Camping Maslina
Spätsommer, Spielraum, sympathische Menschen und süße Katzen
Nach unserem Aufenthalt in der Bucht von Kotor führt uns unser Weg weiter Richtung Süden, an die montenegrinische Adriaküste. Unser nächster Stopp: Camping Maslina. Die Fahrt ist nicht weit – zumindest auf der Karte sind es nur 65 km. Die Realität: wieder durch die Bucht, wieder durch den montenegrinischen Verkehr - diesmal mit Wohnwagen - und sich von den überholenden Motorrädern und Autos nicht aus der Ruhe bringen lassen. Dann denkt man "geschafft", Kotor liegt hinter einem... aber es folgt eine Baustelle nach der anderen. Und damit sind keine Fahrbahnverengungen gemeint sondern Straßen, die noch gar nicht so recht existieren. Irgendwie wird die Bahn gebaut, während man darauf fährt. Schwer zu beschreiben, noch schwerer zu befahren. Es holpert, es wackelt, es ruckelt und zuckelt und man hofft, dass hinten im Wohnwagen alles überlebt. Dann, irgendwann bei Budva, geschafft. Die breite Küstenstraße führt uns nun die letzten Kilometer sicher und ruhig mit schönen Ausblicken bis zum Campingplatz. Dieser liegt unweit von Petrovac na moru, fast direkt am Meer. Hier werden wir über eine Woche verweilen; ein bisschen unfreiwillig, weil ich das erste Mal auf unserer Reise krank werde und drei Tage mit grippalem Infekt im Bett verbringen muss. Aber die übrigen Tage sind ein Träumchen: Man läuft vom Campingplatz aus über einen kleinen, mit Schilf bewachsenen Weg und schon sieht man eine wunderschöne Bucht. Als wir ankommen, haben wir Glück: Es sind die letzten zwei Tage, an denen die Strandbar noch geöffnet hat. Langsam kehrt überall die Nachsaison ein, Restaurants schließen, selbst kleine Supermärkte, die nur für die Touristen in der Nähe von Campingplätzen ihren Standort haben, machen zu, an den Stränden wird alles eingepackt und verstaut. Aber wir genießen noch die letzten Tage der Saison, gönnen uns zwei der Liegen mit Strohsonnenschirmchen... Cocktails in der Hand, die Sonne noch warm genug, um den Sommer nicht ganz loszulassen. Ich gehe sogar noch schwimmen – das Wasser ist frisch, aber herrlich klar. Daniel ist es bereits eine Spur zu kühl und er bleibt lieber an Land. Wir genießen die Sonne, das Meer – und planen ganz in Ruhe unsere nächsten Ausflüge.
Unsere gebrochene Katzen-Barriere
Wir haben uns auf dieser Reise immer wieder selbst untersagt Katzen oder Hunde zu füttern. Zu groß ist die Sorge, auf einmal eine ganze Hundertschaft Tiere anzulocken. So sehr man sie liebt, so sehr sie einem leid tun – es kann extrem anstrengend sein, wenn man die Wohnwagentür kaum noch öffnen oder draußen nicht mehr kochen kann, weil man förmlich belagert wird. (Dass dies in Griechenland stellenweise unser Alltag sein wird, wissen wir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht.) Außerdem habe ich immer die Sorge, dass man sich emotional zu sehr verfängt. Ich weiß, wie das ist – zuerst ein paar Reste vom Abendessen, dann fängt man an Katzenfutter zu kaufen, dann sitzen sie auf deinem Stuhl und man selbst hockt auf dem Tritt, dann schlafen sie auf dem Schoß, dann hocken sie im Wohnwagen... und am Ende will man sie gar nicht mehr gehen lassen und es bricht einem das Herz, sie doch zurücklassen zu müssen (denn das haben wir gemeinsam klar besprochen: wir werden nicht mit einem Tier reisen). Tja, Spoiler, all das wird passieren: Katzen im Wohnwagen, Katzen auf Stühlen, Katzen auf dem Schoß, im Arm, auf den Schultern, Katzen an die man sich gewöhnt und die man am liebsten mitnehmen würde. In Griechenland werde ich noch viele Tränen vergießen wegen Katzen, die sich viel zu tief ins Herz schleichen.
Hier in Montenegro werden wir das erste Mal schwach.
Ein getigerter Kater, den wir Finn 2 nennen – in Erinnerung an Daniels verstorbenen WG-Kater Finn – erorbert nach und nach seinen Platz bei uns. Und dann ist da noch die "Maunzekatze", die uns eigentlich hardcore nervt, weil sie DIE GANZE Zeit maunzt. Wirklich. Ohne Pause. Und trotzdem: Auch sie gehört dazu und ich finde mich plötzlich wieder in internen Katzenkämpfen, bei denen ich Maunzis Napf vor großen Katern verteidige und am Spülbecken, wo man Zeit investiert, um leere Joghurtbecher auszuwaschen, um noch ein paar mehr Futternäpfe "herstellen zu können". Ab diesem Moment wandern bei jedem Supermarkteinkauf diverse Dosen und Pakete Katzenfutter ganz selbstverständlich in unseren Einkaufswagen. Barriere gefallen.
Begegnungen, die bleiben
Und dann passiert etwas ganz unerwartetes: wir lernen die besten, sympathischsten Menschen kennen und mal wieder bin ich ganz verblüfft, wie natürlich sich auf Reisen Dinge entwickeln können. Ohne, dass man es in der Hand hat - durch Zufälle, durch einfach "Dasein"... sieht man die interessantesten Dinge, hat tolle Begegnungen oder trifft sogar Menschen, mit denen es mehr als nur ein flüchtiger Moment wird.
Silke und Jochem stehen mit ihrem Wohnmobil direkt neben uns. Wie genau wir ins Gespräch kommen, weiß ich gar nicht mehr. Ich glaube, ich spreche mit Silke über ein klassisches Camper-Thema – das Wäschewaschen. Wir beginnen zu plaudern, Jochem und Daniel gesellen sich dazu – und da stehen wir, reden, lachen, erzählen. Noch am selben Abend stellen wir Tische und Stühle zusammen und essen gemeinsam.
Silke und Jochem nehmen sich ebenfalls eine Auszeit: sechs Monate Unterwegssein. Ein Teil davon mit dem Wohnmobil durch Europa, ein zweiter Teil über den Winter in Costa Rica. Jochem ist Gleitschirmflieger und hat seine Ausrüstung dabei und fliegt unterwegs immer wieder von verschiedenen Spots aus. Das macht natürlich neugierig und ich habe vieeele Fragen übers Fliegen, Wind, Wetter, Ausrüstung. Mit Silke werde ich noch 101 weitere Themen finden.
Silke und Jochem kennengelernt zu haben ist ein Geschenk. Wenn es ganz unaufgeregt, zwanglos und ohne Druck passt... wenn man gemeinsam Dinge planen und erleben kann, ohne dass es anstrengend ist, sondern einfach nur natürlich und bereichernd.. dann ist das perfekt. Und was noch ein besonderer Bonus ist: ein ähnlicher Blick auf das Leben, ähnliche Werte, ähnliche Grundannahmen. Auch wenn unsere Leben im Alltag unterschiedlich sein mögen, so fühlt sich die Basis, die innere Haltung doch vertraut an. Für uns ist es außerdem das erste Mal, sich mit Menschen austauschen können, die eine ähnliche Zeit erleben – wie ist es wirklich unterwegs zu sein, was ist anders als gedacht, was ist besonders toll, was herausfordernd, wie ist es als Paar, wie fühlt es sich an, fern von Zuhause und Freund*innen und Familie zu sein, wenn es dort Menschen gibt, für die man gerne da wäre, welche Länder und Routen hat man wie erlebt... und was macht das Reisen generell mit einem.
Ich kann kaum glauben, dass wir auf drei Campingplätzen gemeinsam Zeit verbringen werden und es nicht schaffen auch NUR EIN SELFIE ZU MACHEN! Wir haben kein Foto mit Silke und Jochem! Unglaublich!
Spielraum
Wofür ich Silke vermutlich immer dankbar sein werde: Sie weckt etwas in mir, das tatsächlich ein bisschen verschollen war. Meine große Leidenschaft am Spielen. Auch wenn ich ein Einzelkind bin
und meist nur drei Personen am Tisch saßen, spielten wir früher ausgiebig. Gesellschaftsspiele und alles, was zu dritt möglich war. Später dann Canasta, Poker, Roulette – und bis heute unser
Favorit: Skat. Das setzte sich in meiner WG-Zeit fort. Abendelang, nächtelang wurde Karten gespielt, gepokert, Personenraten -> im High-Level-Endgame-Modus! Wir waren der Wetterhahn auf der
Kirche. (Ach Nitsen, Judith, Anna, Frauke - ich denk an euch!)
Ich liebe Spielen. Es hat etwas Gemeinschaftliches. Es fordert. Das Hirn muss – je nach Spiel – interessante Verrenkungen anstellen. Man denkt, pokert, plant, versucht. Mit dem Berufsalltag
verschwindet diese Leidenschaft leise. Wie so vieles, das im immer gleichen Modus Operandi untergeht. Wenig Spielraum – im wahrsten Sinne des Wortes.
Und auch hierfür ist dieses Jahr gedacht: Raum und Zeit zu finden, um wieder zu spüren, was gut tut. Was Freude macht.
Und dann kommen Silke und Jochem um die Ecke – zwei spielfanatische Menschen, die in ihrem Alltag gaaanz viel "Spielraum" haben: Große, aufwändige Spiele mit Familie und Freund*innen. Kleine Spiele, die in jede Tasche passen und Wartezeiten oder Kaffeepausen füllen. Ein ganzes Spielewochenende – laut Tochter das wichtigste Wochenende im Jahr – bei dem Freund*innen bereits generationenübergreifend zusammenkommen und spielen bis zum… nun ja... von umfallenden Menschen habe ich nichts gehört, aber ich vermute ein zeitliches Ausmaß, das manchen die Tränen in die Augen treiben würde.
So richtig zum Spielen kommen wir erst später, in Albanien. Aber der Impuls wirkt nach. Auch wir haben Spiele dabei, die noch unangetastet sind – plötzlich sind wir hochmotiviert. Es werden noch einige Spieleabende folgen. Und es geht sogar so weit, dass ich derart angefixt bin, dass unser Freund Nino in seinem Carepaket, das er uns im November nach Griechenland schicken wird, gleich drei neue Spiele mitschicken muss.
Pläne und Wiedersehen
Zurück zu Camping Maslina. Silke hat die schöne Idee, dass wir unseren nächsten Stopp gemeinsam buchen: eine Tour auf dem Skutarisee. Doch meine Krankheit macht uns einen Strich durch die Rechnung. Der Plan fällt aus, bzw. werden wir den Skutarisee jeweils alleine bereisen. Silke und Jochem fahren "schonmal vor", erkunden noch ein wenig den Norden Montenegros – wollen dorthin, wo wir bei unserem Ausflug ins Durmitor-Gebirge bereits waren und müssen leider abbrechen, denn dort wartet der schon erwähnte Wintereinbruch! Also wieder südwärts – Albanien ist unser gemeinsames nächstes Ziel.
Also kein Abschied. Nur ein „Bis bald“. Camping Tirana steht für uns alle auf dem Plan. Und wir freuen uns schon jetzt darauf, dass sich unsere Wege erneut kreuzen werden.