation dahinter nachvollziehbar. Nach Jahrzehnten wirtschaftlicher Isolation, hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung junger Menschen erscheint der Tourismus als große Chance. Er verspricht Arbeitsplätze, Infrastruktur, Investitionen, Anschluss an Europa. Für viele Familien bedeutet ein kleines Gästehaus, ein Apartment oder ein Restaurant reale Existenzsicherung. Wer wollte ihnen verdenken, dass sie an diesem möglichen Aufschwung teilhaben möchten?

Und doch bleibt die Frage nach Nachhaltigkeit. Die Infrastruktur – Wasser, Abwasser, Müllentsorgung, Verkehr – wächst nicht im gleichen Tempo wie die Bauprojekte. In manchen Orten entsteht der Eindruck einer Entwicklung, die schneller ist als ihre Planung.

Albanien steht hier an einem Scheideweg: zwischen wirtschaftlicher Hoffnung und der Gefahr, jene Ursprünglichkeit zu verlieren, die das Land gerade so besonders macht. Die Küste erzählt damit eine Geschichte, die viele Mittelmeerregionen bereits hinter sich haben – nur dass sie hier in einem atemberaubenden Tempo abläuft.

 

Ein schwieriges Thema: Müll
Ein Thema begegnet uns immer wieder – in Gesprächen, in Foren, in Reiseführern: Müll.

Ja, es gibt in Albanien sichtbare Müllprobleme. Illegale Ablagerungen. Plastik, gefüllte Müllbeutel, Autoreifen, Kühlschränke – alles, was man sich vorstellen kann – in Landschaften, die eigentlich atemberaubend schön sind. Vor allem entlang von Straßen, an Flussufern oder am Rand von Ortschaften wird es deutlich sichtbar. Und ja, das ist ein großes Thema im Land. Aber es wäre zu einfach, das als „Unachtsamkeit“ oder „Desinteresse“ abzutun.

Unter der Diktatur war Konsum extrem eingeschränkt. Verpackungen waren minimal, vieles wurde repariert oder wiederverwendet. Plastik in der heutigen Menge existierte schlicht nicht. Mit der Öffnung des Landes in den 1990er Jahren kamen westliche Produkte – und damit westlicher Verpackungsmüll – in kürzester Zeit in einen Markt, der keinerlei gewachsene Entsorgungsstruktur dafür hatte.

Ein weiterer Faktor liegt in der rasanten Transformation des Landes nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktatur. Innerhalb weniger Jahre wandelte sich Albanien von einer stark kontrollierten Planwirtschaft zu einer offenen Marktwirtschaft. Viele staatliche Strukturen brachen zunächst zusammen oder mussten völlig neu aufgebaut werden – auch im Bereich der kommunalen Infrastruktur. In dieser Phase entstanden vielerorts informelle Siedlungen, Städte wuchsen schnell und ungeplant, während funktionierende Abfall- und Recyclingstrukturen erst langsam aufgebaut wurden. Was heute sichtbar ist, ist deshalb nicht nur ein aktuelles Problem, sondern auch ein Erbe dieser turbulenten Übergangszeit.

Die Müllabfuhr funktioniert vor allem in Städten relativ regelmäßig, doch in ländlichen Regionen ist die Abdeckung bis heute lückenhaft. In manchen Dörfern gibt es Sammelcontainer, in anderen kaum organisierte Entsorgung, Deponien entsprechen nicht überall modernen Standards. Jahrzehntelang fehlten Investitionen, Planungssicherheit und staatliche Kontrolle. Das hinterlässt Spuren.

 

Gleichzeitig lohnt sich ein ehrlicher Vergleich. Müll begegnet uns überall in Europa. Man muss nur eine beliebige Autobahnauffahrt in Deutschland anschauen: weggeworfene McDonald's-Verpackungen en masse, Plastikflaschen im Straßengraben, überquellende Rastplätze. Oder man reist durch Teile Süditaliens, wo illegale Müllablagerungen ebenfalls seit Jahren ein Problem sind. Und seit wir in Sizilien waren muss ich leider sagen: dagegen war Albanien geradzu harmlos!
Der Unterschied ist oft nicht, dass es Müll „bei uns“ nicht gibt – sondern dass wir ihn zu Hause schneller „aus dem Blick“ bekommen.

Während wir in Westeuropa unseren Müll häufig unsichtbar machen – durch genug Geld und somit funktionierende Entsorgungssysteme, Verbrennungsanlagen, aber auch durch Export in andere Weltregionen (Asien und Afrika!) – bleibt er hier in Albanien sichtbarer Teil des Alltags. Das konfrontiert mit einer Realität, die wir selbst mitverursachen: globale Konsummuster, Verpackungsfluten, Billigprodukte. Das Problem ist komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Es ist Teil eines Transformationsprozesses – wirtschaftlich, infrastrukturell und gesellschaftlich. Und es fordert Lösungen, nicht Überheblichkeit.

 

Einkaufen ohne Einkaufszettel
Auch das Einkaufen fühlt sich anders an. Statt großer Discounter dominieren kleine Läden, Gemüsestände, Märkte. Obst und Gemüse sind frisch und regional, oft hervorragend. Doch es gibt keine übervollen Regale wie in vielen westeuropäischen Supermärkten. Es gibt keine Discounterketten. Man geht nicht mit einer festen Einkaufsliste los und bekommt garantiert alles.

Man schaut, was da ist. Und kocht damit.

Es gibt Tage mit guter Auswahl – und Tage mit halbleeren Regalen. Wir fühlen uns oft wie in der alten Sendung „Kochduell“ – ein Einkaufskorb mit wahllosen Zutaten und jetzt: mach was draus! Ich gebe zu, dass es natürlich meinen Blick auf unseren Konsum mal wieder schärft und man sich genau diesen Erfahrungen auf Reisen auch hingeben möchte. Aber ich kann nicht leugnen, dass es auf Dauer auch recht anstrengend ist. Wenn selbst Shampoo, Zahncreme oder Nudeln nicht „einfach so“ zu bekommen sind und jeder Gang in den kleinen Markt zum Überraschungsevent wird, zehrt es hier und da doch an den Nerven.

 

Unsere kommenden Wochen
Vor uns liegen eindrucksvolle Wochen. Wir besuchen Shkodra mit der imposanten Burg Rozafa und der wundervollen albanischen Seite des Skutarisees (hier Liqeni i Shkodrës), wir erkunden Tirana – eine Stadt, die uns schwer beeindruckt mit ihrer Energie und ihrem Wandel. Wir fahren weiter an die Küste nach Vlora und schauen vom Wohnwagen aus in eine wunderschöne Bucht, wir reisen nach Gjirokastra, dem Geburtsort des wunderbaren Schrifstellers Ismail Kadare und erkunden die Stadt mit ihren steinernen Häusern und osmanischem Erbe, und wir besuchen ungeahnt beeindruckende antike Ausgrabungen wie Apollonia und Bylis. Besonders beeindruckt uns der Erfindergeist und der Tatendrang vieler Menschen hier. Man spürt deutlich, wie groß die Motivation ist, etwas auf die Beine zu stellen. Die Albanier*innen begegnen uns offen, gesprächig, herzlich und interessiert.

 

Albanien ist kein perfektes Land. Es ist ein Land im Umbruch. Mit Widersprüchen und Problemen – und einer enormen Kraft.

Vielleicht bewegt uns genau das am meisten: Dass ein Land, das vor etwas mehr als drei Jahrzehnten noch völlig isoliert war, heute offen, neugierig und voller Bewegung ist.

 

Albanien steht für sich.