Libearty Bear Sanctuary Zarnesti

 

Triggerwarnung: Gewalt gegen Tiere (und unsere gewöhnliche Misanthropie)

 

Etwa zwölf Kilometer südwestlich von Brașov, am Rand des Piatra-Craiului-Nationalparks, liegt das Libearty Bear Sanctuary Zărnești – das größte Bärenschutzgebiet Europas. Die Anlage wird von der rumänischen Tierschutzorganisation Millions of Friends Association (AMP) betrieben und entstand in Zusammenarbeit mit der internationalen Tierschutzstiftung World Animal Protection. Das Schutzgebiet wurde 2005 gegründet und offiziell 2008 eröffnet. Die Initiative geht auf die Aktivistin Cristina Lapis zurück, die sich seit den 1990er-Jahren für misshandelte Braunbären in Rumänien einsetzt.

 

Der Besuch hat uns nachhaltig berührt und beschäftigt. Es lässt sich kaum zusammenfassen, welche Geschichten wir gehört haben. Einmal mehr kann man sich nur fragen, was wir Menschen eigentlich für eine Spezies sind. Gibt es einfach das "Böse" im Menschen? Warum werden Menschen schon immer getrieben von einer unbändigen Mischung aus Eigennutz, Gier, Profitwille und all das mündet dann in Zerstörung, Gewalt, Misshandlung und Mord. Schöner kann man es nicht ausdrücken, wenn man sich ansieht, was Menschen Menschen antun, schon immer angetan haben und was wir überdies auch noch der Natur und anderen Geschöpfen zufügen.

 

In Rumänien war es bis 2005 erlaubt, Bären privat zu besitzen. Die Tiere wurden nicht nur in Zirkussen gehalten, vorgeführt und misshandelt. Es gab unzählige Hotels, Restaurants, Tankstellen, Pensionen oder einfach Privatpersonen, die vor der Tür kleine Käfige mit Bären aufstellten und sie als Touristenattraktion vorführten. Die Käfige waren kaum größer als das Tier selbst, sie standen auf Betonböden, die Käfigstäbe wurden im Sommer so heiß, dass die Tiere sich permanent die Pfoten verbrannten. "Gefüttert" wurden sie oft mit Alkohol oder Medikamenten um sie ruhig zu stellen. Spätestens bei der Geschichte von "Max" laufen uns die Tränen über die Wangen. Er wurde von einem Mann als Touri-Bespaßung missbraucht – Kinder sollten gegen Bezahlung auf ihm reiten, Menschen machten "Spaßfotos" mit ihm. Max wurde von seinem Peiniger geblendet und seine Zähne und Krallen wurden ihm gezogen. Täglich wurde ihm Bier eingeflößt, um ihn gefügig zu machen und damit er nicht auf Gerüche reagiert, sprühte man ihm regelmäßig eine Art Pfefferspray in die Nase.

2006 wurde Max von Cristina Lapis gerettet. Über 2 Jahre medizinische Behandlung brauchte es, bis Max -zumindest körperlich- soweit regeneriert war, dass die Pfleger*innen die Hoffnung hatten, dass er noch einige lebenswerte Jahre in Zarnesti verbringen kann. Und so kam es dann auch: noch 12 Jahre durfte Max im Bären Sanctuary leben – er entdeckte seine große Freude am Baden in seinem neuen großen Gehege mit Wasserbecken, er konnte sich an Bäumen reiben, Höhlen erkunden, durch Sträucher und Gras streifen. Und eine Bärenfreundin fand er auch. Max’ Einschränkungen durch die Blindheit machten es nicht möglich, ihn mit anderen Bären zu vergesellschaften. (Generell sind Bären Einzelgänger aber da die geretteten Bären im Sanctuary nie unter natürlichen Bedinungen großwurden, suchen viele von ihnen Gesellschaft) Eine liebe Braunbärin namens Monica wurde Max' beste Freundin und die beiden lebten bis zu seinem Tod 2018 in einem Gehege.

Viele der Bären im Libearty Sanctuary haben eine Vergangenheit, die kaum vorstellbar ist. Leben in Gefangenschaft, geprägt von Isolation, Schmerzen und dem Abhandenkommen von jeglichem natürlichen Verhalten. Auch nach ihrer Rettung erkennt man bei vielen Tieren das Trauma: einige treten auch nach Jahren nicht richtig auf, weil sie in der Gefangenschaft ihrer Käfige immer versuchten, den heißen Stäben durch eine unnatürliche "Tatzenhaltung" zu entgehen, andere sind so geprägt von der Enge ihres alten Gefängnisses, dass sie sich, trotz der nun Hektargroßen Umgebung, nur im kleinsten Umkreis bewegen. Ein Foto eines Käfigs, in dem viele Bären ihr Leben fristen mussten, seht ihr in der Bildergalerie.

 

Die Arbeit der Menschen im Sanctuary ist beeindruckend und das Konzept ist wirklich wundervoll. Es handelt sich nicht um einen Zoo und Besucher*innen dürfen das Sanctuary ausschließlich im Rahmen geführter Touren betreten. Diese finden nur an einigen Tagen in den Morgenstunden statt, um den Tieren nicht unnötigen Streß zuzumuten. Das Gelände umfasst rund 69 Hektar Waldgebiet, eingezäunt und in mehrere große Areale unterteilt. Nur ein Bruchteil ist für Besucher*innengruppen zugänglich. Hier sind heute über 120 Braunbären zuhause, die in Gruppen oder einzeln auf weiten Waldflächen mit Teichen, Bäumen und Wiesen leben. Das Konzept des Schutzgebiets zielt nicht auf Zucht oder Schaustellung, sondern auf Rettung, Rehabilitation und ein würdevolles Leben der Tiere in einer möglichst natürlichen Umgebung. Man sieht also im Zweifelsfall keine oder nur wenige Tiere – eben die, die sich zeigen wollen. Wir haben eine tolle Guide und erfahren nicht nur die Geschichten der einzelnen Tiere sondern auch viel über Braunbären generell, ihr Leben in freier Wildbahn und natürlich die Arbeit des Teams, das für Pflege, Fütterung und medizinische Betreuung sorgt. Ein großer Teil der Eintrittsgelder fließt direkt in den Unterhalt des Schutzgebiets und in Bildungsprojekte zum Thema Tierschutz. Auch wenn Braunbären im Fokus stehen, beherbergt das Sanctuary nicht ausschließlich Bären. Auch andere Tiere werden regelmäßig gerettet – zum Beispiel Rehe, Füchse oder Wölfe, die aufgrund von Haltung oder Verletzungen nicht in die freie Wildbahn zurückkehren können. Immer wieder kommt es vor, dass Jungtiere in den Wäldern gefunden werden, deren Mütter gewildert wurden und auch diese verwaisten Bären und Wölfe bekommen hier ein neues Zuhause.

 

Das Libearty Bear Sanctuary gilt heute als Vorbildprojekt für Wildtierschutz in Osteuropa und als eindrucksvolles Beispiel dafür, wie konsequente Aufklärung und Engagement Tierleid dauerhaft beenden können. Ich verlinke hier die Webseite. Zum Glück besinnen wir uns alle ja immer mehr darauf, dass wir selbst alles haben und zu Geburtstagen oder anderen Feiertagen nichts mehr benötigen und eher zu Spenden für sinnvolle Zwecke aufrufen. Solltet ihr mal wieder eine Idee dafür brauchen (Weihnachten ist ja nicht mehr weit...) wir glauben, dass diese Organisation wirklich tolle Arbeit leistet und Unterstützung verdient. Man findet auf der Webseite außerdem die Option "Adopt a bear". Hier sieht man alle Bären, die im Sanctuary leben und kann ihre persönliche (Rettungs-) Geschichte nachlesen und Pate werden. Regelmäßige kleine Spenden helfen, den Futterbedarf und die medizinische Versorgung zu decken.



Hier noch ein paar wissenwerte Facts über diese tollen Tiere:

 

- Der Braunbär ist das größte an Land lebende Raubtier Europas.

- Damit sich Bären wohlfühlen, brauchen sie vor allem eines: viel Raum und Ruhe. Ihr Revier muss groß genug sein, um ausreichend    Nahrung, Rückzugsorte und sichere Wanderrouten zu bieten.

- Ein einzelner Braunbär kann ein Gebiet von über 100 Quadratkilometern durchstreifen, in kargen Regionen sogar bis zu 1.000 km²

- Solch ausgedehnte, ungestörte Waldlandschaften sind in Europa heute selten geworden – und mit ihnen auch die Braunbären, die

  einst fast überall auf dem Kontinent heimisch waren.

- In Europa (ohne Russland) leben heute ca. 20.000 Braunbären, die meisten davon in den rumänischen Karpaten

- Weitere Verbreitungsgebiete sind: das Dinarischen Gebirge (Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Albanien) Slowakei,

  die Alpen (Italien, vereinzelt Österreich), Schweden und Finnland, Griechenland, Polen, Ukraine, Spanien

- Europäische Braunbären wiegen meist zwischen 150 und 250 kg (ein Grizzly in Nordamerika kann bis zu 780 kg wiegen!)

- Braunbären jagen nicht, sie sind Aasfresser. Sie mögen auch Insekten und Fisch, aber vor allem besteht ihre Nahrung aus

  Pflanzen! 80%-90% ihrer Nahrung machen Wurzeln, Gräser, Nüsse und Beeren aus. Und ja, sie lieben Honig!

- Aas können sie mehrere Kilometer weit riechen

- Sie können klettern, schwimmen und bis zu 50 km/h schnell laufen!

- Trotz ihrer Größe sind sie ausdauernd und leise unterwegs – sie können stundenlang wandern.

- Knochen und Muskeln bauen sich im Winter kaum ab, obwohl sie monatelang ruhen – ein Phänomen, das in der Medizin erforscht    wird (z. B. für Osteoporose).