Tunnel of Hope - Der Fluchttunnel von Sarajevo
Sarajevo wurde ab April 1992 belagert. Serbische Einheiten kontrollierten die umliegenden Höhenzüge und beschossen die Stadt über Jahre hinweg. Die Belagerung war Teil der Strategie, die bosnische Regierung zu zermürben und territoriale Kontrolle zu erzwingen. Wasser, Strom und Nahrung waren knapp. Tausende Zivilist*innen kamen ums Leben.
Die Belagerung dauerte bis Februar 1996 – fast vier Jahre. Sarajevo war damit die am längsten belagerte Hauptstadt Europas in der modernen Geschichte.
Der Sarajevo-Tunnel, auch Tunnel of Hope genannt, entstand als Reaktion auf die vollständige Abriegelung der Stadt während der Belagerung. Die Idee war ebenso einfach wie lebenswichtig: einen
unterirdischen Zugang zur Außenwelt zu schaffen.
Die eingeschlossene Stadt sollte so mit Lebensmitteln, Medizin und Waffen versorgt werden und darüber hinaus Menschen zur Flucht verhelfen oder andersherum Menschen Zugang zur belagerten Stadt
ermöglichen. Gebaut wurde der Tunnel unter extremen Bedingungen von Soldat*innen und Zivilist*innen.
Der Bau begann im März 1993 und dauerte rund vier Monate. Gearbeitet wurde von beiden Seiten gleichzeitig – aus Dobrinja in der Stadt und außerhalb aus Butmir. Der Tunnel war etwa 800 Meter lang, rund einen Meter breit und stellenweise kaum höher als 1,60 Meter. Die Arbeiten fanden unter extremen Bedingungen statt: fehlende Maschinen, kaum Beleuchtung, ständige Einsturzgefahr und permanenter Zeitdruck. Das Grundwasser stand teilweise knietief.
Der Tunnel wurde rasch zu einer existenziellen Versorgungsroute. Durch ihn wurden Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff, Waffen und Ersatzteile transportiert. Verwundete und Zivilist*innen nutzten ihn ebenso wie Politiker*innen, Soldat*innen und internationale Kontakte. Zeitweise passierten täglich mehrere tausend Menschen den Tunnel. Später wurden sogar Schienen und kleine Wagen eingebaut, um Lasten effizienter zu bewegen, sowie Kabel für Strom- und Telefonleitungen verlegt.
Der Weg durch den Tunnel war körperlich extrem anstrengend. Enge, Dunkelheit, Hitze, Feuchtigkeit und mangelnde Luft bestimmten den Durchgang. Dennoch bedeutete der Tunnel Hoffnung – daher sein Name. Er bot eine Möglichkeit zu überleben, während Sarajevo weiterhin belagert, beschossen und systematisch von der Versorgung abgeschnitten war.
Der heute zugängliche Eingang befand sich auf der Seite von Butmir, also außerhalb der damals eingeschlossenen Stadt. Der Tunnel verband das belagerte Sarajevo mit dem von der bosnischen Regierung kontrollierten Gebiet. Er verlief unter der Start- und Landebahn des Flughafens, der von UN-Truppen bewacht wurde. Oberirdisch war ein Passieren lebensgefährlich oder unmöglich.
Das Wohnhaus der Familie Kolar
Der Eingang des Tunnels lag im Keller eines unscheinbaren Einfamilienhauses. In diesem Haus lebte während des Krieges die Familie Kolar. Ihr Wohnraum wurde Teil einer der wichtigsten Lebensadern
Sarajevos. Besucherinnen konnten heute noch Teile des Hauses sehen: enge Kellerräume, Fotografien, Originalgegenstände und persönliche Erinnerungen der Familie. Das Haus diente nicht nur als
Tarnung, sondern auch als logistischer Knotenpunkt.
Der heutige Museumsbereich ermöglicht einen direkten Einblick in die Funktion des Tunnels und in die Lebensrealität während der Belagerung. Die südliche Tunnelöffnung befindet sich im Haus der Familie Kolar, das heute als Eingang und Ausstellungsgebäude dient. Die Außenwand und Teile des Hauses zeigen noch die Schäden aus dem Krieg. An mehreren Stellen wird an Nana Sida erinnert, die Großmutter der Familie. Sie verließ während der Belagerung ihr Haus nicht und saß häufig stundenlang am Ausgang des Tunnels. Menschen, die erschöpft aus dem Tunnel kamen, reichte sie Wasser, Tee und Kaffe und sie kochte regelmäßig und teilte das Essen der Familie, um Geschwächte zu versorgen.
Zu sehen sind Ausstellungsstücke wie alte Lastenwagen, die durch den Tunnel geschoben wurden, Zeitungsartikel, persönliche Gegenstände und Werkzeuge. Außerdem ist ein restaurierter Abschnitt des Tunnels vorhanden, den man durchqueren kann und somit einen Eindruck von der Enge des Tunnels bekommt. Vor dem Eingang sind die Namen und die Bilder der Menschen verewigt, die den Tunnel mit ihren Händen gebaut haben, monatelang gruben und ihr Leben aufs Spiel setzten.
Es gibt es einen Original-Tunnel-Abschnitt im Keller des Hauses, der allerdings einsturzgefährdet ist und nicht begangen werden kann. Im Außenbereich kann man über das Flugfeld schauen und die Fläche überblicken, unter der der Tunnel entlangführt. Bewegend sind auch die Fotos, die während der Belagerung entstanden und ebenfalls im Außenbereich ausgestellt sind.
Familie Kolar und ihr Haus in dem unscheinbaren Wohnviertel Butmir
Tunnelbau und Tunnelnutzung
Leben und Überleben im belagerten Sarajevo
Um die Erinnerungen der Menschen zu bewahren, die während des Krieges das Objekt D-B – den Tunnel of Hope – nutzten, entstand ein Projekt von Schüler*innen weiterführender Schulen in Sarajevo. Sie sammelten von Zeitzeug*innen persönliche Erinnerungen. Die Ausschnitte und Zitate sind auf dem Gelände des Museums auf Tafeln zu lesen.
Blick auf das Flugfeld, unter dem der Tunnel entlang lief und ein Modell, auf dem man anhand der goldenen Linie den Verlauf des Tunnels sehen kann.
zugänglicher Tunnelteil, der ca. 50 Meter lang ist und durchquert werden kann
Ausstellung im Haus mit Blick in den Original-Eingang/ bzw Ausgang des Tunnels