Lepenski Vir – Die Wiege der europäischen Kultur an der Donau

 

Lepenski Vir liegt an der serbischen Donau, in einer Flussbiegung kurz vor dem Eisernen Tor, und zählt zu den bedeutendsten archäologischen Stätten Europas. Der Name bezeichnet die große Stromschnelle in der Mitte des Eisernen Tores. Die Ausgrabung zeigt eine Siedlung aus der Mesolithischen und Neolithischen Zeit, die zwischen etwa 9500 und 6000 v. Chr. existierte – also sind die Funde bis 11.000 Jahre alt! Unglaublich beeindruckend! Die Ausgrabungen begannen in den 1960er-Jahren unter der Leitung von Dragoslav Srejović, der Lepenski Vir zu einem Schlüsselprojekt der prähistorischen Archäologie machte. Die Siedlung besteht aus mehreren Bauphasen und Horizonten. Srejović identifizierte fünf Phasen in der Besiedelung von Lepenski Vir. Er rechnete die Phasen Ia-e und II zum Mesolithikum, die folgenden zum frühen und mittleren Neolithikum (Jungsteinzeit).

Lepenski Vir gilt als frühe Kulturstätte mit festen Häusern, eigener Architektur, Kunst und Ritualen. Die Siedlung entwickelte sich über mehrere Jahrtausende. Ursprünglich handelt es sich um eine mesolithische Jäger- und Sammler-Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit unter neolithischem Einfluss weiterentwickelte und erste Formen von Landwirtschaft übernahm.

 

Besonders auffällig sind die trapezförmigen Häuser, die in einem fächerförmigen Muster zur Donau hin ausgerichtet sind. Ihre Böden bestehen aus einer gegossenen Kalksteinmischung, einer frühen Form dauerhafter Fundament- und Fußbodenkonstruktion, die häufig als Vorläufer von Beton beschrieben wird. Und auch wenn es eine ganz frühe Phase des Hausbaues war, lässt sich erkennen, dass die Gebäude mit einem einheitlichen symmetrischen Baukonzept errichtet wurden. Ergänzt werden die baulichen Besonderheiten durch Steinskulpturen mit menschlich-tierischen Zügen die vermutlich kultische oder rituelle Funktionen hatten. Wir müssen schmunzeln - die Gesichter sind einfach zu gut!

 

Lepenski Vir ist für die Forschung aus mehreren Gründen interessant: Die Siedlung zeigt frühe dauerhafte Bauweise, während die meisten Menschen der Zeit noch nomadisch leben. Die Funde deuten auf komplexe soziale Strukturen hin, einschließlich gemeinschaftlicher Rituale. Die Lage an der Donau erlaubt Rückschlüsse auf Frühhandel, Fischfang und Nahrungssicherung. Fischerei spielt eine zentrale Rolle: Viele Funde belegen, dass die Donau den Hauptbestandteil der Ernährung lieferte.

 

Heute ist die Stätte ein modernes Besucherzentrum, das Informationen zu Funden, Rekonstruktionen der Häuser und zur Lebensweise der damaligen Bewohner*innen bietet. Um die Ausgrabung zu schützen, ist diese eingebettet im Gebäude – also diesmal kein Umherstreifen durch "alte Steine" sondern Bewundern aus sicherem Abstand. Besonders schön ist auch der Film, den man zu Beginn des Besuches sehen kann. Er zeigt Originalaufnahmen der Archäologischen Ausgrabung aus den 60er- und 70er Jahren, rauchende, flirty Archäologen, Hippiehosen, dauerkniende Menschen mit Kellen, Pinsel, Maßbändern und Notizbücher, Dokumentation erfolgt per Handzeichnung und Fotografie.

 

Eindrucksvoll sind auch die verschiedenen Gräber, die hier gefunden wurden: Insgesamt wurden 136 Gräber untersucht, in denen die Überreste von 180 Menschen gefunden wurden. Eine große Zahl von Neugeborenen wurde unter den Fußböden der Häuser bestattet, was Lepenski Vir von anderen mesolithischen Fundstätten unterscheidet. Alle anderen Verstorbenen wurden entweder am Rand der Siedlung oder in Grabgruben unter den Hausböden beigesetzt. Die Körper sind dabei parallel zum Lauf der Donau ausgerichtet, mit dem Kopf flussabwärts. Die Bestatteten liegen überwiegend in gestreckter Lage, mit den Armen gerade am Körper anliegend oder auf den Körper gefaltet. Ein Grab zeigt eine sitzende Bestattung (aus der Proto-Lepenski-Vir-Phase).

In Gräbern aus der späten Phase liegen die Toten teilweise seitlich, in angezogener (kontrahierter) Position. Gelegentlich wurden den Verstorbenen Grabbeigaben beigelegt, darunter menschliche Schädel und Kiefer, Tierknochen und Hörner (Wildrinder, Rehe, Hirsche und Hunde), Knochenahlen sowie Halsketten aus Kalkstein und Schneckenhäusern.

 

Neben Werkzeugen wurden in Lepenski Vir auch zahlreiche Schmuckstücke, Ketten und Amulette gefunden. Dazu gehören Perlen aus Stein, bearbeitete Knochen und Schneckenhäusern sowie sorgfältig bearbeitete Anhänger. Diese Funde zeigen, dass sich Menschen hier schon sehr früh nicht nur mit dem funktionalen Alltag beschäftigen, sondern auch Wert auf Gestaltung und äußere Wirkung legen.