Kotor–Lovćen Cable Car und die Bucht von Kotor
Die Anfahrt: spektakulär – und nervenaufreibend
So beeindruckend die Aussicht später von oben sein wird, so herausfordernd ist die Fahrt entlang der Bucht. (Ich füge mal ein paar offizielle Bilder ein, so dass man sich die Ausmaße der Bucht etwas besser vorstellen kann.)
Es gibt entlang der gesamten Bucht von Kotor im Wesentlichen nur eine durchgehende Küstenstraße. Sie ist schmal, kurvig, teilweise ohne nennenswerten Seitenstreifen – und wird von allen genutzt: Pendler*innen und Einheimischen, Lieferverkehr, Touristenströmen, Bussen, Motorrädern. Der Fahrstil der Montenegriner*innen ist dabei oft selbstbewusst bis rasant. Überholt wird auch in engen Passagen, Roller schlängeln sich durch jede Lücke, und selbst größere Fahrzeuge wirken erstaunlich entschlossen. Gleichzeitig eröffnet sich hinter jeder Kurve ein neues Postkartenmotiv – was das Fahren nicht entspannter macht.
Wir sind Ende September hier. Es ist keine absolute Hochsaison mehr – und trotzdem empfinden wir den Verkehr als anstrengend. Kaum vorstellbar, wie es im Juli oder August aussehen muss. Wir lesen Berichte von Menschen, die beispielsweise in Risan wohnen und in Kotor arbeiten: Für die 17 Kilometer entlang der Bucht können im Sommer durchaus bis zu drei Stunden Fahrzeit zusammenkommen. Eine Strecke, die auf der Karte harmlos wirkt, wird im Alltag zur Geduldsprobe. Die Aussicht entlang der Straße ist durchgehend spektakulär – Berge, Kircheninseln, spiegelndes Wasser. Doch als Fahrer*in erlebt man sie eher im Augenwinkel, während man versucht, konzentriert in der Spur zu bleiben. Deshalb ist die Seilbahn so reizvoll: in Ruhe schauen und nicht fahren müssen.
Die herausfordernde Fahrt ist ein Grund, warum wir uns später entscheiden, die Strecke nicht noch einmal auf uns zu nehmen, nur um Kotor ausführlich zu besichtigen. (Wir müssen, wenn wir unseren Platz verlassen, noch einmal mit dem Wohnwagen hier entlang; das reicht uns völlig...) Natürlich hat Kotor eine beeindruckende Altstadt zu bieten – und in einem „klassischen“ Urlaub würden wir sie ohne Zögern auf unsere Liste setzen. Doch auf einer langen Reise verschieben sich die Maßstäbe. Nach so vielen Ländern, so viel Geschichte und Eindrücken entsteht eine andere Form von Sättigung. Nicht im negativen Sinn – eher als ruhige Gelassenheit. Man muss nicht mehr alles gesehen haben. Wenn wir eine Altstadt oder Sehenswürdigkeit auslassen, fühlt sich das nicht wie ein Versäumnis an, sondern wie eine bewusste Entscheidung. Und ganz leer gehen wir ohnehin nicht aus: Unsere Tour in den Durmitor Nationalpark startet in Kotor. Am frühen Morgen laufen wir durch die engen Gassen der Altstadt zum Treffpunkt mit unserer Reisegruppe. Ein kurzer, stiller Eindruck – gerade genug, um die Atmosphäre aufzunehmen, ohne uns erneut in den Verkehr rund um die Bucht stürzen zu müssen, denn wir werden von einem Abholservice direkt am Campingplatz eingesammelt. Aber dazu später mehr! Nun erst einmal die spektakuläre Aussicht auf die Bucht von Kotor.
Seit 2023 verbindet das Kotor Cable Car die Küste mit dem Lovćen-Massiv. Die Talstation liegt oberhalb von Dobrota, nur wenige Kilometer von Kotor entfernt. Von dort schwebt man in rund elf Minuten fast 1.300 Höhenmeter hinauf auf etwa 1.350 Meter über dem Meeresspiegel – in Richtung Lovćen-Nationalpark. Ein Panoramaerlebnis.
Oben öffnet sich der Blick in mehrere Richtungen: Hinunter in die gesamte Bucht von Kotor – mit ihren fjordartigen Windungen, den schmalen Durchlässen und den dicht bebauten Uferorten, dann ein Blick Richtung Tivat und zur offenen Adria im Süden und ins gebirgige Hinterland mit kargen Kalksteinformationen und Hochflächen.
Von hier oben wirkt die Bucht noch dramatischer: Das Wasser schneidet sich tief zwischen die steilen Berghänge, Orte wie Kotor oder Perast erscheinen winzig klein. Man versteht, warum diese Landschaft als eine der spektakulärsten Küstenformationen Europas beschrieben wird.
Oben gibt es Aussichtsterrassen, Gastronomie und Zugang zu Wanderwegen im Lovćen-Gebiet. Wer möchte, kann hier weiter in Richtung Nationalpark wandern oder einfach nur die nähere Umgebung mit recht einfachen Wegen erkunden und die wunderschöne Aussicht genießen. Obwohl... warum schreibe ich "recht einfache Wege"?! So ganz stimmt das nicht, man muss an einigen Stellen durchaus über "Stock und Stein", größere Felsbrocken umrunden oder drüberklettern... und dabei lege ich mich an einer Stelle so richtig schön auf die Nase. Nichts passiert - zum Glück nur aufgeschürfte Hände und Knie. Aber ein kleiner Schreckmoment, denn auch wenn wir eine Langzeitauslandskrankenversicherung abgeschlossen haben, so ist doch der Worst Case, sich auf der Reise zu verletzen. Und die Menschen, die mich seit meiner Kindheit kennen, wissen genau, wer von Klassenfahrten immer mit verstauchten Knochen oder offenen Wunden zurückkam (Liebe Grüße an Michael und meine Mutter an dieser Stelle ;-) ) Aber lasst uns keine self-fulfilling prophecy daraus machen; es ist noch mal gut gegangen und wir stärken uns bei spektakulärer Aussicht mit leckeren Priganice. Dabei handelt es sich um kleine, frittierte Teigbällchen, außen leicht knusprig, innen weich und luftig. Sie werden meist warm serviert und je nach Region oder Anlass unterschiedlich kombiniert: süß mit Honig, Marmelade oder Puderzucker, oder herzhaft mit Käse. Häufig stehen sie als Vorspeise auf dem Tisch oder werden gemeinsam mit Njeguški Pršut (traditioneller Schinken) und regionalem Käse gereicht. Besonders in den Bergregionen gehören Priganice zur traditionellen Küche.