Mostar – zwischen Brücken und Bruchstellen
Mostar ist unser nächstes Ziel. Die Stadt liegt im Süden von Bosnien und Herzegowina, eingebettet in das enge Tal der Neretva, und gehört zu den ältesten urbanen Zentren der Region. Erste Siedlungsspuren reichen weit zurück, als Stadt formiert sich Mostar jedoch vor allem im 15. und 16. Jahrhundert unter osmanischer Herrschaft. Der Name leitet sich von den mostari, den Brückenwächter*innen, ab – ein Hinweis darauf, welche zentrale Rolle die Brücke von Anfang an spielt.
Über Jahrhunderte ist Mostar ein Ort des Handels, der Durchreise und des kulturellen Austauschs. Osmanische, später österreichisch-ungarische Einflüsse prägen das Stadtbild bis heute: Moscheen, Brücken, enge Basargassen, aber auch Verwaltungsbauten aus der Zeit der Donaumonarchie stehen hier dicht beieinander.
Wir passieren die berühmte Stari Most und tauchen ein in den „Old Bazar“. Uns erwartet ein ereignisreicher Tag mit viel Geschichte, nachhallenden Momenten, schwer auszuhaltenden Bildern – und all das in der Gleichzeitigkeit von Sonne, eindrucksvoller Kulisse und Touristenströmen.
Krieg, Zerstörung und die symbolische Gewalt gegen die Stadt
Untrennbar mit Mostar verbunden ist der Bosnienkrieg der 1990er-Jahre. Die Stadt wird zu einem zentralen Schauplatz des Konflikts zwischen bosniakischen und kroatischen Kräften. Die Frontlinie verläuft mitten durch Mostar – entlang der Neretva. Was vorher verbindend ist, wird zur Trennlinie. Die Zerstörung der Stari Most im November 1993 ist dabei eines der eindrücklichsten Bilder dieses Krieges. Es geht nicht nur um die Bombardierung eines Wahrzeichens. Die Brücke ist ein jahrhundertealtes Bauwerk, ein Symbol des Zusammenlebens, der Verbindung von Stadtteilen, Kulturen und Religionen. Ihre gezielte Zerstörung ist ein Akt der Demütigung: die Auslöschung eines historischen Gedächtnisses, die Botschaft, dass nichts Gemeinsames bestehen bleiben soll.
Diese Gewalt wirkt bis heute nach. Mostar ist offiziell wiedervereint, doch die Trennlinien sind im Alltag, in Schulen, in politischen Strukturen und im kollektiven Gedächtnis weiterhin spürbar.
Spürbare Bruchlinien
Mostar wirkt heute auf den ersten Blick lebendig, offen und gemeinschaftlich genutzt. Cafés, Märkte, die Altstadt und die Brücke sind Orte, an denen sich Besucher*innen und Einheimische selbstverständlich begegnen. Und doch verlaufen unter dieser Oberfläche weiterhin Bruchlinien, die nicht laut, aber tief verankert sind.
Diese Trennungen zeigen sich weniger im unmittelbaren Miteinander als in den Strukturen des Alltags. Bis heute existiert in Mostar ein getrenntes Bildungssystem: sogenannte „zwei Schulen unter einem Dach“. Kinder besuchen dasselbe Gebäude, lernen jedoch in getrennten Klassen, nach unterschiedlichen Lehrplänen, mit voneinander abweichenden historischen Narrativen. Was hier weitergegeben wird, ist nicht nur Wissen, sondern auch Erinnerung – und Deutung. Auch politisch ist die Stadtverwaltung bis heute entlang ethnischer Zugehörigkeiten organisiert. Verwaltung, Ämter und Entscheidungsprozesse folgen einer Logik, die entlang ethnischer Zugehörigkeiten organisiert ist. Über Jahre hinweg ist Mostar politisch blockiert, selbst grundlegende kommunale Entscheidungen geraten ins Stocken. Die Vergangenheit ist hier kein abgeschlossenes Kapitel, sondern Teil der Gegenwart.
Im Alltag ist diese Spaltung oft subtil. Stadtteile werden weiterhin als „bosniakisch“ oder „kroatisch“ gelesen. Die Neretva ist geografisch ein Fluss – im kollektiven Bewusstsein jedoch lange Zeit eine Frontlinie gewesen. Viele Menschen wissen sehr genau, auf welcher Seite sie wohnen. Gespräche über Krieg, Schuld und Verantwortung bleiben häufig vorsichtig, fragmentarisch oder unausgesprochen. Mostar ist heute keine geteilte Stadt im offensichtlichen Sinne. Es ist eine Stadt, die funktioniert, die belebt ist und nach außen offen wirkt. Doch die Verletzungen und Traumata sind nicht verschwunden. Sie sind institutionalisiert, historisch aufgeladen und im gesellschaftlichen Gedächtnis präsent.
Für uns zeigt sich die Vergangenheit ganz offenkundig - in den vielen Spuren, die der Krieg hinterlassen hat und die nicht überdeckt wurden. Anders als z.B. in Serbien, wo einem kaum noch Erinnerungen an den Krieg begegnen/ diese natürlich nicht erwünscht sind, treffen wir in Bosnien Herzegowina in allen Orten, so auch in Mostar, auf Häuserfassaden mit Einschusslöchern, in Straßencafés sitzen Menschen und gleich daneben stehen eingestürzte und zerbombte Häuser, wir sehen Graffitis die das Geschehne im Alltag präsent halten.
Das heutige Mostar – lebendig, laut, überfüllt
Und dann ist da das Mostar von heute. Eine belebte Stadt, voller Cafés, Stimmen, Gerüche, Bewegung. Entlang der gesamten Bazarstraße reihen sich Souvenirstände aneinander: Kupferwaren, Magneten, Schals, Kaffee-Sets, Kunsthandwerk – Stand an Stand, scheinbar ohne Ende.
Auf der Brücke selbst sammeln sich Menschen. Die Brückenspringer stehen oben, warten auf genügend Spenden, auf Aufmerksamkeit, auf den richtigen Moment. Das Springen hat hier Tradition, ist Mutprobe, Einnahmequelle und touristisches Spektakel zugleich. Der Sprung in die kalte Neretva ist riskant – und wird doch immer wieder vollzogen, begleitet von Applaus und gezückten Handys.
Mostar ist touristisch extrem überlaufen. Man kann sich aber nicht wirklich dagegen wehren, genau dies in gewisser Weise schön zu finden. Wenn man die Geschichte kennt, die Zerstörung, den Hass, die Leere, dann erfüllt es einen heute mit Freude, so viele Menschen hier zu sehen. Menschen, die kommen, um die Stadt zu besuchen, sie zu beleben, sich für sie zu interessieren, hier zu essen, mehr über die Menschen zu erfahren. Leben statt Auslöschung.
Karađozbeg-Moschee und Kriegsopferfriedhof
Wir besuchen bewusst nicht das Innere der Koski Mehmed Pasha Moschee. Sie ist zweifellos schön anzusehen, wirkt jedoch inzwischen mehr wie eine touristische Attraktion als wie ein authentischer religiöser Ort. Wir beschränken uns hier auf den Innenhof und den alten kleinen muslimischen Friedhof (siehe Fotos in der Bildergalerie hier drüber.)
Stattdessen gehen wir in die Karađozbeg-Moschee, die größte Moschee Mostars. Sie wird im 16. Jahrhundert errichtet und galt bis zu ihrer Zerstörung im Krieg als eines der bedeutendsten osmanischen Bauwerke in Herzegowina. Gleich 2 Friedhöfe liegen in unmittelbarer Nähe: ein alter, bewachsener muslimischer Friedhof direkt auf dem Gelände der Moschee und ein Friedhof gleich gegenüber, auf dem die im Krieg getöteten Menschen aus Mostar begraben sind.
Die Moschee wird im Krieg schwer beschädigt, später originalgetreu restauriert. Heute wirkt sie ruhig, würdevoll und geerdet. Sie ist kein Schauplatz für Massen, sondern ein Ort der Andacht – ein Gegenpol zum touristischen Trubel draußen. Wir werden sehr freundlich empfangen. Ein junger Mann sucht sofort das Gespräch und erklärt uns alles Wissenswerte, zeigt uns, wo man die Schuhe auszieht und sich mit Tuch und Sarong bekleidet. Wir haben nicht allzu viel Zeit, es ist 12.30 Uhr und um 13 Uhr beginnt das Mittagsgebet und die Moschee füllt sich mit Betenden. Aber es reicht aus um die Stimmung aufzunehmen, den Innenraum zu erkunden und Daniel schafft es sogar, die vielen engen Stufen hinauf zum Minaret. Wir sind noch im Inneren der Moschee, als der Gebetsruf zum Mittagsgebet einsetzt. Wir gehen langsam hinaus und besuchen den daneben gelegenen Friedhof. Die Gebete und Koranrezitationen begleiten uns über Lautsprecher, während wir innehalten und den vielen Opfern des Krieges gedenken, die hier begraben sind.
Der Friedhof liegt direkt an einer belebten Fußgängerstraße und doch schaltet man automatisch alles um sich herum aus, wenn man die vielen Grabsteine, Namen und Bilder sieht (viele Steine tragen Bilder der Verstorbenen) Hier wiederholt sich ein Sterbedatum immer und immer wieder: 1993. Reihe um Reihe ziehen sich die Gräber über das Gelände. Viele der Namen tragen Geburtsjahre zwischen 1950 und 1960. Menschen im Alter unserer Eltern. Menschen, die während des Krieges Anfang dreißig, Ende dreißig oder Anfang vierzig sind.
Unweigerlich denkt man an sein eigenes priviligiertes Leben. Als mein Vater vierzig ist, bin ich sieben Jahre alt, gehe behütet zur Grundschule. Meine Welt ist geprägt von Sicherheit, von überschaubaren Konflikten wie einem bürgerlich-konservativen Vorstadtleben, in dem wir als Künstlerfamilie immer anecken, aber nie existenziell bedroht sind. Hier, in Mostar, bedeutet dieses Alter etwas völlig anderes. Damals entscheidet sich Leben oder Tod im unmittelbaren Umfeld. Hier wurde man im Zweifel von den eigenen Nachbar*innen erschossen, Frauen wurden vergewaltigt, Kinder kamen ums Leben, ganze Familien wurden ausgelöscht.
Der Friedhof ist kein abstrakter Erinnerungsort. Er konfrontiert unmittelbar mit der Dimension des Verlusts und der Gewalt, die das bosnische Volk in den 1990er-Jahren erlebt. Er zwingt zum Innehalten – und macht deutlich, wie nah Geschichte sein kann, wenn sie Namen, Daten und Altersangaben trägt.
Mostar bleibt
Mostar ist auf den ersten Blick eine schöne, touristische, trubelige Stadt mit viel Gastronomie, wundervollen Fotomotiven, einer sehenswerten Altstadt. Und auf dieser Ebene bleibt es vielleicht für viele Besucher*innen auch – ein typisches Ausflugsziel im Urlaub. Uns hat die Gleichzeitigkeit besonders bewegt – dass neben all der leicht zugänglichen Schönheit so viel schmerzhafte Geschichte steht, die zu großen Teilen immer noch nicht ausführlich genug erzählt und anerkannt wurde. Darum besuchen wir nun das Museum of War and Genocide.
Museum of War and Genocide Victims Mostar
Triggerwarnung.
Der folgende Abschnitt enthält Berichte und Bilder über den Bosnienkrieg, einschließlich expliziter Schilderungen von Gewalt, Leid, Folter und persönlichen Kriegserfahrungen. Außerdem sind Bilder aus dem Museum
of War and Genocide zu sehen, auf denen tote Menschen abgebildet sind.
Ich werde nach bestem Wissen hier noch einmal die Geschichte der Jugoslawienkriege und speziell des Bosnienkrieges skizzieren. Dies kann natürlich nur ausschnittartig und lückenhaft geschehen – so viele Jahre Krieg und so viele komplexe Zusammenhänge lassen sich kaum in diesen kurzen Abschnitten zusammenfassen. Ich habe aber das Gefühl, dass viele Menschen außerhalb des ehemaligen Jugoslawiens wenig bis gar nichts über die Kriegsjahre, das Tito-Regime zuvor und die Auswirkungen bis heute wissen. Darum versuche ich zumindest, einige Informationen zusammenzutragen, einige Begriffe zu klären und Zusammenhänge anzuschneiden.
Ich teile hier außerdem einige der Geschichten, die im Museum erzählt werden, Texte, die ich abfotografiert und ins deutsche übersetzt habe.
Zu sehen gab es meistens ein Erinnerungsstück, ein Symbol, etwas, das die Menschen, um die es geht, gespendet haben. Um diesen Gegenstand herum erzählen sie ihre Geschichte.
Mir ist bewusst, dass es überfordernd sein kann, diese Inhalte zu lesen und sich mit den Geschichten auseinanderzusetzen. Für uns war es ebenfalls nicht einfach, all das aufzunehmen und zu verarbeiten. Ich möchte trotzdem dafür plädieren, nicht den einfachen, bequemen Weg des Wegschauens zu wählen. Unser Unbehagen, unser Schmerz beim Lesen der Geschichten, unsere Tränen, die wir vergießen aus Verzweiflung über die kaum zu begreifende Grausamkeit von Menschen - all das ist nichts im Vergleich zu dem Leid, dem Schmerz und den Tränen der Betroffenen. Die Menschen, die all das erlebt haben. Wir sind es diesen Menschen zumindest schuldig zuzuhören und hinzuschauen und uns nicht abzuwenden, weil es für uns einfacher und weniger belastend wäre.
Die Jugoslawienkriege - Eine Einordnung
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand der sozialistische Vielvölkerstaat Jugoslawien unter der Führung von Josip Broz Tito. Er vereinte sechs Teilrepubliken – Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro und Nordmazedonien – sowie zwei autonome Provinzen innerhalb Serbiens (Kosovo und Vojvodina). Tito gelang es über Jahrzehnte, nationale Spannungen durch ein autoritäres, aber vergleichsweise unabhängiges sozialistisches System zu kontrollieren. Nationale Identitäten bestanden fort, wurden jedoch politisch unterdrückt. (Über Tito wird es noch mehr zu erfahren geben, wenn wir den berühmt-berüchtigten Tito-Bunker in Konjić besichtigen.)
Die Zeit nach Tito
Nach Titos Tod im Jahr 1980 fehlte eine integrierende Führungsfigur. Die föderale Staatsstruktur geriet zunehmend unter Druck. Wirtschaftliche Probleme, hohe Arbeitslosigkeit, Auslandsschulden
und ein wachsender Wohlstandsunterschied zwischen den Teilrepubliken verschärften bestehende Konflikte. Gleichzeitig erstarkten nationalistische Bewegungen in mehreren Republiken.
In Serbien gewann unter Slobodan Milošević ein politisches Programm an Einfluss, das eine starke Zentralisierung Jugoslawiens anstrebte. Serbische Nationalist*innen verfolgten dabei die Idee
eines sogenannten „Großserbiens“ – eines Staates, der alle Gebiete umfassen sollte, in denen Serb*innen lebten. Dieses Ziel stand im direkten Gegensatz zu den Unabhängigkeitsbestrebungen anderer
Republiken.
Erste Unabhängigkeitserklärungen
1991 erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien.
Slowenien löste sich nach einem nur zehntägigen bewaffneten Konflikt weitgehend friedlich. Die jugoslawische Volksarmee zog sich zurück, da Slowenien kaum serbische Minderheiten aufwies und
strategisch weniger bedeutsam war.
Kroatien hingegen geriet in einen langwierigen Krieg. In kroatischen Gebieten mit serbischer Bevölkerungsmehrheit kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen kroatischen Einheiten und
serbischen Milizen, unterstützt von der jugoslawischen Volksarmee.
Eskalation in Bosnien-Herzegowina
1992 erklärte Bosnien-Herzegowina nach einem Referendum seine Unabhängigkeit. Die Bevölkerung des Landes war ethnisch stark gemischt: Bosniak*innen (mehrheitlich muslimisch), Serb*innen
(orthodox) und Kroat*innen (katholisch) lebten oft Tür an Tür.
Bosnisch-serbische Kräfte lehnten die Unabhängigkeit ab und riefen eigene politische Strukturen aus. Unterstützt von Serbien begannen sie, große Teile des Landes militärisch zu kontrollieren. Es
folgte ein äußerst brutaler Krieg, geprägt von systematischen Vertreibungen, Belagerungen und Massakern.
Weitere Konflikte
Nordmazedonien erklärte 1991 seine Unabhängigkeit ohne Krieg und wurde international anerkannt.
Montenegro blieb zunächst gemeinsam mit Serbien in einem Reststaat Jugoslawien, der später in „Serbien und Montenegro“ umbenannt wurde.
Kosovo entwickelte sich in den 1990er-Jahren zu einem weiteren Konfliktherd. Die mehrheitlich albanische Bevölkerung forderte die Unabhängigkeit von Serbien. Der Konflikt eskalierte 1998/99 in
einen Krieg, der schließlich zu NATO-Luftangriffen auf Serbien führte.
Unklare Fronten und Allianzen
Im Verlauf der Jugoslawienkriege verliefen die Frontlinien nicht durchgehend eindeutig zwischen festen Nationalstaaten, sondern veränderten sich je nach Region, Zeitpunkt und Interessenlage. Zwar
kämpfte Kroatien ab 1991 gegen serbische Kräfte, die den Zerfall Jugoslawiens verhindern und serbisch dominierte Gebiete sichern wollten, doch insbesondere in Bosnien-Herzegowina entwickelte sich
der Krieg komplexer.
Nach der Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas 1992 kämpften zunächst bosnische Kroaten und Bosniaken gemeinsam gegen bosnisch-serbische Truppen, die große Teile des Landes kontrollieren
wollten. Diese Allianz zerbrach jedoch 1993. Die kroatische Führung verfolgte zunehmend eigene territoriale Ziele innerhalb Bosniens und unterstützte die Ausrufung einer kroatischen Teilentität,
der sogenannten „Herceg-Bosna“. Ziel war es, kroatisch dominierte Gebiete politisch und möglicherweise dauerhaft an Kroatien zu binden.
In dieser Phase kam es zum Krieg zwischen bosnischen Kroaten und Bosniaken, unter anderem in Mostar. Die Stadt wurde zum Symbol dieses innerbosnischen Konflikts: Kroatische und bosniakische
Einheiten kämpften gegeneinander, obwohl sie zuvor Verbündete gewesen waren. Serbische Truppen waren zu diesem Zeitpunkt in der Region militärisch weniger präsent, profitierten jedoch indirekt
von der Zersplitterung ihrer Gegner.
Der Krieg in Bosnien-Herzegowina war damit kein einfacher Zweiparteienkonflikt, sondern ein Mehrfrontenkrieg mit wechselnden Allianzen. Erst 1994 beendete das Washingtoner Abkommen die Kämpfe
zwischen Kroatinnen und Bosniakinnen. Beide Seiten schlossen sich erneut zusammen, was den militärischen und politischen Druck auf die bosnisch-serbischen Kräfte erhöhte und schließlich zum
Dayton-Abkommen von 1995 führte.
Diese Entwicklung machte deutlich, dass die Jugoslawienkriege nicht allein aus der Ablehnung eines „Großserbiens“ erklärt werden können. Auch andere Akteur*innen verfolgten nationale und
territoriale Interessen, die zu Gewalt, Vertreibungen und schweren Kriegsverbrechen führten. Gerade Orte wie Mostar zeigten, wie schnell frühere Bündnisse zerbrechen konnten – mit dramatischen
Folgen für die Zivilbevölkerung.
Nachkriegsordnung und heutige Situation
Bosnien-Herzegowina blieb nach dem Dayton-Abkommen von 1995 ein souveräner Staat, jedoch mit einer äußerst komplexen inneren Struktur.
Kosovo erklärte 2008 seine Unabhängigkeit. Serbien erkannte diese bis heute nicht an und betrachtet Kosovo weiterhin als Teil seines Staatsgebiets. Auch andere Staaten verweigern die Anerkennung:
Serbien betrachtete Kosovo weiterhin als Teil seines Staatsgebiets, Russland unterstützt Serbien politisch und diplomatisch, China lehnt einseitige Sezessionen grundsätzlich ab, ebenso Indien,
Brasilien und Südafrika. Innerhalb der Europäischen Union besteht keine einheitliche Linie. Fünf EU-Mitgliedstaaten erkannten Kosovo nicht an: Spanien, Griechenland, Zypern, Rumänien und die
Slowakei. Die Gründe liegen weniger im Kosovo selbst als in eigenen innenpolitischen Sorgen: Diese Staaten fürchten Präzedenzfälle für separatistische Bewegungen im eigenen Land (z. B.
Katalonien, Nordzypern, Minderheitenfragen).
Die Staaten des ehemaligen Jugoslawiens existieren heute formal unabhängig voneinander. Politische Spannungen, nationale Narrative und unterschiedliche Deutungen der Kriege bestehen jedoch fort. Besonders in Serbien werden Teile der Kriegsvergangenheit bis heute relativiert oder anders interpretiert, was die regionale Aussöhnung erschwert. Es gibt sogar noch Strömungen, die von einem großserbischen Reich träumen und mit nationalistischen Parolen einer völlig irrsinnigen Ideologie verfallen sind.
Der Bosnienkrieg und Mostar
Der Bosnienkrieg dauerte von 1992 bis 1995 und ist Teil der Jugoslawienkriege, die auf den Zerfall des sozialistischen Jugoslawiens folgen. Nach der Unabhängigkeitserklärung Bosnien-Herzegowinas kommt es zu einem bewaffneten Konflikt zwischen bosniakischen (mehrheitlich muslimischen), serbischen und kroatischen Kräften. Der Krieg ist geprägt von ethnischer Gewalt, systematischen Vertreibungen, Belagerungen von Städten und gezielten Angriffen auf die Zivilbevölkerung.
Besonders prägend sind die ethnischen Säuberungen. Dabei werden Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder religiösen Gruppe verfolgt, vertrieben oder ermordet. Internationale Gerichte stufen Teile dieser Gewalt später als Völkermord ein, insbesondere in Srebrenica. Der Krieg fordert über 100.000 Tote, Millionen Menschen werden vertrieben.
Mostar nimmt im Bosnienkrieg eine besondere Rolle ein. Die Stadt ist historisch ein Ort des Zusammenlebens verschiedener religiöser und kultureller Gruppen. Während des Krieges wird Mostar zum Schauplatz massiver Gewalt, insbesondere während des kroatisch-bosniakischen Konflikts ab 1993. Symbolisch wie praktisch steht die Stari Most, die Alte Brücke, im Zentrum dieser Auseinandersetzung. Sie verbindet über Jahrhunderte hinweg nicht nur die beiden Ufer der Neretva, sondern auch die verschiedenen Gemeinschaften der Stadt. Ihre gezielte Zerstörung ist kein militärischer Zufall, sondern ein bewusster Akt: Die Brücke soll als kulturelles und identitätsstiftendes Symbol ausgelöscht werden. Am 9. November 1993 wird die Stari Most nach tagelangem Beschuss zerstört. Die Bilder ihres Einsturzes gehen um die Welt. Heute gilt dieses Ereignis als Sinnbild für die gezielte Zerstörung von Kultur, Geschichte und Zusammenleben.
Das Museum of War and Genocide Victims Mostar dokumentiert die Ereignisse des Krieges aus der Perspektive der Betroffenen.
Im Mittelpunkt stehen nicht militärische Strategien oder politische Debatten, sondern die Erfahrungen von Zivilist*innen.
Fotografien, Dokumente, persönliche Gegenstände und Videomaterial führen durch die Kriegsjahre. Viele Exponate stammen direkt von Überlebenden oder Angehörigen von Opfern.
Bosnier*innen und Bosniak*innen –
eine wichtige Unterscheidung
Im Zusammenhang mit Bosnien-Herzegowina werden die Begriffe Bosnier*innen und Bosniak*innen oft gleichgesetzt. Sie bezeichnen jedoch nicht dasselbe.
Bosnier*innen ist ein staatlich-geografischer Begriff. Er bezeichnet alle Menschen, die aus Bosnien-Herzegowina stammen oder dessen Staatsangehörigkeit besitzen – unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit oder Religion. Dazu zählen unter anderem Bosniak*innen, Kroat*innen, Serb*innen sowie weitere Minderheiten.
Bosniak*innen hingegen bezeichnet eine konkrete ethnische Gruppe, deren kulturelle Prägung historisch überwiegend muslimisch ist. Der Begriff wurde in den 1990er-Jahren bewusst wiederverwendet, um diese ethnische Identität klar zu benennen.
Gerade im Kontext des Bosnienkriegs ist diese Unterscheidung wichtig: Gewalt, Vertreibungen, Internierungslager und Massaker richteten sich häufig gezielt gegen Bosniak*innen – nicht pauschal gegen alle Bosnier*innen. Eine präzise Begriffswahl hilft dabei, historische Zusammenhänge korrekt darzustellen und die Erfahrungen der Betroffenen nicht zu verfälschen.
Wo lebten Bosniak*innen damals
Vor dem Bosnienkrieg (bis 1992)
Bosniak*innen lebten über ganz Bosnien-Herzegowina verteilt, häufig in gemischt bewohnten Städten und Regionen. Besonders viele Bosniak*innen lebten: im östlichen Bosnien
(z. B. Srebrenica, Višegrad, Foča), im zentralen Bosnien, in Städten wie Sarajevo, Mostar, Tuzla, Zvornik.
Ethnische Trennung spielte im Alltag vielerorts eine untergeordnete Rolle.
Wo leben Bosniak*innen heute vor allem
Heute leben Bosniak*innen überwiegend in der Föderation Bosnien und Herzegowina (der zweiten Entität), in Städten wie Sarajevo, Tuzla, Zenica, Bihać, sowie in großer Zahl außerhalb des Landes, vor allem in: Deutschland, Österreich, der Schweiz, Skandinavien, Nordamerika. Diese Diaspora ist eine direkte Folge von Krieg, Vertreibung und Flucht.
Was ist die Republika Srpska?
Die Republika Srpska ist eine der zwei politischen Entitäten von Bosnien-Herzegowina. Sie wurde 1992 von bosnisch-serbischen politischen und militärischen Akteur*innen ausgerufen und entstand im Zuge des Bosnienkriegs.
Die Führung und die bewaffneten Kräfte der Serb*innen waren in vielen Regionen maßgeblich verantwortlich für Vertreibungen, Massaker und Morde, insbesondere an Bosniak*innen. Ziel war es, Gebiete ethnisch zu homogenisieren und unter serbische Kontrolle zu bringen.
Die heutige territoriale Ausdehnung der Republika Srpska entspricht weitgehend den Ergebnissen dieser gewaltsamen Vertreibungen und Kriegsverbrechen. Diese Gebietsgewinne wurden im Dayton-Abkommen von 1995 politisch festgeschrieben, obwohl sie, so die Lesart der Kritiker*innen, auf unrechtmäßiger Gewalt beruhten.
Bis heute kontrollieren serbische politische Strukturen innerhalb der Republika Srpska rund die Hälfte des Staatsgebiets von Bosnien-Herzegowina – ein Gebiet, das zuvor ethnisch gemischt war und
aus dem ein großer Teil der nicht-serbischen Bevölkerung vertrieben oder ermordet wurde.
Die Republika Srpska ist heute ein politisch stark autonomes, mehrheitlich serbisch geprägtes Gebiet. Sie hat eine eigene Regierung, ein eigenes Parlament und eine eigene Verwaltung. Offiziell
ist sie rechtlich ein Teil des Staates Bosnien-und-Herzegowina, doch in der Praxis bestimmen lokale Institutionen in vielen Bereichen das politische und gesellschaftliche Leben. Als wir durch
Srpska reisen, fallen uns viele Flaggen und Symbole auf, die ihre serbische Identität unterstreichen.
Die Zerstörung der Stari Most – das Video der jubelnden Soldaten
Dreißig Jahre nach der Zerstörung der Stari Most wurde ein Video öffentlich zugänglich, das den Beschuss der Brücke detailliert dokumentiert und was im Museum zu sehen ist. Die Aufnahmen stammen aus dem Besitz von Slobodan Praljak, General des kroatischen Verteidigungsrates (HVO), und Personen aus seinem Umfeld. Veröffentlicht wurden sie erstmals über den YouTube-Kanal des Mostar Museum. Die HVO, Hrvatsko vijeće obrane (Kroatische Verteidigungsrat), ist von 1992 bis 1995 die militärische und politische Organisation der bosnischen Kroat*innen im Bosnienkrieg. Die HVO entsteht zunächst als lokale Selbstschutzorganisation, entwickelt sich jedoch rasch zu einer regulären militärischen Struktur. Sie kontrolliert zeitweise große Teile der Herzegowina sowie Gebiete in Zentralbosnien, darunter auch Mostar. Anfangs kämpft die HVO gemeinsam mit bosniakischen Kräften gegen serbische Einheiten. Ab 1993 kommt es zum kroatisch-bosniakischen Konflikt, insbesondere in Mostar und Zentralbosnien. In dieser Phase begeht die HVO schwere Kriegsverbrechen, darunter: Vertreibungen der bosniakischen Zivilbevölkerung, Internierungslager, Zerstörung religiöser und kultureller Stätten, die gezielte Zerstörung der Stari Most.
Der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) stuft mehrere führende Mitglieder der HVO als Kriegsverbrecher ein. In Urteilen wird festgestellt, dass Teile der Gewalt systematisch und geplant erfolgen. Auch der Beschuss der Stari Most wird juristisch als gezielte Zerstörung eines kulturellen Symbols bewertet.
Das 28-minütige Video zeigt insgesamt 59 Raketeneinschläge, die von Stellungen der HVO und der kroatischen Armee (HV) abgefeuert werden. Die Aufnahmen belegen, dass die Brücke über zwei Tage hinweg systematisch und gezielt angegriffen wird. Das Video zeigt nicht nur visuell den Angriff, sondern macht über die Tonspur deutlich, wie die Soldaten das Geschehen zu einem Event stilisieren. Zu hören ist, wie sie sich gegenseitig anfeuern, Treffer herbeiwünschen, Treffer feiern, Einschläge kommentieren und mit völliger Genugtuung jubeln, als die Brücke schließlich am 9. November 1993 um 10:16 Uhr in die Neretva stürzt.
Slobodan Praljak wird vom Internationalen Strafgerichtshof wegen seiner Beteiligung an mehreren Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg zu 20 Jahren Haft verurteilt. Nach Bestätigung des Urteils begeht er 2017 öffentlich Suizid im Gerichtssaal, ein Moment, der weltweit Aufmerksamkeit erregt und die juristische Aufarbeitung des Krieges erneut ins öffentliche Bewusstsein rückt.
Der Wiederaufbau der Stari Most beginnt zehn Jahre nach ihrem Einsturz. Beteiligt sind unter anderem die Türkei, Kroatien, Italien, die Niederlande, die Weltbank, die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung sowie die Stadt Mostar. Die rekonstruierte Brücke steht heute zugleich für Wiederherstellung und für die bleibende Erinnerung an ihre gezielte Zerstörung.
Weitere Bereiche des Museums widmen sich Belagerungen, Gefangenenlagern, systematischer Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und den langfristigen Folgen des Krieges. Die Ausstellung macht deutlich, dass die Gewalt nicht abstrakt bleibt, sondern konkrete Lebensgeschichten betrifft. Der Besuch ist belastend. Die Eindrücke wirken nach. Das Museum fordert dazu auf, hinzusehen und auszuhalten – nicht aus Sensationslust, sondern aus Verantwortung gegenüber den Opfern.
Studio 88 - Nur Menschen
"Mein Mann Nedo hatte lange Haare. Er fuhr einen Fico (ein in Jugoslawien hergestelltes Automodell), spielte Gitarre und hörte die Rolling Stones. Er liebte Bücher. Er verliebte sich in mein Lächeln, und ich verliebte mich in die Rosen, die Bücher, die er mir kaufte, und die Gedichte, die er mir vorlas. Wir heirateten im Mai – am Tag des Sieges über den Faschismus, der später mein ganzes Leben prägen sollte. Wir lebten in Ljubuški. Wir hatten drei Kinder – zwei Söhne und eine Tochter. Er bestand darauf, dass unsere Kinder als fleißige und ehrliche Menschen erzogen wurden. Wir eröffneten unser Fotostudio „Studio 88“ in Ljubuški. Alles war idyllisch. Die Kinder gingen in den Kindergarten. Wir arbeiteten zu Beginn der 1990er Jahre. Dann begann der Nationalismus. Als die kroatische Hymne zum ersten Mal (an dem Ort, an dem wir lebten) gespielt wurde, sagte Nedo: „Stefce, es wird Blut fließen, das kann hier nur Blut bedeuten.“ Rufe für die Armee wurden laut, und Nedo bekam seinen Einzugs-Brief. Er antwortete darauf "Ich werde nicht in den Krieg gegen meine eigenen Nachbarn ziehen." Dann wurden wir vom serbischen Aggressor angegriffen. Eine Nacht lang hörten wir, wie Menschen in Kellern gefoltert wurden. Es waren schreckliche Schreie von Menschen, von Kindern. Es war entsetzlich, was wir in dieser Nacht hörten. Eines Morgens, gegen sieben Uhr, begannen sie, ein Kind zu foltern. Ich hörte Schreie: „Bitte, hör auf!“, „Bitte, tu mir nicht weh!“ Dann erlitt ich einen Nervenzusammenbruch.
Im April 1993 begannen Spannungen zwischen Kroat*innen und Muslim*innen. Die Muslim*innen wurden aufgefordert, ihre Waffen abzugeben, obwohl sie bis gestern noch zusammen mit den Kroat*innen gegen die serbische Macht gekämpft hatten. Danach wurden ihre Autos für die Bedürfnisse des HVO (Kroatischer Verteidigungsrat) beschlagnahmt, und es wurden Vorbereitungen getroffen, ihnen ihre Freiheit zu entziehen. Es gingen Gerüchte um, dass Muslim*innen in Konzentrationslager gebracht würden.
Am 5. August 1993 fuhren bewaffnete Männer in Lieferwagen umher und schrien im ganzen Ort, die muslimische Bevölkerung solle vor dem alten Polizeigebäude zusammenkommen. Ohne zu wissen, was sie erwartete, kamen sie. Dann standen Lastwagen bereit und brachten sie in das Lager Heliodrom. Unsere muslimischen Nachbar*innen kamen zu uns und fragten, was vor sich gehe. Ihre Gesichter waren verzweifelt. Sie waren verängstigt. Sie weinten nicht. „Herzegowiner*innen weinen nicht“, sagte Nedo.
Er ging zum Armeehauptquartier. Dort bekniete er unsere Landsleute und die Befehlshaber und sagte: „Bitte, das ist Wahnsinn, das ist ein Verbrechen. Tu das nicht!“ Er bekam die Antwort: "kein Jugoslawischer Kommunist wird uns je wieder sagen, mit wem wir Kroaten leben werden. Willst du mit den Ustaša an die Drina gehen? Willst du mit den Balijas gehen?“ (Anmerkung: Die Drina ist ein Grenzfluss zu Serbien und hier wurden unzählige ermordete muslimische Bosnier*innen in den Fluss geworfen. Balijas: schwere ethnische Beleidigung für muslimische Bosnier*innen)
Nedo kam gebrochen zurück.
Zu dieser Zeit schickte eine Frau aus Stolac einen Garantiebrief aus Deutschland für eine Person, die bereits im Lager Heliodrom inhaftiert war. Die sogenannten Garantiebriefe (bosnisch/kroatisch meist garantno pismo) waren inoffizielle, aber faktisch wirksame Schreiben, mit denen eine Person oder Institution erklärte, für eine inhaftierte Person Verantwortung zu übernehmen. Konkret bedeutete das, eine Person im Ausland (oft in Deutschland, Österreich oder der Schweiz) erklärte schriftlich, dass sie die inhaftierte Person aufnehmen werde, für Unterkunft, Lebensunterhalt und Ausreise garantiere und dass die Person das Gebiet der HVO unverzüglich verlassen werde. Ein solcher Garantiebrief kam also aus Deutschland an unser Faxgerät im Studio 88 an und wir sollten diesen weiterleiten an das Lager Heliodrom. So erfuhren wir, dass mit Hilfe solcher Garantiebriefe Häftlinge das Lager verlassen konnten. Nachdem dieser Brief angekommen war, warteten immer mehr Menschen auf diese letzte Hoffnung. Es war grausam, die Gesichter der Menschen zu sehen, die auf keinen Garantiebrief hoffen konnten. Da kamen wir auf die Idee, Garantiebriefe zu fälschen. Wir fertigten falsche Briefe an, wechselten Namen, nahmen Fotos von Menschen und erstellten ihre Dokumente. Wir brachten diese Briefe zur Polizei, die Polizei brachte die Briefe nach Heliodrom, und sie ließen die Gefangenen unter der Bedingung frei, dass sie Ljubuški innerhalb von 48 Stunden verlassen mussten. Auf diese Weise befreiten wir die Inhaftierten – einen nach derdem anderen. Nedo tat sein Bestes, um den Menschen zu helfen. Unser Haus und unser Studio wurden zu Zufluchtsorten. Er sorgte dafür, dass sich alle wohlfühlten. Er spielte den Ezan (den muslimischen Gebetsruf) auf einem Tonband für eine alte muslimische Frau, damit sie sich besser fühlte.
Nachdem die letzten Gefangenen Heliodrom verlassen hatten, wollte Nedo nicht mehr in Ljubuški bleiben. Wir gingen nach Prag.
Dennoch litt Nedo unter Ljubuški. Nach einem Jahr sagte er zu mir: „Stefce, ich möchte nach Hause zurückkehren.“ Ich war gegen diese Idee, aber ich folgte ihm.
Als wir zurückkamen, war es eine andere Stadt. Die Menschen mieden uns. Das Studio funktionierte nicht mehr. Sie bedrohten uns, zerstörten unser Studio. Unsere Kinder fühlten sich nicht sicher. Kurz darauf bekam Nedo Krebs. Er lebe noch einige Jahre. Er sagte mir, dass er nicht in Ljubuški begraben werden wolle, sondern in Sutina bei Mostar. Er starb am 17. Oktober 2002.
Es war uns wichtig, dass wir unsere Kinder gut erzogen hatten. Wenn man sie fragt, wer sie sind (bezogen auf Ethnie und Religion), antworten wir immer: „Nur Menschen.“
Nedo wurde posthum mit dem Duško-Kondor-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet. Während seines Lebens sagte er:
„Es wurde gesagt, ich habe meine Nation und meine Religion verraten – lasst sie das behaupten, mir ist nur wichtig, dass ich nicht mein Herz verraten habe"
Ich schenke dem Museum eine Kamera aus unserem Studio, Nedo’s verbrannte Narbe von Sutjeska ’68 sowie eine Fotostudio-Visitenkarte mit Nedo’s Bild."
Štefica Galić
Let's daydream
"Mein Bruder und ich bekamen dieses Sparschwein 1991 in einem Neujahrspaket. Wir beschlossen, Geld in ihm zu sammeln: für meinen Bruder, um ihm einen neuen Fußball zu kaufen, weil er Fußball liebte, und für mich, um mir ein Fahrrad zu kaufen – ein Pony, damals die bekannteste Fahrradmarke. Wir sparten unser Taschengeld und gelegentlich auch Geld, das wir draußen fanden, und steckten es in das Sparschwein.
Doch dann begann der Krieg. Die Bombardierungen wurden jeden Tag häufiger. Unser Leben änderte sich über Nacht. Ich dachte damals nicht mehr an das Sparschwein, denn das Wichtigste war, zu überleben. Eines Tages holte mein Bruder es hervor, während wir uns im Keller versteckten. Ich war überrascht, dass er überhaupt an das Sparschwein denken konnte. Da erzählte er mir, dass er es jeden Tag bei sich getragen hatte. Wir setzten uns hin und sahen es an, als wären wir verzaubert. Er sagte: „Lasst uns träumen.“ Wir träumten davon, dass der Krieg endet. Wir würden das Sparschwein öffnen: Er bekam seinen neuen Fußball, ich bekam mein Pony. Ich wollte, dass es blau ist. Wir versprachen einander, dass wir, sobald die Bombardierungen aufhören und wieder Frieden herrscht, unsere Träume wahr machen würden. Wir schliefen ein, während wir träumten.
Am nächsten Tag ging er mit unserem Vater Wasser aus den Tanks holen. Ich blieb mit meiner Mutter zu Hause. Kurz darauf mussten wir in den Schutzraum, weil die Bombardierungen sehr heftig wurden. Meine Mutter war sehr aufgebracht, weil mein Vater und mein Bruder schon lange weg waren. Erst nachts kam ein Nachbar zu uns in den Schutzraum. Er flüsterte etwas zu meiner Mutter. Ich durfte nicht hören, was er ihr sagte. Sie schrie. Sie wurde bewusstlos. Alle versammelten sich um uns. Sie ließen mich nicht zu meiner Mutter. Ich sah nur wie sie etwas in der Hand hielt. Ich erkannte unser Sparschwein – und erst in diesem Moment begriff ich alles.
Ein Schrapnell traf das Herz meines Bruders. Es gab sogar ein Loch im Sparschwein von dem Schrapnell. Er trennte sich nicht einmal an diesem Tag von ihm. Am selben Tag verlor ich meinen Vater und meinen Bruder.
Meine Mutter und ich blieben allein zurück.
Ich habe das Sparschwein all die Jahre aufbewahrt, als das letzte, was mein Bruder berührt hat. Die Träume, die wir gemeinsam träumten, waren das Wichtigste auf der ganzen Welt, und deshalb ließ er das Sparschwein selbst im Moment seines Todes nicht los. In ihm befinden sich noch immer ein paar Dinar, die wir vor dem Krieg sparen konnten."
Die Kantar
"Diese Kantar (römische Balken-Waage) gehörte meinem Großvater Asim Nučić, der zusammen mit seinen beiden Söhnen beim Genozid von Srebrenica getötet wurde.
Mein Großvater war Landwirt und betrieb Viehzucht. Er lebte im Dorf Kranjčevići, einem Weiler von Radojkovići, nur drei Kilometer von der serbischen Grenze entfernt. Mein Großvater benutzte diese Waage täglich, wenn er Getreide und Gemüse wiegen musste.
Im März 1993 brannten Četniks (serbisch-nationalistische Milizen) sein Haus nieder, und er floh nach Potočari. Im Juli 1995 nahmen Angehörige der Armee der Republika Srpska meinen Großvater und meinen Onkel in Potočari gefangen und töteten sie beide. Mein Vater floh in Richtung der Wälder, um das freie Territorium zu erreichen. Doch er wurde eingeholt und getötet. Die sterblichen Überreste meines Großvaters wurden im Massengrab von Kozluk gefunden, nur wenige Knochen. Die Überreste des Körpers meines Onkels wurden im Massengrab von Jadar gefunden, mit einer Schussverletzung am Kopf. Sie wurden im Memorialzentrum von Potočari beigesetzt. Die sterblichen Überreste meines Vaters wurden bislang nicht gefunden. Ich träume von dem Tag, an dem wir ihn endlich finden und ihm eine würdige Bestattung ermöglichen können.
Nach 26 Jahren kehrte ich zurück, um das Haus meines Großvaters aufzuräumen. In den Ruinen fand ich die Waage meines Großvaters."
Völkermord von Srebrenica
Die Ereignisse von Srebrenica gehören zu den schwersten Verbrechen der Jugoslawienkriege und stellen den größten Völkermord in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg dar.
Vorgeschichte
Srebrenica lag im Osten Bosnien-Herzegowinas und war während des Krieges eine überwiegend von Bosniak*innen bewohnte Enklave, umgeben von bosnisch-serbisch kontrolliertem Gebiet. Zehntausende Geflüchtete aus umliegenden Dörfern suchten dort Schutz. 1993 erklärte die Vereinte Nationen die Stadt zur sogenannten „UN-Schutzzone“. Niederländische Blauhelmsoldat*innen sollten die Zivilbevölkerung schützen, waren jedoch schlecht ausgerüstet, zahlenmäßig unterlegen und ohne robustes Mandat.
Juli 1995
Im Juli 1995 griffen bosnisch-serbische Truppen unter dem Kommando von Ratko Mladić die Enklave an. Die UN-Truppen leisteten keinen wirksamen Widerstand. Nach der Einnahme der Stadt wurden Frauen, Kinder und ältere Menschen von Männern und Jugendlichen getrennt. In den folgenden Tagen ermordeten serbische Einheiten systematisch mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen. Die Tötungen fanden an verschiedenen Orten statt, häufig in Lagerhallen, Schulen oder abgelegenen Feldern. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, später oft erneut ausgegraben und wieder neu "verteilt" um die Spuren der Verbrechen zu verwischen.
Internationale Einordnung und Urteile
Die Verbrechen von Srebrenica wurden später vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien als Völkermord eingestuft. Zu den zentralen Figuren gehörte Radovan Karadžić, der als Präsident der Republika Srpska die politische Führung der bosnisch-serbischen Entität innehatte. Er trug maßgebliche Verantwortung für die Belagerung Sarajevos, die ethnischen Säuberungen in Bosnien-Herzegowina und die Ereignisse von Srebrenica.
Die militärische Hauptverantwortung lag bei Ratko Mladić, dem Oberbefehlshaber der Armee der Republika Srpska. Unter seinem Kommando wurde Srebrenica im Juli 1995 eingenommen; anschließend erfolgten die systematischen Massenmorde.
Eine zentrale Rolle bei der praktischen Organisation spielten Ljubiša Beara, Chef des Sicherheitsdienstes der bosnisch-serbischen Armee, sowie Vujadin Popović, Geheimdienstchef des Drina-Korps. Beide waren direkt an Planung, Koordination und Durchführung der Exekutionen beteiligt.
Auch Radislav Krstić, General der bosnisch-serbischen Armee, wurde verurteilt. Er galt als einer der ranghöchsten Offiziere vor Ort und wurde wegen Beihilfe zum Völkermord schuldig gesprochen.
Auf staatlicher Ebene war Slobodan Milošević die prägende politische Figur. Als Präsident Serbiens und später Jugoslawiens unterstützte er die serbischen Kriegsparteien politisch und militärisch. Ein rechtskräftiges Urteil gegen ihn kam jedoch nicht zustande, da er während des laufenden Prozesses in Den Haag verstarb.
Die Urteile machten deutlich, dass Srebrenica kein spontanes Massaker, sondern ein geplanter, organisierter Völkermord war – getragen von militärischen und politischen Führungsstrukturen. Erstmals seit den Nürnberger Prozessen wurden hochrangige europäische Militär- und Staatsführer wegen Völkermords verurteilt.
Gleichzeitig galt das Versagen der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der UN, als eines der schwerwiegendsten moralischen und politischen Versäumnisse der 1990er-Jahre.
Bedeutung bis heute
Srebrenica wurde zu einem Symbol für das Leid der Zivilbevölkerung im Bosnienkrieg und für die Grenzen internationaler Schutzversprechen. Jährlich wurden neu identifizierte Opfer im Gedenkzentrum von Potočari beigesetzt – ein Zeichen dafür, dass die Aufarbeitung bis heute andauerte.
Das Massaker von Srebrenica verdeutlichte, wie weit der Krieg in Bosnien-Herzegowina eskaliert war – und bildete einen zentralen Wendepunkt, der den internationalen Druck erhöhte und letztlich zum Dayton-Abkommen beitrug.
Monatelange Flucht in den Wäldern
„Ich erinnere mich, es war im Juli 1995, der Fall der Enklave Srebrenica durch Mladićs Armee. Srebrenica stand jeden Tag unter Beschuss. Granaten trafen unser Dorf. Zuerst versteckten wir uns in
den Flüssen, doch als wir sahen, dass die serbische Armee zu unseren Häusern vorrückte, verließen wir das Dorf. Innerhalb weniger Augenblicke war ich gezwungen, mein Haus, meinen Besitz und alles
zu verlassen, was ich mir im Laufe meines Lebens durch meine Arbeit als Handwerker aufgebaut hatte. Ich nahm nur ein kleines Stück Brot mit in meine Tasche – das war das einzige Essen, das ich in
meinem Haus hatte.
Zusammen mit Tausenden anderer Menschen begann ich meinen Weg ins Ungewisse. Uns wurde gesagt, dass unser erstes Ziel Buljim sei, danach weiter nach Konjević Polje, und von dort aus sollte unser nächstes Ziel der Berg Udrč sein. Ich hatte von Udrč gehört, wusste aber nicht, wo er lag.
Während wir in einer Kolonne durch die Wälder gingen, fiel plötzlich ein Schuss. Wir gerieten in einen Hinterhalt. Ich ließ mich hinter einen Baum fallen. Ich sah tote und verwundete Menschen zu Boden stürzen. Dann hörte ich einen Ruf über ein Megafon: „Kommt heraus und ergibt euch. Hier spricht das Internationale Rote Kreuz. Ihr seid in Sicherheit. Wir haben eine Ambulanz, kommt heraus und bringt die Verwundeten mit.“ Ich glaubte ihnen nicht. Es war nur eine weitere Falle der Soldaten Mladićs.
Ich stand unter Schock, als ich einen Mann ohne beide Unterschenkel sah. Er schrie: „Lasst mich nicht allein, Brüder.“ Sein Körper war voller Blut. Ich schaffte es, bis zu einem Fluss vorzukriechen. Dort lagen Hunderte tote Menschen …
Ich ging immer und immer weiter. Irgendwann traf ich sogar wieder auf ehemalige Nachbarn und Verwandte, die den Hinterhalt ebenfalls überlegbt hatten. Wir überquerten den Berg Udrč, aßen nur einige der wilden Früchte, die wir unterwegs fanden. Doch wir mussten anhalten, als wir bei einer Straße in Snagovo ankamen – vor uns lag ein Minenfeld. Wir konnten nicht weiter …
Nach weiteren Wochen des Umherirrens durch die Wälder von Podrinje, auf der Suche nach Nahrung, kehrten wir schließlich in die Nähe unseres Dorfes zurück. In einem kleinen angrenzenden Wald gelang es uns, aus einer Plane und Zweigen eine Hütte zu bauen.
Wir sahen einige unserer serbischen Nachbar*innen auf ihren Feldern arbeiten. Es war kaum zu glauben, dass wir vor einigen Monaten noch Tür an Tür lebten und uns nun gegenseitig umbrachten.
Wir versteckten uns in der improvisierten Hütte bis zum 18. Oktober 1995. Dann entdeckten sie uns eines Morgens doch. Die serbische Armee und die Polizei umstellten uns. Wir waren unbewaffnet und mussten uns ergeben. Sie nahmen uns gefangen und brachten uns in das Lager KP Dom in Foča. Nach drei Monaten im Lager wurden wir durch einen Gefangenenaustausch befreit."
Konzentrationslager Dretelj
Das Lager Dretelj befand sich in der Nähe von Čapljina und Međugorje und wurde während des Bosnienkriegs von Angehörigen des HVO (Kroatischer Verteidigungsrat) betrieben. Es bestand aus mehreren Betonhallen sowie Tunneln, die in die umliegenden Hügel gegraben waren.
1992 wurden dort zunächst vor allem serbische Zivilist*innen inhaftiert, darunter auch viele Frauen. Im Jahr 1993 verlagerte sich die Inhaftierung überwiegend auf Bosniak*innen, die teils bis 1994 festgehalten wurden. Zu den Gefangenen zählten Männer, Minderjährige und ältere Menschen.
Die Haftbedingungen waren extrem brutal. Die Inhaftierten waren systematischen Misshandlungen, Erniedrigungen, Schlägen und psychischer Gewalt ausgesetzt.
Die weiblichen Gefangenen wurden vergewaltigt. Überlebende berichten wie sie gezwungen wurden einander zu misshandeln. Dretelj gilt heute als eines der Lager, in denen die schwersten Menschenrechtsverbrechen begangen wurden.
Holzgewehr-Attrape als Falle
Dieses wurde als Beweisstück im Verfahren gegen Mladen Naletilić und Vinko Martinović (kroatische HVO) vorgelegt.
Der Angeklagte Martinović hatte muslimische Gefangene dazu gezwungen, Uniformen mit kroatischen Abzeichen zu tragen und hölzerne Gewehrattrappen zu benutzen. Diese sollten dazu dienen, bosniakisches Feuer anzulocken, indem sie als Täuschung gegenüber der gegnerischen Seite eingesetzt wurden und so liefen die Bosniakischen Kämpfer in einen Hinterhalt und töteten dabei ihre eigenen Mönner.
Meine Kindheit in Mostar während des Krieges
„Ich wurde 1984 in Mostar geboren. Als der Krieg in meiner Heimatstadt ausbrach, änderte sich alles, es war seltsam. Wir lebten in Angst. Es war sehr schwierig für uns. Ich wusste nicht, warum es Menschen gab, die uns töten wollten – wir hatten ihnen nichts getan.
Wir lebten in Kellern und zerstörten Wohnungen. Nach mehreren Tagen des Versteckens im Keller wagten wir uns manchmal nach draußen. Oft schossen sie mit Granaten und Scharfschützen auf uns. Obwohl wir Kinder waren, wussten wir, was zu tun war – wir suchten sofort Schutz und versteckten uns. Wir hatten kein Spielzeug zum Spielen. Also erfanden wir ein Spiel namens: „Wer findet den größten Granatsplitter, der Mostar getroffen hat.“
Der Schulunterricht wurde improvisiert und in Kellern organisiert. In Momenten, in denen die Granaten unsere Stadt nicht trafen, hatten wir Unterricht und hörten unserer Lehrerin zu. Oft mussten wir vor Scharfschützen davonlaufen, um überhaupt zur Schule zu gelangen. Manchmal brachten uns unsere Mütter und baten die Lehrerin, auf uns aufzupassen. In diesen Kellern waren wir oft hungrig und durstig, denn es gab nicht genug Nahrung oder Wasser.
Ich erinnere mich an den Frühling 1994, als das Rote Kreuz Wassertanks aufstellte und wir Kinder unseren Eltern helfen wollten. Mit kleinen Kanistern gingen wir zu den Tanks und füllten sie mit Wasser.
Ich wollte immer mit den ‚Blauhelmen‘ (Mitglieder der internationalen Truppen) befreundet sein, weil sie uns oft Kekse oder Schokolade gaben. Dieses Foto wurde im Mai 1994 in der Tito-Straße in Mostar aufgenommen. Ich bin der Junge mit dem großen Lächeln im blauen T-Shirt. Ich war damals 10 Jahre alt. Meine Mitschüler*innen und ich beobachteten, wie Wasser aus den Zisternen abgefüllt wurde.“
Haris Behram
Mein Bruder Edin
„Ich lebte mit meinem Bruder Edin und meinen Eltern im Stadtteil Hladivođe, in einem neuen Familienhaus, in das wir gerade erst eingezogen waren. Als der Krieg begann, war ich sechs Jahre alt, und alles, was ich wollte, war draußen zu spielen. Anfang 1993 kamen serbische Truppen unserem Haus immer näher.. Als wir plötzlich auf der Flucht waren, nur in Schlafanzügen, nach Sederik – dem nächstgelegenen Ort zu uns –, wurde uns klar, dass wir nicht zurückkehren würden. Das geschah mitten in der Nacht.
Mein Vater war an der Front in Borija. Wir suchten Schutz im Haus meiner Tante und lebten dort. Einmal brachte ein humanitärer Hilfskonvoi Nahrung und Kleidung. Ich erinnere mich an den Geschmack von Erdbeeren. Die Kinder machten Spielzeug aus Holz, Steinen, Draht – ich erinnere mich an einen Moment, als mein Bruder mir die größte Murmel gab. Es gab ständig Schüsse und Granatenbeschuss. Besonders schlimm war es, als ein Geschoss in der Nähe unseres Hauses einschlug. Wasser war sehr kostbar, weil wir keins hatten. Wir achteten darauf, keinen Tropfen zu verschwenden. Wir hatten einen kleinen Ofen, auf dem wir kochten.
Am Heiligabend, dem 6. Januar 1993, waren mein Bruder, meine Mutter und meine Tante im Haus in Sederik. Ich erinnere mich an den schrecklichen Moment, als zwei Granaten in der Nähe einschlugen. Das nächste Bild, an das ich mich erinnere, sind Wände mit Blut. Meine Tante war sofort tot. Mein Bruder wurde vom Splitter der einer Granate getroffen. Er war noch am Leben. Meine Mutter war bei ihm und sprach mit ihm und sagte ihm, er solle keine Angst haben, dass sie bei ihm sei.
Nach ein paar Sekunden hörte er auf zu atmen.
Danach brachten sie meine Mutter ins Krankenhaus, weil sie schwer verletzt war. Über 30 Splitter hatten ihren Arm und ihr Bein getroffen, und sie kämpfte lange um ihre Genesung. Mein Vater kam irgendwann von der Frontlinie nach Hause. Sein schwarzes Haar wurde über Nacht grau.
Es wurde uns klar, dass wir bewusst angegriffen wurden – es gab weit und breit keine militärischen Ziele. Gezielt wurden Wohnhäuser, Sammelunterkünfte , Wasserstellen und Schulwege beschossen, Orte an denen es nur Zivilisten gab.
Mein Cousin Dudić nahm mich vorübergehend bei sich auf. Nachdem einige Zeit vergangen war, wurde meine Mutter aus dem Krankenhaus entlassen. Sie hatte keine schwarzen Haare mehr, sie war vollständig weiß geworden. Als sie mich sah, fragte sie: ‚Wo ist mein Bruder?‘ Als Kind verstand ich das nicht – ich suchte weiter nach Edin.
Edin war vierzehn Jahre alt, als er starb. Er war ein guter Schüler. Er liebte Fußball, lernte Russisch in der siebten Klasse und wollte Architekt werden, wenn er groß war. Wenn mich später zum Beispiel in der Schule jemand fragte, ob ich Geschwister habe, war es sehr schwer für mich. Ich weinte viel, sagte aber immer dass ich einen Bruder habe.
Es war schwierig, nach dem Krieg weiterzuleben. Meine Eltern erholten sich nie vom Verlust meines Bruders und konnten nie wirklich weitermachen. Der Krieg war immer ein Teil von uns. Ich besuchte regelmäßig das Grab meines Bruders und betete für ihn. Meine Mutter litt unter ihrem Verlust so sehr und starb 2003 an einem Herzinfarkt, verzehrt von Leere und Trauer. Mein Vater starb ebenfalls 2003 an Krebs – ich glaube ebenfalls eine Folge von Stress und Leid. Ich war 16 Jahre alt und musste mit dem Verlust meiner Eltern und meines Bruders weiterleben. Ich war völlig allein.
Bosman – ein Comicheld im Krieg
Während der Belagerung von Sarajevo entstand 1994 unter schwierigsten Bedingungen ein ungewöhnliches Medium: der Comic Bosman. Er wurde von bosnischen Künstler*innen und Autor*innen gestaltet.
Bosman ist eine fiktive Figur, deren Geschichte lose die Lebensrealität der Menschen in der belagerten Stadt widerspiegelt. Die Figur eines Superhelden, der sich Gefahren stellt und für das Überleben und die Freiheit seines Landes und seiner Freunde kämpft, wurde ein Symbol der Hoffnung und des Durchhaltevermögens.
Der Comic wurde für die Bewohner*innen Sarajevos geschaffen, insbesondere für die Kinder und Jugendlichen.
Trotz der geringen Auflage wurde der Comic vielfach weitergegeben. Kinder lasen ihn gemeinsam in Kellern und Schutzbunkern oder gaben die Inhalte mündlich weiter, sodass die Geschichten weit über die gedruckten Exemplare hinaus verbreitet wurden.
Ich überlebte drei Todeslager
"Ich lebte mit meiner Familie in Donja Ljubija bei Prijedor. Wir führten ein friedliches Leben, hatten unsere Arbeit, bis 1992 der Krieg begann. Als im Mai 1992 die Angriffe und der Terror in Prijedor begannen, war meine Frau im siebten Monat schwanger. Bereits viele Zivilist*innen aus unserer Stadt waren verhaftet und in Lager gebracht worden. Wir warteten darauf, dass sie auch uns holen würden. Plötzlich bekam meine Frau Wehen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Ich wollte sie begleiten, doch serbische Soldaten ließen mich nicht. Ohne Erklärung sagten sie, sie könne nicht in Prijedor entbinden und müsse nach Banja Luka. Die Soldaten brachten sie ins serbische Gebiet von Banja Luka Dort gebar sie unseren Jungen. Nach dem ersten Stillen nahmen die Ärzte ihr das Kind weg. Sie fragte nach dem Kind, doch man sagte ihr, es sei gestorben. Als sie erwiderte, das sei unmöglich – sie habe ein gesundes Kind geboren –, warf man sie aus dem Krankenhaus. Sie stand allein, ohne unser Kind auf der Straße und wusste nicht was sie tun sollte.
In diesen Tagen brachten viele muslimische Frauen ihre Kinder zur Welt, und allen wurde gesagt, ihre Kinder seien gestorben.
Meine Frau schaffte es irgendwie wieder zu mir zurückzukommen.
Mitte Juni wurde ich vor meinem Haus festgenommen und ins Lager Keraterm gebracht. Ich hatte nie irgendetws getan, mich nochniemals gewehrt und doch wurde ich, wie alle anderen Häftlinge auch, geschlagen und gefoltert. Nach zehn Tagen wurde ich in ein weiteres Lager nach Omarska gebracht. Die Folter war dort noch schlimmer. Ich bin bis heute erstaunt, dass ein Mensch all diese Qualen überleben kann. Sie schlugen mich mit Ketten, Kabeln, Gummischläuchen, Gewehrkolben. Ich verlor mehrfach das Bewusstsein, doch sie schlugen weiter. Sie befahlen mir, die Leichen der Ermordeten aus dem Lager wegzutragen. Ich brachte sie mit einem gelben Lastwagen fort und transportierte täglich mehr Leichen an unbekannte Orte.
Ich wurde auch von Menschen gefoltert, die ich persönlich kannte – meinen serbischen Nachbarn, mit denen ich jahrelang Tür an Tür gelebt hatte.
Im August wurde ich mit vielen anderen in Busse getrieben und an einen weiteren unbekannten Ort gefahren. Hier erwarteten uns serbische Frauen und Kinder. Kinder! Sie hielten Stöcke und Eisenstangen in den Händen. Die Soldaten riefen wahllos 33 Häftlinge auf, aus dem Bus zu steigen. Diese Frauen und Kinder begannen, sie zu schlagen. Da sie bereits schwer misshandelt waren, dauerte es nicht lange, bis sie zu Tode geprügelt wurden. Die Leichen blieben am Tor liegen, damit wir sie sehen konnten. Davon träume ich noch heute.
Später erfuhr ich, in welches neue Lager ich gebracht worden war, ins Arbeitslager Manjača. Wir wohnten in Ställen, in denen zuvor Vieh gehalten worden war. Es war Winter, bitterkalt, und wir hatten kaum Kleidung. Irgendwann ergatterte ich eine Jacke und eine Decke. Aus einem Teil fertigte ich mir eine Hose. Ich nahm Glas und schnitt den Stoff, nähte mit einem Faden aus einem Kartoffelsack und fertigte mir eine Nadel aus gebogenem Stacheldraht.
Ich wurde gerettet durch den UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Es war eine der wenigen internationalen Organisationen, die Zugang zu serbisch kontrollierten Lagern hatte. Ich wurde nach Kroatien gebracht und dort freigelassen. Später kam ich in die Niederlande, wo ich bis heute lebe.
Ich habe ein großes Haus in meinem Heimatort Donja Ljubija gebaut – auf genau der Stelle, wo das Haus meines Vaters stand und welches meine serbischen Nachbarn, die mich folterten, zerstört hatten. Ich lebe in den Niederlanden aber mein Inat-Haus, wie es heißt, wird weiter stolz in Donja Ljubija stehen."
Indin Cerić
(Anmerkung: INAT ist ein Wort aus dem Bosnischen/Serbokroatischen, ursprünglich aus dem Türkischen übernommen, und lässt sich nur schwer mit einem einzigen
deutschen Wort übersetzen. Es bedeutet eine Mischung aus: Trotz, Sturheit, unbeugsamem Festhalten, bewusster Gegenwehr gegen Ungerechtigkeit und erst recht-Haltung. Nicht kindischer Trotz,
sondern würdevoller, existenzieller Widerstand.)
Am Ende der Ausstellung betritt man einen Raum, der zwar in keinster Weise ein echtes Gegengewicht zu all dem bilden kann, was wir gerade gesehen und gelesen haben, aber er eröffnet eine Möglichkeit, seine Sprachlosigkeit mitzuteilen, sein Mitgefühl auszudrücken, Anteil zu nehmen. Auf tausenden bunten Post-Its sind hier handgeschriebene Nachrichten von Besucher*innen aus aller Welt zu lesen. Botschaften über Trauer, Mitgefühl, Wünsche nach Versöhnung, Appelle gegen das Vergessen, Schuld- und Verantwortungsfragen, persönliche Betroffenheit, Solidarität mit den Opfern, Mahnung an zukünftige Generationen, Ablehnung von Gewalt und Nationalismus, der Wunsch nach Frieden, Dankbarkeit für das Teilen der Geschichten und viele Versprechen, das Gesehene weiterzutragen.
Genau das können wir tun: zuhören, Raum geben, weitertragen. Den Stimmen der Betroffenen Sichtbarkeit verschaffen und nicht vergessen. Weil Erinnerung kein Selbstzweck ist, sondern gesellschaftliche Verantwortung. Verantwortung dafür, hinzuschauen, auch wenn wir glauben, nicht persönlich betroffen zu sein. Geschichte zeigt, dass Gewalt nicht nur durch Täter*innen entsteht, sondern auch durch Wegsehen, Relativieren und das Akzeptieren von Zuständen, die als „nicht unser Problem“ abgetan werden. Gerade heute, in einer Zeit, in der Entrechtung von Menschen jeden Tag massiver wird, eine politische Rückkehr zu ethnischer und religiöser Kategorisierung Alltag geworden ist, Krieg und nationalistisches Denken wieder offen sichtbar sind, wird deutlich, wie nah solche Entwicklungen rücken können, wenn sie unwidersprochen bleiben. Hinzuschauen heißt, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen – damit sich das, was hier erzählt wird, nicht wiederholt.