Bosnien und Herzegowina – ein vielschichtiges Land, das fordert, berührt und nachhaltig wirkt
Bosnien und Herzegowina ist eines der komplexesten und zugleich berührendsten Länder, die wir bislang bereist haben. Es ist ein Staat im südöstlichen Europa, geprägt von einer außergewöhnlich vielfältigen Geschichte, einer politisch komplizierten Gegenwart und einer Landschaft von großer Schönheit. Mit rund 3,2 Millionen Einwohner*innen zählt das Land zu den kleineren Staaten der Region, ist seit 2022 offizieller EU-Beitrittskandidat, ringt jedoch weiterhin mit tief verwurzelten strukturellen und politischen Herausforderungen.
Politische Struktur, Regionen und Identitäten
Bosnien und Herzegowina besteht aus zwei sogenannten Entitäten: der Föderation Bosnien und Herzegowina, in der überwiegend Bosniak*innen (muslimisch geprägt) und Kroat*innen (mehrheitlich katholisch) leben, sowie der Republika Srpska, deren Bevölkerung größtenteils serbisch-orthodox ist. Hinzu kommt der Distrikt Brčko, ein formal eigenständiges Verwaltungsgebiet. Diese komplexe Konstruktion ist ein Ergebnis des Dayton-Friedensabkommens von 1995 und prägt bis heute Politik, Verwaltung und Alltag. Religiöse und ethnische Zugehörigkeiten sind regional deutlich sichtbar, oft sogar auf den ersten Blick: Moscheen, orthodoxe Kirchen und katholische Kathedralen stehen teils nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. In Städten wie Sarajevo überlagern sich diese Ebenen besonders eindrücklich – hier lebten über Jahrhunderte Muslim*innen, Christ*innen und Juden und Jüd*innen Tür an Tür. In anderen Regionen sind die Trennlinien klarer, teils auch bewusst markiert.
Die politische Lage in Bosnien und Herzegowina gilt bis heute als fragil. Der Staat funktioniert formal, ist jedoch durch ein extrem komplexes System aus Vetorechten, ethnisch definierten Machtstrukturen und parallel arbeitenden Institutionen immer wieder stark gelähmt. Grundlage dafür ist das Daytoner Abkommen, das 1995 den Krieg beendete. Ziel dieses Abkommens war es, die Kampfhandlungen sofort zu stoppen und ein Mindestmaß an Stabilität zu schaffen – nicht jedoch, einen langfristig handlungsfähigen Staat zu entwerfen. Entsprechend wurde ein politisches System geschaffen, das ethnische Zugehörigkeit oft über staatliche Einheit stellt. Besonders konfliktgeladen ist bis heute das Verhältnis zwischen der Republika Srpska und dem Gesamtstaat. Die Republika Srpska verfügt über weitreichende Autonomierechte, ihre politische Führung stellt regelmäßig staatliche Institutionen infrage und äußert offen separatistische Tendenzen. Vor allem aus bosniakischer Perspektive wird die Republika Srpska kritisch bewertet, da sie als direkte Folge des Krieges und ethnischer Vertreibungen entstanden ist. Internationale Beobachter*innen sehen hierin eines der größten Stabilitätsrisiken des Landes. Die Spannungen verlaufen dabei weniger entlang der Bevölkerung als vielmehr entlang politischer Eliten. Im Alltag leben Muslim*innen, orthodoxe Christ*innen und katholische Christ*innen heute überwiegend friedlich nebeneinander – oft pragmatisch, manchmal distanziert, aber meist konfliktfrei. In vielen Städten ist das Zusammenleben selbstverständlich, insbesondere in gemischten urbanen Räumen. Gleichzeitig bleiben die Kriegsvergangenheit und unterschiedliche Narrative darüber weiterhin präsent und politisch instrumentalisiert.
Die Stimmung im Land ist entsprechend ambivalent: Viele Menschen zeigen sich politikmüde, frustriert über wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Blockaden im politischen System. Gleichzeitig ist ein starkes Bedürfnis nach Normalität, Stabilität und Zugehörigkeit spürbar – auch im Hinblick auf den EU-Beitritt, der von großen Teilen der Bevölkerung als Hoffnungsträger gesehen wird, selbst wenn der Weg dorthin noch lang und unsicher bleibt.
Landschaft und Natur
Das Land ist überwiegend bergig, durchzogen von den Dinarischen Alpen, mit tief eingeschnittenen Tälern und eindrucksvollen Flussläufen. Die Neretva, die Una oder die Drina gehören zu den klarsten und landschaftlich eindrucksvollsten Flüssen Europas. Im Norden zeichnet sich die Landschaft durch Hochplateaus, dichte Wälder, grüne Täler und landwirtschaftliche Nutzung aus. Das Klima ist hier feuchter. Die Herzegowina, die wir durchreisen, unterscheidet sich landschaftlich deutlich. Die Region ist geprägt von kargen Karstlandschaften, hellen Kalksteinbergen, weiten Hochebenen und tief eingeschnittenen Flusstälern. Das Klima ist spürbar milder und trockener, mit mediterranen Einflüssen, die sich vor allem im Süden bemerkbar machen. Flüsse wie die Neretva oder die Buna durchziehen die Landschaft in intensivem Türkisgrün und bilden fruchtbare Oasen in einer ansonsten eher rauen Umgebung. Olivenbäume, Feigen, Weinreben und niedrige Macchia bestimmen vielerorts das Bild. Insgesamt wirkt die Herzegowina offener, steiniger und „südlicher“ als Bosnien – weniger bewaldet, dafür mit einer fast archaischen Schönheit.
Geschichte als ständige Begleiterin
Bosnien und Herzegowina wird für uns das Land sein, in dem wir uns am intensivsten mit der Geschichte Jugoslawiens auseinandersetzen. Mit der Person Josip Broz Tito und seiner ambivalenten Rolle als Staatschef eines sozialistischen Vielvölkerstaates, mit dem Versuch eines gemeinsamen jugoslawischen Projekts – und dessen Scheitern. Wir besuchen den Tito-Bunker bei Konjic, ein Monument des Kalten Krieges, das Machtanspruch, Angst und politische Paranoia gleichermaßen sichtbar macht.
Ein zentraler Schwerpunkt unserer Zeit hier ist die Auseinandersetzung mit dem Bosnienkrieg (1992–1995). Im Jahr des 30. Jahrestags des Völkermords von Srebrenica ist diese Erinnerung besonders präsent. In Mostar besuchen wir das Museum, das sich mit den Verbrechen und der systematischen Gewalt gegen die Zivilbevölkerung beschäftigt. In Sarajevo gehen wir durch den Tunnel of Hope, der während der Belagerung die einzige Verbindung der Stadt zur Außenwelt darstellte.
Auffällig ist, wie offen hier vielerorts mit der Kriegsvergangenheit umgegangen wird. Anders als in Serbien sind die Spuren des Krieges nicht überdeckt oder unsichtbar gemacht: Zerstörte Häuser stehen bewusst als Mahnmale, Einschusslöcher prägen Fassaden und Wohnhäuser bis heute. Diese Präsenz der Vergangenheit wirkt nicht inszeniert, sondern alltäglich – und genau dadurch besonders eindringlich.
Sehr bewegt hat uns der Besuch der ältesten Moschee in Mostar, wo wir freundlich empfangen werden und Daniel sich die 94 Stufen des Minaretts hinaufwagt, sowie der daneben gelegene Friedhof. Hier sind vor allem bosniakische Opfer und Gefallene aus Mostar beerdigt – überwiegend junge Männer, viele von ihnen getötet während der schweren Kämpfe und der Belagerung der Stadt, insbesondere in den Jahren 1993 und 1994.
Begegnungen, Alltag und Kultur
Was uns immer wieder erfreut, ist die Freundlichkeit und Offenheit der Menschen. Generell fühlt man sich einfach wohl. Alles wirkt stets unkompliziert, herzlich, offen. Die Städte sind belebt, Menschen leben und lieben hier ihre Kaffeekultur. Bosanska kafa, ähnlich dem türkischen Kaffee, wird sehr fein gemahlen und in einer kleinen Kanne, der džezva, aufgekocht. Serviert wird er in kleinen Tassen, oft begleitet von einem Glas Wasser und etwas Süßem wie Lokum oder Zuckerwürfeln. Getrunken wird der Kaffee nicht hastig, sondern in Ruhe und Gesellschaft. Er ist Anlass für Gespräche, zum Verweilen und Beobachten – nicht nur als Getränk, sondern als soziales Ritual. Auch kulinarisch ist Bosnien und Herzegowina ein Land des Überflusses: kräftige Fleischgerichte, gefülltes Gemüse, frisches Fladenbrot, dazu eine beeindruckende Auswahl an Baklava-Varianten und anderen Süßspeisen, die osmanische, mediterrane und lokale Traditionen verbinden.
Besonders in Erinnerung bleibt uns der Campingplatz Sarajevo, geführt von einer außergewöhnlich netten Gastgeber*innenfamilie, bei der wir uns vom ersten Moment an willkommen fühlen. Hier verbringen wir gemeinsam mit einem supernetten Schweizer Pärchen einen feucht-fröhlichen Gorki-Abend mit selbstgemachtem Curry-Popcorn – einer dieser kleinen, ungeplanten Momente, die auf Reisen oft am stärksten nachhallen. An diesem Abend lernen wir auch Stefano kennen: Musiker, Genießer, Italiener, unterwegs mit seinem Freund Umberto. Gespräche über Musik, Essen, Limoncello, Reisen und Leben ziehen sich bis spät in die Nacht, und wir bleiben auch über diese Begegnung hinaus in Kontakt – in der Hoffnung, uns während unserer Zeit in Italien wiederzusehen! Stefano, wir kommen!
Ein weiterer besonderer Ort wird das Rivercamp nahe Stolac sein, idyllisch gelegen inmitten der herzegowinischen Landschaft. Hier essen wir frisch gegrillten Fisch direkt aus dem Fluss, sitzen am Wasser und trinken das beste alkoholfreie Bier unserer bisherigen Reise.
Bosnien und Herzegowina hat mich bislang mit am stärksten berührt. Es rangiert für mich bereits jetzt unter den Top 3 unserer bisherigen Reiseziele. Die Mischung aus landschaftlicher Schönheit, historischer Tiefe, herzlichem Alltagsleben und neuen Eindrücken macht dieses Land besonders – nicht immer leicht, nicht immer bequem, aber ungemein eindrucksvoll.
Autofahrten und Aus-dem-Fenster-Eindrücke