Zagreb

 

Zagreb ist das politische, kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Kroatiens und hat ca. 800.000 Einwohner. Die Innenstadt ist übersichtlich, es gibt ein gut ausgebautes Straßenbahnnetz, zusätzlich Busse und man findet sich recht leicht zurecht. Am besten lässt sich Zagreb zu Fuß erkunden. Das historische Herz der Stadt besteht aus der Oberstadt (Gornji Grad) mit ihren engen Gassen, der Markuskirche mit dem markanten Ziegeldach und dem Kamenita vrata – das Steinerne Tor. Es ist eines der letzten erhaltenen Stadttore und zugleich ein aktiver religiöser Ort. In einer Nische befindet sich ein Marienbild, das einen Stadtbrand im 18. Jahrhundert unversehrt überstanden haben soll. Seitdem gilt der Ort als Schutzstätte. Die vielen kleinen Tafeln an den Wänden sind Dankes- und Votivtafeln von Gläubigen, die hier für Hilfe, Heilung oder Beistand danken.

Die Unterstadt (Donji Grad) ist geprägt von breiten Boulevards, Parks, Museen und repräsentativen Gebäuden aus der habsburgischen Zeit. Zentraler Treffpunkt ist der Ban-Jelačić-Platz, von dem aus sich viele Wege durch die Stadt verzweigen. Ein fester Bestandteil des Stadtlebens ist außerdem der Dolac-Markt, auf dem täglich frische Lebensmittel angeboten werden.

 

Zagreb wirkt weniger touristisch als die vielen Küstenstädte Kroatiens. Cafés, Parks und Märkte werden vor allem von Einheimischen genutzt. Ich finde die Stadt hat eine unaufgeregte Atmosphäre und es ist unkompliziert sich hier aufzuhalten, herumzulaufen, leckere Pizza zu essen, Läden zu erkunden. (Außerhalb von Italien haben wir übrigens die absolut besten Pizzen stets in Kroatien gegessen! Das hängt mit dem starken italienischen Einfluss zusammen, besonders natürlich in Dalmatien und Istrien. Viele Familien haben italienische Wurzeln oder haben zeitweise in Italien gelebt und Kochtraditionen mitgebracht. Schon in der Zeit Jugoslawien war Pizza Teil der kroatischen Alltagsküche.)

 

Wir bleiben recht lange in einem fantastischen Platten-und-Metalmerch-Laden hängen: Maldoror music. Ich kann es nicht wirklich schätzen, aber sie haben gewiss zwischen 700 und 1000 verschiedene Bandshirts. Die Besitzer sind 2 Brüder, einer von ihnen hat eine Zeit in Deutschland gelebt und so werden wir gleich freundlich auf deutsch beraten. Es gibt übrigens auch einen Onlineshop; ich befürichte, Daniel wird von Deutschland aus nochmal eine Großbestellung aufgeben ;-) Bei unserem Besuch werden es 4 Oldschool-Shirts: Anthrax, Slayer, Death, Darkthrone. Daniel ist sehr glücklich. Ich decke mich mit neuen Patches und Buttons ein.

 

Weiter gehts - wieder musikalisch. Wir statten dem New Wave Rock and Roll Museum einen Besuch ab. Dieser Ort ist ganz nach unserem Geschmack: eine Mischung zwischen Plattenladen und Ausstellungsort. Gezeigt wird die Musik- und Jugendkultur der 1970er und 1980er Jahre in der "Jugo-Wave Szene". New Wave und Punk spielten in dieser Zeit eine große Rolle und waren Ausdruck von Freigeist, gesellschaftskritik und gelebter Independentkultur. Gezeigt werden Plakate, Fanzines, Vinyl-Platten, Fotos, Konzertberichte, Kleidungsstücke und Instrumente. Zu vielen Bands lassen sich Texte lesen und QR Codes scannen und man kann per Handy in die Musik reinhören.

____

 

Eine kleine Zeitreise in den 70er und 80er Jugowave

 

Wenn wir heute von Goth Rock, Postpunk oder Dark Wave sprechen, denken die wenigsten Menschen an den Balkan. Doch gerade hier entwickelten sich eigenständige, regional geprägte Formen alternativer Musik. Ein prägnantes Beispiel ist die mazedonische Band Padot Na Vizantija, die in den frühen 1980er-Jahren Postpunk, Dark Wave und Goth Rock mit byzantinisch anmutenden Elementen verband. Die 1983 in Skopje gegründete Band wurde häufig als das „jugoslawische Bauhaus“ bezeichnet und prägte trotz ihres kurzen Bestehens die Szene nachhaltig.

Überhaupt mangelte es dem ehemaligen Jugoslawien nicht an Musik. Die 1970er- und 1980er-Jahre gelten als Blütezeit der Pop-, Rock- und Subkulturszenen. Zu dieser Zeit hatte sich das Land zu einem vergleichsweise offenen Staat entwickelt. Die Phase enger politischer Bindungen an Stalins Sowjetunion lag längst zurück, und unter Josip Broz Tito verfügte Jugoslawien über eine Sonderstellung zwischen Ost und West. Reisefreiheit, internationale Kontakte und ein höherer Grad an kultureller Offenheit unterschieden das Land deutlich von anderen sozialistischen Staaten.

Ein symbolischer Beginn der Punkbewegung liegt im Jahr 1976 in Rijeka, wo der Schriftzug „Paraf Punk“ den Start einer neuen Gegenkultur markiert. Die Band Paraf gilt als eine der ersten Punkbands des Landes und spielte 1978 das erste offiziell anerkannte Punk-Konzert im ehemaligen Jugoslawien.

 

Punk, New Wave, Postpunk und Dark Wave entstanden unter Bedingungen, die zugleich Freiräume boten und klare Grenzen setzten. Offene Konfrontation mit dem Staat war riskant, doch das System reagierte selten mit harter Repression. Stattdessen griff es häufig zu subtileren Mitteln. Eine davon war die sogenannte „Müllsteuer“, die auf Tonträger mit angeblich „zweifelhaftem kulturellem Wert“ erhoben wurde. Diese Sonderabgabe führte dazu, dass sich der Preis einer Schallplatte oder CD nahezu verdoppelte und alternative Musik wirtschaftlich benachteiligte.

Hinzu kamen Zensurmaßnahmen, veränderte Plattencover und unterbrochene Konzerte. Kritik wurde deshalb oft indirekt formuliert. Ironie, Mehrdeutigkeit und bewusste Doppelbödigkeiten wurden zu zentralen Stilmitteln, um gesellschaftliche Missstände zu thematisieren, ohne zu offen anzuecken. Auch nach dem Zerfall Jugoslawiens wirkt dieses musikalische Erbe fort. Punk und New Wave haben hier Generationen von Musiker*innen geprägt.

 _____

 

Wir ziehen an diesem Tag noch ein wenig weiter durch die Altstadtgassen und kehren in den ein oder anderen Pub ein. Wir trinken leckeres Bier im Tolkien’s House, eine thematisch gestaltete Bar, inspiriert von der Welt J. R. R. Tolkiens. Eine Mischung aus Fantasy-Taverne und Craftbeer-Bar. Es gibt eine interessante Auswahl an Bieren... und Spielen, siehe Fotos :-) Viele verabreden sich hier zu Brett- und Rollenspielen; in den Regalen stehen Spiele zum Ausleihen bereit.

 

Zum Schluss nehmen wir noch einen Absacker in der Valhalla Beer Bar und warten einen kräftigen Strakregen ab. Bzw. denken wir abwarten zu können - aber es hört nicht auf und die Straßen füllen sich mit Wasser! Das ist hier kein seltenes Phänomen: bei starkem Regen kann es sehr schnell zu lokalen Überflutungen kommen. Straßen werden innerhalb kurzer Zeit unpassierbar, Unterführungen laufen voll und der Verkehr kommt teilweise komplett zum Stillstand. Begünstigt wird das durch die Lage der Stadt am Fuß des Medvednica-Gebirges, von wo bei Gewittern große Wassermengen Richtung Stadt fließen, sowie durch ein Entwässerungssystem, das auf solche Extremmengen nicht ausgelegt ist. Denn früher hat es das in dem Ausmaß und der Häufikeit nicht gegeben! Diese sogenannten urbanen Sturzfluten häufen sich immer mehr und sind - Überraschung!- auf den Klimawandel zurückzuführen. 

Es nützt nichts, wir müssen den letzten Bus zum Campingplatz erwischen und stürzen uns in die Fluten. Wir "schwimmen" Richtung Straßenbahn und warten dann, recht durchnässt, auf unsere "Überlandlinie" - der Campingplatz ist ja ein gutes Stück vor der Stadt gelegen. Es wird am Ende noch ein bisschen aufregend - die Hauptstraße, die aus der Stadt führt und einige tieferliegende Stellen hat, ist komplett unter Wasser und kann nicht befahren werden. Der findige Busfahrer kennt Umwege und Schleichwege und so dauert die Fahrt zwar um einiges länger aber wir wollen uns nicht beschweren - nach einem vollen, beglückenden Tag sitzen wir im Trockenen und werden am Ende müde und froh am Wohnwagen ankommen.