Abschied von Rumänien - von Flaggen, Feden, fantastischen Campinggefühlen
... und einer wunderbaren Donautour
Wir nähern uns dem Ende unserer Zeit in Rumänien und auch wenn wir schon sehr auf die nächsten Länder wie Serbien und Bosnien gespannt sind, so fühlen wir trotzdem einen kleinen "Abschiedsschmerz". Rumänien hat uns soo gut gefallen! Hier hatten wir nun über 3 Wochen Zeit ein wenig mehr "reinzufühlen", das Land und Menschen kennenzulernen, einen echten Eindruck zu bekommen. Wahrscheinlich werden wir bei fast allen Ländern später sagen "da würden wir gerne nochmal hin" aber bei Rumänien sind wir uns sicher, dass uns die Zeit noch nicht gereicht haben. Wir haben einen kleinen Teil der Crișana gesehen und einen größeren vom Banat, wir haben einen Großteil Transsylvaniens bereist und fahren nun zum Schluss in den Süden, dem Grenzgebiet zwischen Banat und Walachei. Aber es warten noch die schönen Passtraßen wie die Transfăgărășan oder Transalpina darauf bestaunt zu werden und wir möchten sehr gerne noch den Norden erkunden, Moldova und Bukowina, mit ihren Klöstern, Weingebieten und malerischen Dörfern. Wir haben nur positive Erinnerungen an die Freundlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen hier. Ich würde auch gerne ein paar mehr Worte rumänisch können, es ist eine sehr schöne Sprache, es hat einen fast singenden Klang und man weiß nicht – hört man etwas östliches oder etwas italienisches!? Rumänisch ist eine romanische Sprache – und damit die östlichste Vertreterin der großen Sprachfamilie, zu der auch Italienisch, Französisch und Spanisch gehören. Sie entwickelte sich aus dem Latein der römischen Provinz Dacia, das sich hier über Jahrhunderte mit slawischen, ungarischen, türkischen und griechischen Einflüssen vermischte. Heute klingt Rumänisch wie eine interessante Mischung: vertraut für alle, die andere romanische Sprachen sprechen, und doch eigenständig durch seine weichen, melodiösen Formen, den östlich anmutenden Betonungen und die ungewöhnlichen Lautkombinationen. Das Alphabet ist lateinisch, ergänzt um fünf Sonderzeichen (ă, â, î, ș, ț). Besonders stark ist die Nähe zum Italienischen, viele Wörter ähneln sich im Klang und in der Bedeutung, etwa mână (mano – Hand), soare (sole – Sonne) oder vin (vino – Wein). Wer Italienisch spricht, erkennt also vieles wieder, vielleicht begegnen uns auch darum viele Reisende aus Italien.
Was uns in Rumänien aufgefallen ist und wir gerne mochten, war die die Häufigkeit der Kombination aus 2 Flaggen, die nicht nur an offiziellen Gebäuden hängen, sondern viele Wohnhäuser schmücken:
die rumänische UND die EU-Flagge.
Für uns ist das Hissen der Landesflagge immer befremdlich. Will man damit "Stolz" ausdrücken? Was genau ist dieser Stolz eigentlich? Auf die Landschaft? Auf historische Ereignisse? Auf die
Kultur? Oder auf politische Grenzen? Es erschließt sich mir nicht, auf die Zugehörigkeit zu einem Staat „stolz“ zu sein, zumal man keinen Einfluss darauf hat, wo man geboren wird, und Grenzen oft
historisch willkürlich gezogen wurden, während Kriege um diese Grenzen bis heute auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen werden. (Denn, Überraschung: Bei Grenzen geht es meist nicht um
Zugehörigkeit, sondern um wirtschaftliche Interessen und Ressourcen, die für die Machthaber von Bedeutung sind)
Ja, wahrscheinlich verbirgt sich hinter all den Flaggen oft eine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Identität. Aber auch das ist für mich oft nicht greifbar. Während meiner Jahre im super deutschen Verden an der Aller habe ich mich so wenig zugehörig gefühlt wie selten zuvor, in Städten wie Budapest oder Belgrad (Spoiler, Belgrad war fantastisch) fühle ich sofort eine Art von Verbundenheit/ ein "hier-könnte-ich-sein-Gefühl". (Noch ein Gedanke, der an dieser Stelle zu weit führt, den ich aber zum Nachdenken mal mitgeben möchte: Das Wort "Heimat", um das es sich so oft im Deutschen dreht, gibt es nur in der deutschen Sprache. Versucht mal das, was wir im Deutschen mit "Heimat" meinen -und auf das dann so viele stolz zu sein glauben- in eine andere Sprache zu übersetzen... "home"? pays natal? casa? Es trifft nie diesen Sinn, den es im Deutschen hat. Ist es nicht interessant, wie wichtig für viele "Heimat" ist, wenn es dafür in anderen Sprachen nochniemals den selben Begriff gibt?!)
Uns gefiel also die Flaggen-Kombi in Rumänien sehr. Die EU-Flagge signalisiert Zugehörigkeit zu einer größeren politischen und wirtschaftlichen Gemeinschaft. „Wir sind Teil Europas“ – nicht nur Rumän*innen, sondern auch Bürger*innen der EU allgemein. Hier wird die EU-Flagge tatsächlich als weltoffen und zukunftsorientiert wahrgenommen und als sichtbares Zeichen für Modernisierung, Rechtsstaatlichkeit und Integration in gemeinschaftliche europäische Strukturen.
Wir können nur hoffen, dass sich irgendwann wieder genau diese Idee von Gemeinschaft und Weltoffenheit durchsetzt und Menschen erkennen, dass der Rechtsruck und das Einschließen in eigene nationale Strukturen, rückwärtsgewandt und schädlich für uns alle ist.
Zurück zu unserer Reise, die wir als EU-Bürger*innen bestreiten ;-)
Wir haben noch ein paar schöne Tage an der Donau vor uns und starten entspannt von unserem wunderschönen "Camping Thobias" Richtung Süden.
Nach der "Ananas Aufregung" hatten wir das große Glück, einen der schönsten Plätze unserer Tour zu finden. Camping Thobias liegt am Rande des Grădiștea Muncelului-Cioclovina Nationalparks in der totalen Idylle. Die Betreiberin, Brigitte, hat einen wundervollen Ort erschaffen, umgeben von Wald, an einer kleinen Straße, die kaum befahren ist und nur in die nächsten Dörfer führt. Alles ist mit Solar betrieben, es gibt zwar keinen Stromanschluss am Platz aber wir können ja dank eigner Solarpanels autark stehen und alles, was es vor Ort gibt, reicht völlig aus: warme Duschen, einen schönen Gemeinschaftsbereich mit Kochmöglichkeit und Gemeinschaftkühlschrank, Sitzgelegenheiten mit Holzdächern, einen kleinen Pool, einen Kühlschrank, wo man für kleines Geld kalte Getränke holen kann – ganz auf Vertrauensbasis trägt man seinen Namen ein und führt eine Strichliste. Man fühlt sich richtig heimelig und willkommen und gemeinsam mit den anderen Campern ergibt sich ein nettes Gemeinschaftsgefühl. Es gibt auch gemütliche kleine Holzhütten, für alle, die nicht campen möchten. Als wir ankommen sitzt Brigitte mit Familie und Freunden am Grillplatz – es gibt Essen, Wein, Gespräche, Geselligkeit. Es wirkt direkt familär und einladend. Wir bauen auf und es dauert nicht lange, bis wir ein Tablett gebracht bekommen mit frischem Salat und einem rumänischen Schmorgericht – so lecker! Wir lernen die herzliche Janina, die aus Rumänien stammt, und ihre Familile aus Eckenhagen kennen und ich muss lachen – da reist man 1600 Kilometer weit und steht in der abgelegendsten rumänischen Dorfidylle und im Wohnwagen nebenan begrüßt einen erstmal eine Person, die 30 Minuten von Siegen entfernt lebt. (Liebe Janina, herzliche Grüße an dieser Stelle an Dich!!)
Die Tage hier sind wunderbar entspannt. Die Sonne scheint, es gibt nur Vögel, das Rauschen der Bäume, kein Handyempfang, am Abend wehen die Klänge von rumänischen Liedern aus dem Dorf zu uns herüber, wo Hochzeit gefeiert wird. Der Campingplatzhund freundet sich mit den 3 italienischen Gasthunden unserer Zeltnachbarn an, gegenüber campiert eine unglaublich nette rumänische Familie mit ihrer kleinen, fußballbegeisterten Tochter, die sich auf der großen Wiese austoben kann und ihr Vater hört beim Spülen Cockney Rejects. Mehr Campingparadies geht nicht. Wir sind richtig traurig, als wir uns von Brigitte verabschieden, wir behalten diese Tage in besonderer Erinnerung!
Es geht also in den Süden, an die serbische Grenze zum Eisernen Tor. Auf dem Campingplatz hier haben wir eine nette kleine Erinnerung an die "Thobias-Zeit" - die rumänische Familie von "Gegenüber" ist auch hier und wir haben ein paar nette Schwätzchen!
Orșova und das Eiserne Tor
Orșova liegt im Südwesten Rumäniens, direkt an der Donau, an der Grenze zu Serbien. Die Stadt markiert den Beginn einer der spektakulärsten Flusslandschaften Europas: Die Porțile de Fier (auf Deutsch „Eiserne Pforte/ Eisernes Tor“) ist die enge Schlucht, durch die sich die Donau zwischen steilen Felswänden hindurchzwängt. Hier wirkt der Fluss mächtig, je nach Wetter wild, jetzt im Sommer einfach nur glitzernd, wunderschön, majestetisch. Die Ufer wechseln zwischen steilen Felsen und sanften Buchten, dazwischen liegen kleine Dörfer, versteckte Klöster und historische Monumente. Wir werden auch in den ersten Tagen in Serbien noch oft das Donau- Panorama bestaunen, da unser erstes Ziel dort nur auf der gegenüberliegenden Seite etwas weiter westlich liegt. Wir machen von Rumänien aus die obligatorische Donaubootstour, denn vom Wasser aus kann man diese imposante Gegend am besten erkunden.
Wir haben eine witzige Tour: wir bekommen einen Zettel mit deutschen Erklärungen der Ziele in die Hand gedrückt und ein stetig rauchender, rumänischer "Kapitän" fährt uns und 8 andere Touris beschwingt fast 3 Stunden über den Fluss, erzählt viel (leider nur auf rumänisch aber hin und wieder übersetzen 2 Frauen ein wenig für uns), beschleunigt rasant und mag die Ungarn nicht – das haben wir verstanden!
Die Konflikte zwischen Ungarn und Rumänien wurzeln vor allem in Territorial- und Machtfragen über Jahrhunderte und bis heute sind Vorbehalte gegenüber der anderen Seite spürbar. Transsylvanien gehörte lange zum Königreich Ungarn (Mittelalter bis 1918 als die Union in Alba Iulia verkündet wird, 2 Jahre später dann der Vertrag von Trianon) Gleichzeitig hatte Transsylvanien aber eine bedeutende rumänische Bevölkerung. Die Ungarn stellten meist die politische Elite, während die Rumän*innen vor allem als Bauern lebten. Das führte zu sozialen und ethnischen Spannungen. Nach dem Ersten Weltkrieg kam Transsylvanien durch den Vertrag von Trianon 1920 dann endgültig zu Rumänien. Viele Ungarn betrachteten diesen Verlust als unrechtmäßig, aus rumänischer Perspektive dagegen fühlte sich die Region nach Jahrhunderten der Fremdherrschaft endlich als Teil des eigenen Landes an. Diese Grenzverschiebungen hinterließen andauernde Ressentiments auf beiden Seiten. Zwischen beiden Staaten gab es immer wieder Konflikte um sprachliche Rechte, Bildung und politische Partizipation der jeweiligen Minderheiten. Vor allem in Rumänien gibt es heute noch historische Sensibilität gegenüber Ungarn, weil die Vergangenheit ihres Erachten nach von Unterdrückung und gewaltvollen Konflikten bestimmt wurde.
Diese historischen Spannungen lassen sich auch an konkreten Orten wie in der Region um Orșova nachvollziehen. Während der Bootstour erfahren wir (holprig übersetzt und später nochmal nachgelesen) dass bei der Orșova-Offensive 1916 rumänische und österreichisch-ungarische Truppen um die Kontrolle der Stadt und der Donaupassage kämpften. Die Donau war ein bedeutender Verkehrs- und Versorgungsweg, dessen Kontrolle strategisch entscheidend war. Das Ergebnis war ein rumänischer Sieg, der Österreich-Ungarn und Deutschland daran hinderte, vorzurücken. Eine weitere spannende historische Begebenheit fand hier am Donauufer statt: 1849, während der ungarischen Revolution gegen die Habsburger, vergruben ungarische Revolutionäre in der Nähe der Donau die Stephanskrone und weitere Königsinsignien. Sie symbolisierten die legitime ungarische Herrschaft und um zu verhindern, dass sie königlichen Truppen in die Hände fielen, vergruben die ungarischen Revolutionäre die Krone – angeblich an einer Stelle an der Donau, wo wir mit unserer Tour vorbeischippern. Die Stephanskrone gehört übrigens zu den "reisefreudigsten" Kronen Europas. Im Lauf der wechselvollen Geschichte Ungarns ist sie immer wieder Ziel von Diebstählen, Kriegswirren und Rettungsaktionen. Mal wird sie, wie hier in Orsova, versteckt oder vergraben, mal außer Landes gebracht, um sie vor Feind*innen zu schützen – und manchmal geht sie dabei sogar verloren. Ihre Wege führen quer durch Europa: von der heutigen Slowakei über Tschechien, Österreich und Deutschland, ins heutige Rumänien und in die Ukraine. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangt sie sogar in die USA, bevor sie schließlich wieder nach Ungarn zurückkehrt.
Unsere Stationen auf der Donautour
Golful Orșovei und Porțile de Fier I– die Bucht von Orșova und die Grenze zu Serbien
In der geschützten Bucht von Orșova lassen wir den Blick über ruhigeres Wasser schweifen. Die Ufer hier sind sanfter bevor die Engstellen der Schlucht beginnen. Wir können die Haupttransferroute nach Serbien sehen - die Straße führt direkt an der Donau entlang und wir können schonmal begutachten, wie "Wohnwagentauglich" unsere Fahrt Richtung Serbien sein wird. Wir fahren mit dem Boot auf das imposante Porțile de Fier I zu - das Laufwasserkraftwerk "Eisernes Tor I". Es ist das größte Laufkraftwerk an der Donau und eines der größten Wasserkraftwerke Europas. Es liegt genau auf der Grenze zwischen Rumänien und Serbien und wurde zwischen 1964 und 1972 erbaut. Seine Hauptfunktion ist die Erzeugung von Strom, aber es dient auch der Regulierung der Donau und der Schifffahrt. Das besondere ist, dass es beide Länder mit Strom versorgt. Auf dem Staudamm fährt man nach Serbien hinüber – diesen Grenzübergang werden wir ein paar Tage später nutzen und es ist spannend, alles aus dieser Perspektive aus sehen zu können.
Golful Mraconiei & Mănăstirea Mraconia
Der qualmende Kapitän bringt uns mit rasanter Fahrt zur Golful Mraconiei – der sogenannten „Bucht von Mraconia“. Dort liegt ebenfalls der Aussichtspunkt zur kleinen klösterlichen Anlage der Mănăstirea Mraconia. Das Kloster an der Donau trägt die Schirmherrschaft des heiligen Elija. Seine Ursprünge reichen weit zurück: Manche Quellen schreiben seine Gründung bereits dem Jahr 523 zu, doch gesichert ist seine Existenz erst ab der Mitte des 15. Jahrhunderts. Ein Dokument von 1453 erwähnt eine Gemeinschaft von zwanzig Mönchen und nennt den Namen Mârcănea. Über die Jahrhunderte hinweg wird die Anlage immer wieder von Eindringlingen verwüstet, niedergebrannt und dann wieder neu errichtet. Besonders im russisch-österreichischen Krieg von 1787 bis 1792 wird sie schwer beschädigt. Aber erst das kommunistische Regime sorgt für die Auflösung: Der Bau des Wasserkraftwerks führt zur Überflutung des gesamten Gebiets. Eine Rettung und Umsiedelung wäre möglich gewesen, doch Ceaușescu verfolgt damals das Ziel, Klöster und andere Gotteshäuser zu vernichten. Wenn der Wasserstand sinkt, werden die alten Fundamente noch sichtbar. Erst nach den 1990er Jahren beginnt der Wiederaufbau des Klosters und heute lebt hier eine aktive orthodoxe Mönchsgemeinde.
Chipul lui Decebal – das monumentale Gesicht des Dakerkönigs
Es ist beeindruckend: Wir gleiten an der gewaltigen Felswand entlang und erblicken das Kopf-Relief des letzten Dakerkönigs Decebal. Das Monument ist 55 Meter hoch und 25 Meter breit – damit die größte Felsplastik Europas. Unter der Skulptur liest man die Inschrift „DECEBALUS REX – DRAGAN FECIT“ "König Decebalus – Errichtet von Drăgan". Hier hat sich also der Ideengeber selbst verewigt; der rumänischen Geschäftsmann und Historiker Iosif Constantin Drăgan. Mit dem Projekt waren insgesamt zwölf Bildhauer betraut und die Fertigstellung dauerte zehn Jahre.
Tabula Traiana – Tafel des Traian
Am serbischen Ufer der Donau, direkt in den Felsen gemeißelt, befindet sich die Tabula Traiana – eine römische Gedenktafel aus der Zeit Kaiser Trajans um das Jahr 100 n. Chr. Sie erinnert an den Bau der sogenannten „Trajanstraße“, einer strategisch wichtigen Römerstraße, die sich entlang der Donau von Golubac (diese Festung besuchen wir in Serbien) bis Kladovo erstreckt.
Als in den 1960er und 70er Jahren das Donaukraftwerk entsteht, wird die Tafel aus dem Fels geschnitten und höher wieder eingesetzt, um sie vor dem steigenden Wasser zu bewahren. Heute ist die Tabula Traiana nur noch vom Boot aus sichtbar – ihr Fuß berührt fast die Wasserlinie der Donau unter dem die alte Römerstraße längst verschwunden ist.
Adieu Rumänien.
In der späten Nachmittagssonne kehren wir zurück in den Hafen von Orsova. Die Tour war ein perfekter Abschluss unserer Zeit in Rumänien - Țară frumoasă, ne vom întoarce într-o zi, du schönes Land, wir kommen eines Tages wieder!