Serbien & Kroatien



Ankunft in Serbien und erste Gedanken


Festung Golubac

und Kloster Tumane 


Lepenski Vir

 


Belgrad

 



Blind Guardian Konzert Belgrad


Kroatien und das Broken Windshield 


Zagreb

 


Bribirska glavica, Asseria, Strand & Sonne


Ankunft in Serbien - erste Gedanken

 

Wir brechen auf Richtung Serbien und wissen, dass der Grenzübergang nicht weit ist, den Damm über die Donau haben wir ja schon vom Boot aus gesehen. Und doch verpassen wir fast die Grenze, denn nirgendwo ein Schild! Ausgewiesen sind die nächsten rumänischen Orte und so etwas wie „Bukarest 350 km“, aber dass es hier nach Serbien gehen soll? Neee … als ob man den Weg in dieses Land nicht so unterstützenswert findet. Erst auf den letzten Metern auf einmal ein Pfeil: „Hier rechts“. Richtig fein mit Wohnwagen eine Vollbremsung hinzulegen und quasi blind abzubiegen. Wir landen in einem merkwürdigen „Zwischenfeld“ – ein betonierter, größerer Abschnitt, eher wie ein Parkplatz, begrenzt durch Verkehrshütchen. Weiter unten staut sich der Verkehr – da ist die lange Schlange, die über die Grenze möchte. Wo diese ganzen Autos herkommen, wo diese Schlange endet (da es doch nur eine Hauptverkehrsstraße entlang der Donau gibt, auf der wir gekommen sind), wird für immer ein Geheimnis bleiben. Ich steige kurzerhand aus, stelle zwei Verkehrshütchen beiseite und Daniel mogelt sich stumpf in die Schlange. Sorry, we’re not from here.

 

Heute verlassen wir das erste Mal die EU und geplant ist, diese erst in Griechenland wieder zu betreten. Serbien, Bosnien, Montenegro, Albanien warten auf uns, wir sind so gespannt! Was ist anders, was ist neu, was ist wie gedacht und was überrascht uns am meisten?! Der Übergang nach Serbien verläuft problemlos und doch ein bisschen eigenartig. Die Beamtin erinnert an eine imperiale Kollegin von Dedra aus ANDOR und lässt sich alle Länder aufzählen, durch die wir noch reisen wollen. Ich sage alles fleißig auf und frage mich später, warum wir nicht einfach gesagt haben: „Wir fahren nur durch nach Kroatien und dann wieder heim.“ Aber ich rattere artig den ganzen Reiseplan runter, sie „bewilligt“ ihn kopfnickend und fragt dann noch mehrfach, ob wir rauchen und ob wir Tabakwaren dabei haben. Nein, nein, nein. Es folgt immerhin keine Durchsicht des Weini – das hatten wir bisher nur in Polen und Rumänien. Wir können also rein ins Land von … nun ja … Milošević, Karadžić, Mladić …

 

Natürlich hat Serbien so viel mehr Geschichte als die des Krieges. Ich könnte auch sagen, es ist das Land von Nikola Tesla, Marina Abramović, Milutin Milanković und Biljana Srbljanović. 

Aber wie könnten wir, kurz nachdem sich der Völkermord von Srebrenica in diesem Juli zum 30. Mal jährte, dieses Wissen ausblenden und unbeschwert durch dieses Land reisen? Wir hören während der Fahrten Podcasts vom DLF, verfolgen Beiträge über die Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens und werden uns auch in den nächsten Wochen immer wieder mit der Geschichte des Bosnienkrieges und Jugoslawiens auseinandersetzen. Wir erfahren dabei immer wieder, wie selektiv die Reflexion über die Rolle Serbiens stattfindet.

In Serbien existiert keine staatlich getragene, konsistente Anerkennung der eigenen Verantwortung im Bosnienkrieg. Stattdessen gibt es: parallele Narrative, Auslassungen, Relativierungen und Verschiebung von Schuld auf „alle Seiten“. In vielen serbischen Schulbüchern wird der Bosnienkrieg als „Bürgerkrieg“ oder „Konflikt der 1990er Jahre“ bezeichnet und stark verkürzt dargestellt, ohne klare Benennung von Täter*innen und Opfern vermittelt. Typisch sind Formulierungen wie: „Während der Auflösung Jugoslawiens kam es zu bewaffneten Konflikten zwischen ethnischen Gruppen.“ Was häufig fehlt: der Begriff Völkermord im Zusammenhang mit Srebrenica, eine klare Zuordnung staatlicher Verantwortung und Hinweise auf internationale Gerichtsurteile. (Tja, erinnert an heute. Wann fangen wir an, Völkermorde als Völkermorde zu benennen?!)

 

Und dann gibt es die andere Seite. Die Stimmen, die heute Transparenz, Auseinandersetzung und Demokratie fordern. In Serbien ist es unruhig, es gibt Proteste, politische Unruhen, Menschen, die auf der Straße gegen Korruption ihre Stimme erheben. Auch während unserer Reise gibt es in Belgrad Unruhen, als wir in der Stadt sind, bleibt es aber friedlich.

Die Proteste begannen im November 2024, ausgelöst durch den Einsturz eines Bahnhofs-Vordachs in Novi Sad, bei dem 16 Menschen starben. Viele sahen darin nicht nur ein Unglück, sondern einen Ausdruck von staatlicher Korruption, Misswirtschaft und fehlender Verantwortung. Das Unglück wurde schnell zum Symbol tief verwurzelter Probleme. Studierende und junge Menschen, die sich aus Trauer und Wut zusammenschlossen, formten die ersten Proteste, schließlich folgten immer breitere Teile der Bevölkerung. Die Regierung reagierte, wie sollte es anders sein, mit polizeilichen Repressionen, Festnahmen und Konfrontationen. Forderungen nach Neuwahlen wurden abgelehnt und die Staatsführung wirft den Protestierenden vor, sie seien „ausländisch gesteuert“ oder „illegal“. Aleksandar Vučić und seine Partei (SNS) dominieren seit über einem Jahrzehnt die politischen Institutionen. Vučić war in den 1990er Jahren Mitglied der Serbischen Radikalen Partei (SRS), Teil eines offen ultranationalistischen, teils extremistischen Milieus und außerdem Informationsminister unter Milošević. Politisch war er stets eng verbunden mit Ideologien, die ethnischen Nationalismus, Kriegsrhetorik und autoritäre Medienpolitik vertraten. Er drohte im Belgrader Parlament 1995 damit, dass man für jeden getöteten Serben hundert Muslime umbringen werde. Kritik von internationaler Seite an mangelnder Unabhängigkeit von Medien und Justiz in Serbien existierte schon vor den aktuellen Protesten.

 

Trotz aller Brüche und ungelöster Fragen bleibt die Hoffnung, dass sich auch in Serbien demokratische Strukturen weiter festigen.

Wie überall in Europa zeigt sich, dass vor allem junge Stimmen Veränderung einfordern, Transparenz verlangen und autoritäre Denkmuster hinterfragen. Demokratie ist kein abgeschlossener Zustand, sondern ein Prozess – auch hier.

Es bleibt die Hoffnung, dass langfristig jene Kräfte stärker werden, die Rechtsstaatlichkeit, offene Debatten und gesellschaftliche Verantwortung in den Mittelpunkt stellen. Nationale Abschottung, Korruption und Machtkonzentration sind keine serbischen Besonderheiten, sondern europäische Herausforderungen. Umso entscheidender ist es, dass sich demokratische Bewegungen vernetzen, gehört werden und politischen Raum gewinnen.

 

Trotz ambivalenter Gefühle überwiegen für uns die guten Erfahrungen in diesem Land. Die Menschen begegnen uns sehr offen und gastfreundlich, sie sind hilfsbereit, freundlich und wir verlieben uns außerdem vom Fleck weg in Belgrad. Was für eine interessante, spannende Stadt mit jungen Menschen, Craft Beer, bestem Essen, Jugonostalgie und moderner, alternativer Szene, mit Kultur und Beton, sozialistischen Bauten und neuen Hochhäusern, mit Donau und Parks, mit Ausblicken und Hinterhöfen. Aber dazu später mehr! Denn nun fahren wir erst einmal zu unserem ersten Campingplatz. Wir fahren an der Donau entlang und bewundern den breiten Fluss, die Berge und Felswände. Wie schön es hier ist! Da vergisst man doch glatt alle ambivalenten Politik-Gefühle und freut sich ausschließlich über diese wundervolle Natur! Was uns besonders amüsiert (und schwierig einzufangen ist während der Fahrt) sind die unglaublich vielen kleinen Wohnwagen direkt am Ufer - oft so nah an der Kante, dass man sich fragt, wie sie dort überhaupt platziert wurden und warum sie noch nicht in den Fluss gerutscht sind. Viele nutzen sie als provisorische Unterkünfte fürs Angeln. Rechtlich bewegt sich das Ganze in einer Grauzone. Dauerhaftes Abstellen von Wohnwagen im öffentlichen Uferbereich ist offiziell nicht vorgesehen aber in der Praxis wird es in vielen Regionen häufig geduldet. Bei uns wird es schnell zum Running Gag - wenn unser Weini irgendwann nicht mehr will, kommt er an die Donau.

 

Am Campingplatz Asin angekommen, werden wir von Milena empfangen, der freundlichsten Gastgeberin, die man sich vorstellen kann. Sie bringt uns Limonade mit Eiswürfeln und zeigt uns ihren wunderschönen Platz mitten im Đerdap-Nationalpark. Wir sind (und bleiben) fast die einzigen Gäste, ein anderer Wohnwagen steht auf der Wiese, ist aber unbewohnt, und ein kleines Zelt dessen Bewohner nach dem baldigen Starkregen aber weiterreist. Wir haben ein richtiges „Freistehen-Gefühl“.

Zu Beginn der Reise haben wir uns hin und wieder gefragt: Wird man es doch vermissen, nicht so frei stehen zu können wie Wohnmobile und Vanlifer*innen?! Aber ich kann verraten: Nein. Zum einen ist Freistehen in fast keinem Land mehr erlaubt. Zum anderen hatten wir das große Glück, bis jetzt auf der gesamten Reise (ganz wenige Ausnahmen) die schönsten Campingplätze zu besuchen. Gerade nach der Hauptsaison wurde es so ruhig, dass wir auf einigen Plätzen fast alleine waren, unter Olivenbäumen chillten, aufs Meer blicken konnten oder in Buchten saßen, am Fluss grillten. Dazu die Annehmlichkeiten von Duschen und WC oder gar einem kleinen Restaurant und natürlich Entsorgungsstationen … ach, wir brauchen das freie Stehen nicht wirklich.

Camping Asin war auf jeden Fall ein Höhepunkt. Wir haben uns bei Milena besonders wohlgefühlt und haben in der Hitze gebraten, den Sternenhimmel bewundert, nachts Tiere rascheln gehört, Starkregen abgewartet und das Vorzelt mit Besenkonstruktionen am Durchhängen gehindert, serbische Würstchen gegrillt, Greifvögel beobachtet und die Ruhe genossen.