Castelul Bran - Burggeschichten, Königinnen und rumänische Legenden
Schloss Bran liegt im Süden Transsilvaniens, unweit von Râșnov, und thront auf einem Felssporn über der gleichnamigen Gemeinde Bran. Mit seinen spitzen Türmen, den engen Innenhöfen und dem dramatischen Blick über das Burzenland gilt es als eines der bekanntesten Wahrzeichen Rumäniens.
Die Anfänge von Schloss Bran reichen weit über den bekannten Bau des 14. Jahrhunderts hinaus. Bereits im Jahr 1211 überließ König Andreas II. von Ungarn dem Deutschritterorden das Burzenland – mit dem Recht, dort Burgen zu errichten, viele wurde 1242 bei einem Mongoleneinfall wieder zerstört. Der Ort Törzburg (heute Bran) wurde 1357 erstmals urkundlich erwähnt. Einige Jahrzehnte später, am 19. November 1377, erlaubte König Ludwig der Große von Ungarn den siebenbürgisch-sächsischen Bewohner*innen von Kronstadt (Brașov), auf dem Felsen „Dietrichstein“ eine neue Grenz- und Zollburg zu errichten. Sie sollte den Bracha-Pass sichern – eine wichtige Handelsroute zwischen Transsilvanien und der Walachei.
Die Burg blieb bis 1427 unter ungarischer Herrschaft und war in den folgenden Jahrhunderten wiederholt Schauplatz militärischer Auseinandersetzungen (mal wieder Belagerung durch die Osmanen). 1498 ging sie wieder in den Besitz der Stadt Brașov über, die sie erfolgreich gegen walachische Truppen verteidigte. In den unruhigen Jahren des 16. und 17. Jahrhunderts war die Festung mehrfach umkämpft – 1593 zerstörte eine Explosion den Pulverturm, und 1600 scheiterte eine weitere Belagerung durch die Truppen des walachischen Fürstensohns. Später wechselte die Burg mehrfach den Besitzer, blieb jedoch stets ein wichtiger militärischer Stützpunkt an der Grenze zwischen den historischen Regionen.
Erst im 19. Jahrhundert verlor die Burg ihre strategische Bedeutung. Sie verfiel teilweise, bevor sie im frühen 20. Jahrhundert von der rumänischen Königin Maria restauriert und in eine königliche Sommerresidenz umgewandelt wurde. Heute beherbergt Schloss Bran ein Museum, das die Geschichte der Region und der königlichen Familie dokumentiert. Besucher*innen können die mehrstöckigen Innenräume erkunden – mit verwinkelten Gängen, Holztreppen, alten Möbeln und Ausblicken auf das malerische Bran-Tal. Die Umgebung ist geprägt von Wäldern, Bergen und kleinen Dörfern, die das mittelalterliche Flair der Gegend bewahren.
Berühmt wurde Schloss Bran auch durch seine vermeitliche Verbindung mit der Dracula-Legende. Obwohl es keinerlei Hinweise gibt, dass der Schriftsteller Bram Stoker in seinem Roman Dracula (1897) das Schloss als Vorbild verwendete, wird Bran bis heute als "Dracula Schloss" vermarktet. Und man kann es verstehen: man könnte in der verwinkelten, wunderschönen und urtümlichen Kulisse sofort einen Film drehen. Es besteht durchaus eine Ähnlichkeit mit dem im Buch beschriebenen Schloss und auch wenn sich viele Tourist*innen mit uns durch die engen Treppen und Räume bewegen, verliert es nicht an Atmosphäre. Auch der historische Dracula, Vlad Țepeș, hat Bran wahrscheinlich nicht besucht, seine Machtbasis lag weiter südlich in der Walachhei. Auch wenn es 1459 zu einem Konflikt zwischen Vlad Țepeș und den Kronstädter*innen kam, die gegen ihn rebellierten, so gibt es keine gesicherten Quellen, dass Vlad wirklich auf Schloss Bran war.
Und so verschmelzen einmal mehr Mythos und Historie. Wir nehmen alles mit – den Weg durch die Souvenirstände mit 101 Dracula-Andenken, die Stimmung in den versteckten Ecken der Burg, die Aussichten, die Zusatzausstellung im "Zeittunnel". Hier führt uns ein Aufzug vom Burghof in die Tiefe des Felsens hinab in einen unterirdischen Tunnel, der ursprünglich zu Beginn des 20. Jahrhunderts angelegt wurde. Er war damals ein technisches Projekt der Königin Maria von Rumänien, die einen direkten Zugang aus dem Schlossgarten in die Burg schaffen wollte. Heute beherbergt der Tunnel eine multimediale Ausstellung, die mit Licht- und Sound-effekten die Geschichte des Schlosses, seiner Bewohner:innen und der Legenden rund um Dracula erlebbar macht. Projektionen, Hologramme und Klanginstallationen lassen uns in verschiedene Zeitepochen eintauchen.
Zwei außergewöhnliche Frauen – Königin Maria und Prinzessin Ileana von Rumänien
Wer Schloss Bran besucht, begegnet dort gleich zwei beeindruckenden Frauen, deren Lebensgeschichten eng mit dieser Burg und der Region Siebenbürgen verbunden sind: Königin Maria von Rumänien und ihre Tochter Prinzessin Ileana.
Königin Maria von Rumänien (Marie Alexandra Victoria von Sachsen-Coburg und Gotha, Prinzessin von Großbritannien und Irland) wurde 1875 als Enkelin von Königin Victoria von Großbritannien und Zar Alexander II. von Russland geboren . Durch ihre Heirat mit Ferdinand von Hohenzollern-Sigmaringen kam sie nach Rumänien und wurde 1914 Königin. Sie war weit mehr als nur eine royale Repräsentantin: Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie als Krankenschwester, organisierte Feldlazarette und setzte sich für die Soldaten an der Front ein. Nach Kriegsende spielte sie eine entscheidende Rolle bei der Anerkennung des vereinten Rumäniens. Rumänien hatte 1918 Siebenbürgen, Bessarabien und die Bukowina mit dem Königreich vereint – ein historischer Schritt zum „Großen Rumänien“. Maria nutzte ihre internationalen Kontakte, ihren Adelshintergrund und ihre Beliebtheit, um diplomatisch für Rumänien zu werben, Politiker*innen und Diplomaten zu überzeugen und die Aufmerksamkeit der Welt auf die Legitimität dieser Vereinigung zu lenken. Ihr Auftreten, ihre Intelligenz und ihre politische Weitsicht machten sie zu einer der beliebtesten Monarchinnen Europas. 1920 schenkte ihr die Stadt Brașov Schloss Bran – und Maria verwandelte die mittelalterliche Burg in eine warme, wohnliche Sommerresidenz.
Ihre Tochter Prinzessin Ileana von Rumänien (1909–1991) trat in vielerlei Hinsicht in die Fußstapfen ihrer Mutter, als unabhängige und tatkräftige Frau. Sie war die erste rumänische Frau, die ein "open sea steersman permit" erhielt – sie war also Kapitänin für Schiffe auf hoher See. Ähnlich wie Maria war sie in Kriegszeiten aktiv – zunächst während des Zweiten Weltkriegs, als sie in Krankenhäusern arbeitete und sich persönlich um Verwundete kümmerte. Nach dem Krieg gründete sie ein Krankenhaus in Brașov, das sie selbst leitete. Ilena begeisterte sich für Kunst. Sie studierte Skulptur und Malerei, zunächst in Bukarest und später in Wien, und beschäftigte sich ihr Leben lang mit Kunst. Viele ihrer späteren Arbeiten – insbesondere nach ihrer Emigration in die USA – waren religiös geprägt und spiegelten ihre tiefe Spiritualität wider.
Nach der Machtübernahme der Kommunist*innen 1948 wurde sie ins Exil gezwungen. In Österreich, später in den USA, führte sie ihr Engagement fort – als Gründerin eines orthodoxen Klosters in Pennsylvania, wo sie als Nonne unter dem Namen Mutter Alexandra bis zu ihrem Tod lebte.
Mystische Wesen Rumäniens – Ein Streifzug durch Legenden und Naturzauber
Wer Schloss Bran besucht, erfährt in einem Teil der Ausstellung auch etwas über die reichen Sagen und Legenden Rumäniens. Eine ganze Reihe mystischer Wesen prägt seit Jahrhunderten den Volksglauben der Region - von geisterhaften Tänzerinnen über Wetterzauberer bis zu untoten Seelen – Rumäniens Mythen sind vielfältig und eng mit Landschaft, Natur und historischen Traditionen verknüpft.
Iele – die geheimnisvollen Tanzenden
Die Iele, auch bekannt als Sânziene, sind geisterhafte Frauen, die in durchscheinenden Gewändern erscheinen und nachts in Kreisen („Călușarii“) auf Wiesen oder Lichtungen tanzen. Sie gelten als Naturwesen, Beschützerinnen von Wäldern und Gewässern, können aber auch gefährlich sein, wenn man ihre Kreise stört. In vielen Überlieferungen hinterlassen sie magische Spuren im Gras, die nur in der Dämmerung sichtbar sind. Die Iele können Menschen sowohl verzaubern als auch bestrafen. Wer ihre Tanzkreise stört oder sie verärgert, kann krank werden oder wahnsinnig. In manchen Überlieferungen bringen sie aber auch Glück, Fruchtbarkeit oder Heilung – je nachdem, wie man sich ihnen gegenüber verhält. In einigen Regionen Rumäniens gibt es Volksfeste zu Ehren der Iele, z. B. die Sânziene-Feste rund um den 24. Juni (Johannistag), bei denen Kräuter gesammelt, Blumenkränze geflochten und magische Tänze vollführt werden. Die Iele ähneln ein wenig Nymphen oder Elfen in der griechischen bzw. westlichen Mythologie. In einer Erzählung über die Iele heißt es "Sie gehören nicht ganz zum Wald und nicht ganz zum Himmel. Im Frühling treten sie aus tauendem Schnee und aus freiliegenden Wurzeln alter Bäume; im Sommer reiten sie durch die langen weißen Nächte."
Sântoaderi – die mystischen Reiter
Die Sântoaderi sind halb Mensch, halb Reiterwesen, die besonders in der ersten Woche der Großen Fastenzeit im Frühjahr aktiv sind. Diese Zeit gilt als Übergangsphase, in der die Grenzen zwischen der Welt der Lebenden und der Geister dünn sind. Die Sântoaderi gelten als Reiniger und Richter zugleich: Wer die Regeln der Sântoaderi nicht beachtet, wird bestraft; wer sich ihnen achtungsvoll nähert, erfährt Schutz. Während der sogenannten „Săptămâna Cailor lui Sântoader“ (wörtlich: Woche der Pferde des Sântoader) gelten besondere Regeln: zum Beispiel dass keine Arbeit im Haus oder auf dem Feld getan werden darf, kein Weben und kein Haarekämmen. Es werden reinigende Rituale und Opfermahlzeiten (oft mit Brot und Salz) durchgeführt, um die Sântoaderi gnädig zu stimmen und die Gesundheit der Pferde zu gewährleisten. Sântoaderi verbinden den Übergang zwischen Winter und Feldarbeit im Früjahr mit spirituellen Praktiken, die das tägliche Leben im ländlichen Rumänien begleiteten.
Solomonari – die Zauberer des Wetters
Die Solomonari sind mächtige Zauberer, die in der Folklore die Fähigkeit besitzen, Regen, Gewitter oder Hagel zu kontrollieren. Sie sollen große, rothaarige Männer sein, die auf Drachen reiten (Zmei oder Balauri) und durch die Wolken fliegen, um Wetterphänomene zu verursachen oder abzuwehren. Das rumänische Wort Balaur bezeichnet ein schlangen- oder drachenähnliches Ungeheuer und geht vermutlich auf eine alte thrakische Wurzel (bell- oder ber- für „Bestie“, „Monster“) zurück. Verwandt ist es mit dem albanischen bollë oder buljar („Schlange“, „Wasser-schlange“) und steht auch im Zusammenhang mit dem Namen des griechischen Helden Bellerophon, dem „Bestientöter“. Das Wort taucht auch in anderen Sprachen auf – etwa als balaura im Serbischen oder im siebenbürgisch-sächsischen Dialekt. Neben Balaur kennt das Rumänische noch Zmeu (aus slawischem Ursprung) und dragon (aus dem Französischen) als Begriffe für „Drache“. In verschiedenen Abbildungen und Überlieferungen haben die Solomonari eine Eisenaxt, einen Goldzaum oder eine magische Buchrolle. Der Name leitet sich vermutlich vom biblischen König Salomo ab. Ihre Ausbildung soll in geheimnisvollen Schulen, den sogenannten Scholomance, erfolgen, in denen sie Naturwissen und Wetterzauberei erlernten. Solomonari sind in den Karpaten und Siebenbürgen besonders bekannt, wo das Wetter das Leben der Menschen immer stark beeinflusste.
Moartea – die Gestalt des Todes
Moartea, der rumänische „Grim Reaper“, personifiziert das Unausweichliche und ist ebenso fester Bestandteil des rumänischen Volksglauben. Moartea wird in der rumänischen Mythologie oft als Skelett mit schwarzem Umhang und Sense dargestellt oder als alte Frau mit weißem, wirren Haar, Sichel und oder Besen. In Volksmärchen und Liedern wird Moartea sowohl furchteinflößend beschrieben (um Kindern Angst zu machen oder vor gefährlichem Verhalten zu warnen) als auch neutral (zum Leben dazugehörend) oder sie tritt gar als "mystische Lehrerin" auf, die daran erinnert, dass Leben und Tod untrennbar verbunden sind und dem Leben mit Demut und Dankbarkeit begegnet werden sollte.
Die Strigoi - mehr als nur Vampire
Die Strigoi sind älter als die heute bekannten Vampirgeschichten und gehören zu den ältesten Geisterwesen des rumänischen Volksglaubens. Ihre Wurzeln reichen bis in vorrömische und römische Zeit zurück. "Striga" oder "Strix" war eine blutsaugende Vogel- oder Fledermausartige Kreatur in der griechischen und römischen Mythologie, die als Vorläufer von modernen Hexen- und Vampirfiguren gilt. Das Wort und die zugehörigen Vorstellungen breiteten sich mit der römischen Kultur bis in den Karpatenraum aus und verbanden sich dort mit lokalen Geister- und Ahnenkulten. So entstand der Strigoi als eine Art heimkehrender Toter, der die Lebenden beunruhigt – ein Wesen zwischen Geist, Dämon und Vampir.
Dabei werden diese Wesen in zwei furchteinflößende Kategorien unterteilt:
Strigoi Vii (Lebende Strigoi) - dabei handelt es sich um lebende Menschen, oft Zauberer oder von einem Fluch Betroffene, die in der Nacht ihre Seele aussenden können, um sich mit anderen Untoten zu treffen. Sie stehlen nicht nur das Blut ihrer Opfer, sondern auch die Vitalität, das Glück und die Ernte aus den Dörfern.
Strigoi Morți (Tote Strigoi) - diese sind die gefährlichsten Untoten. Es sind ruhelose Seelen, die als Leichname aus ihren Gräbern zurückkehren. Die Untoten suchen ihre Familien und Dorfgemeinschaften heim, bringen Krankheit, Dürre und Tod, indem sie die Lebenskraft aussaugen.
Im Mittelalter wurden die Erzählungen christlich umgedeutet: Wer als sündig galt, (z.B. Suizid beging, ein sündhaftes Leben führte, nicht "ordnungsgemäß" -also kirchlich- bestattet wurde) konnte als Strigoi zurückkehren. In manchen Regionen glaubte man, dass man Strigoi im Grab erkennen könne – etwa an einer rosigen Gesichtsfarbe oder wenn der Leichnam „noch warm“ war.
Für die ländliche Bevölkerung dienten die Strigoi oft als Sündenbock für unerklärliche Schicksalsschläge wie Missernten oder Epidemien. Um sich vor ihnen zu schützen, griffen die Bauern zu drastischen Maßnahmen, wie dem Aufhängen von Knoblauch (besonders in der magischen Nacht vor dem Andreastag) oder, im schlimmsten Fall, dem Exhumieren und Pfählen des vermeintlichen Strigoi, um ihn endgültig an sein Grab zu binden. Erst später, im 18. und 19. Jahrhundert, griffen west- und mitteleuropäische Autoren diese osteuropäischen Volks-vorstellungen auf. Besonders in der Habsburgermonarchie und auf dem Balkan verbreiteten sich Berichte über „Vampire“, die oft auf Strigoi-Erzählungen beruhten. Diese Geschichten inspirierten schließlich literarische Figuren wie Bram Stokers „Dracula“ (1897) – eine stark stilisierte, englisch-viktorianische Interpretation des Strigoi-Mythos, vermischt mit historischen Bezügen (z. B. zu Fürst Vlad Țepeș).