Ankunft in Rumänien – über Valea Drăganului bis Sighișoara
Der Grenzübertritt vor Oradea fühlt sich an wie ein Tor in eine neue Welt. Es ist interessant, wie schnell sich Landschaften ändern können und man in eine ganz neue Atmosphäre hineinfährt. Kleine Dörfer mit bunten Häusern, Pferdewagen am Straßenrand und weite Felder mit sanften Hügeln. Die große Vielfalt an Kirchen fällt auf. Die Rumän*innen sind überwiegend orthodox, die ungarische Minderheit katholisch oder reformiert, und die Siebenbürger Sachsen, die ab dem 12. Jahrhundert ins Land kamen, sind größtenteils evangelisch-lutherisch. Außerdem sehen wir Störche, Störche und nochmals Störche. Sie bauen auf Hausdächern, Strommasten oder in extra angelegten Horsten ihre Nester. In vielen Dörfern scheint kein Dach oder Mast ohne Storchennest auszukommen. Für die Menschen hier sind Störche ein Symbol für Glück, Fruchtbarkeit und eine gute Ernte, und sie werden seit Jahrhunderten geachtet. Rumänien ist eines der wichtigsten Brutgebiete in Europa, besonders im Banat, dem Kreischland und in Transsilvanien, wo die offene Landschaft und feuchten Wiesen ideale Bedingungen für die Tiere bieten. Jedes Jahr kehren sie aus ihren Winterquartieren in Afrika zurück, oft zu denselben Nestern, die schon seit Generationen genutzt werden!
Von Oradea aus führt die Strecke nach Osten. Wir fahren durch die Crișana, das Kreischgebiet. Dies grenzt im Süden an den Fluss Mieresch (Mureș), im Osten an das Apuseni-Gebirge und im Westen an die Theiß. Irgendwann erreichen wir die ersten Ausläufer der Karpaten und übernachten auf einem Campingplatz bei Huedin in den Westkarparten. Hier bekommen wir schon einen ersten Eindruck der tiefen Wälder und Berge Transsilvaniens. Am nächsten Tag setzten wir die Reise fort: vorbei an grünen Tälern, durch kleine Orte und über Landstraßen, die hier und da recht abenteuerlich werden. Schließlich erreichten wir Sighișoara, eine der schönsten mittelalterlichen Städte Europas.
Zur Geschichte der Roma: Von Sklaverei zu heutiger Minderheit
Auf unserer Fahrt fallen sie uns sofort ins Auge: große, verspielte Häuser mit Zwiebeltürmen, glänzenden Dächern aus Blech und Fassaden, die manchmal wie eine Mischung aus Märchenpalast und moderner Baustelle wirken. Manche sind prachtvoll vollendet, andere wirken wie eingefroren im Bauprozess – halbfertig, mit Stahlträgern und offenen Mauern. Diese Gebäude werden oft als „Roma-Paläste“ bezeichnet, ein sichtbares Symbol für den Wandel in der Kultur der Roma in Rumänien.
Die Roma sind die größte Minderheit des Landes – offiziell etwa 600.000 Menschen, inoffiziell aber schätzt man 1,8 - 2 Millionen. Viele Roma tragen sich nicht offiziell als Roma in offiziellen Dokumenten oder bei Volkszählungen ein. Gründe dafür sind die langjährige Diskriminierung, soziale Ausgrenzung und die Sorge um Nachteile im Alltag – etwa beim Zugang zu Bildung, Arbeit oder Wohnraum. Diese Zurückhaltung macht die Roma in Rumänien teilweise „unsichtbar“ in der Statistik, obwohl sie ein wichtiger Teil der kulturellen und sozialen Landschaft des Landes sind. Ihre Geschichte in Rumänien erzählt von Ausgrenzung und Versklavung.
Die Roma stammen ursprünglich aus dem nordwestlichen Indien, vermutlich aus der Region des heutigen Rajasthan. Sprachwissenschaftliche und genetische Forschungen zeigen, dass ihre Vorfahren zwischen dem 10. und 11. Jahrhundert aus Indien aufbrachen. Über Persien und das Byzantinische Reich gelangten sie allmählich nach Europa. Auf ihrem Weg passten sich Roma-Gruppen unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Lebensbedingungen an, wodurch sich bis heute vielfältige regionale Gruppen und Dialekte herausgebildet haben. In den Donaufürstentümern – den Vorläufern des heutigen Rumäniens – ließen sich viele Roma-Gruppen ab dem 13. und 14. Jahrhundert nieder oder wurden dorthin verschleppt. Mehrere Faktoren trugen dazu bei: Zum einen lag das Gebiet an zentralen Handels- und Migrationsrouten zwischen dem Osmanischen Reich und Mitteleuropa. Zum anderen bot der dortige feudale Wirtschaftsaufbau – mit Adel, Kirche und Staat als Großgrundbesitzer – Strukturen, in denen versklavte Arbeitskräfte systematisch genutzt wurden. Die Roma wurden in den Fürstentümern der Walachei und Moldau über Jahrhunderte hinweg versklavt. Erste schriftliche Belege reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Roma-Gruppen, die damals in die Region kamen, wurden nicht als freie Gemeinschaften anerkannt, sondern galten als Besitz: Sie gehörten entweder dem Fürsten, dem Adel oder christlich-orthodoxen Klöstern. Über 500 Jahre lang mussten Roma als Leibeigene und Sklav*innen arbeiten – in Haushalten, auf Feldern, in Werkstätten oder als Handwerker*innen. Manche Gruppen waren gezwungen, ihre traditionelle Lebensweise aufzugeben, andere mussten als wandernde Schmiede oder Musikant*innen unterwegs sein, aber immer unter der Kontrolle ihrer „Besitzer“. Einer der bekanntesten Herrscher der Walachei, Vlad III. Drăculea – besser bekannt als Vlad Țepeș oder „der Pfähler“ –, war nicht nur durch seine Grausamkeit berüchtigt, sondern auch einer der größten Sklavenhalter seiner Zeit. Mitte des 15. Jahrhunderts kaufte er von bulgarischen Händlern rund 11.000 bis 12.000 Roma, die er auf unterschiedliche Weise einsetzte: ein Teil wurde als Soldaten und persönliche Leibwache rekrutiert, andere mussten als Hausbedienstete oder Feldarbeiter*innen schuften. Nach seinem Sieg über seinen moldauischen Verwandten Ștefan cel Mare (Stefan der Große) im Jahr 1471 vergrößerte sich sein „Besitz“ noch einmal erheblich – rund 17.000 Roma wurden damals als Kriegsbeute in die Walachei verschleppt. Diese Zahlen verdeutlichen das enorme Ausmaß der Versklavung: es handelte sich um eine der größten Zwangsbewegungen von Roma-Menschen im Europa des Spätmittelalters. (Vlad wird uns natürlich noch oft in den nächsten Wochen begleiten, wenn wir sein Geburtshaus besuchen und das "Draculaschloss" in Bran.)
Die Geschichte zeigt wieder einmal, wie eng Krieg, Machtpolitik und Sklaverei miteinander verknüpft sind. Fürsten wie Vlad Țepeș betrachteten Roma nicht als freie Menschen, sondern als wertvolle „Ressource“, die militärisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich genutzt werden konnte. Wir müssen uns bewusst machen, dass die Geschichte der Sklaverei keineswegs auf die koloniale Versklavung schwarzer Menschen aus Afrika beschränkt ist. Sklaverei war und ist über alle Zeiten hinweg ein weltweit verbreitetes System der Unterdrückung, das in unterschiedlichen Formen und unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen existiert – auch mitten in Europa. Die Vorstellung, Sklaverei sei etwas, das „anderswo“ geschah, verkennt, dass sie ein integraler Bestandteil europäischer Geschichte ist. (An dieser Stelle sei noch auf einen weiteren Irrglaube hingewiesen: Sklaverei ist nichts, was nur die Vergangenheit betrifft. Nach dem „Global Slavery Index“ (Walk Free Foundation, 2023) leben weltweit schätzungsweise 50 Millionen Menschen in moderner Sklaverei – mehr als jemals zuvor in der Geschichte! Diese Zahl umfasst fast Menschen in Schuldknechtschaft, Menschenhandel, Zwangsprostitution und Menschen in Zwangsarbeit, zum Beispiel im privaten Sektor in Fabriken, Textilverarbeitung, Bau, Bergbau, Landwirtschaft und besonders: Fischerei. Außerdem leben heute ca. 640 Millionen Mädchen und Frauen in Zwangsheirat; UNICEF schätzt, dass jährlich 12 Millionen Mädchen in Kinderehen gezwungen werden. Sklaverei ist also präsenter als je zuvor.)
Zurück zur Geschichte der Roma: Die Versklavung der Roma war also über Jahrhunderte fester Bestandteil der Gesellschaftsordnung in den Donaufürstentümern. Erst 400 Jahre später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sollte dieses System offiziell beendet werden. Ab den 1830er Jahren wuchs im Zuge der Aufklärung die Kritik an der Sklaverei. In mehreren Etappen wurden die Roma befreit - 1856 schließlich offiziell. Doch die Befreiung bedeutete noch lange keine Gleichstellung: Viele Familien standen mittellos da, ohne Land, ohne Rechte und ohne Schutz, was den Grundstein für die soziale Ausgrenzung legte, die bis heute anhält.
In der Zeit des Kommunismus (1947–1989) wurde versucht, Roma-Gruppen sesshaft zu machen, sie in Fabriken und Kollektivfarmen einzugliedern. Viele verloren dabei ihre traditionelle Lebensweise,
die noch lange fest verankert war: die Tätigkeiten als reisene Handwerker*innen, Händler*innen oder Musiker:innen. Gesellschaftliche Anerkennung fanden sie trotzdem kaum. Nach dem Umbruch von
1989 standen viele Roma-Gemeinschaften plötzlich zwischen Tradition und Moderne – ohne sozialen Schutz, aber mit neuen Möglichkeiten. Und so kommen wir zu den prunkvollen Häusern, die wir am
Straßenrand sehen. Sie entstanden oft durch Arbeitsmigration: Viele Roma-Männer gingen nach Westeuropa, verdienten Geld auf Baustellen oder als Händler, und investierten ihre Ersparnisse zu Hause
in große Häuser. Diese Paläste sind Symbole von Stolz und Erfolg – Zeichen dafür, dass man es geschafft hat und die Familie versorgen kann. Sie sind auch Statussymbole innerhalb der Gemeinschaft,
zeigen den Wohlstand der Familie und dienen manchmal als Aushängeschild für den Clan.
Dass einige dieser Häuser unvollendet wirken, hat verschiedene Gründe: Manche Familien bauen Stück für Stück, je nachdem wie viel Geld gerade vorhanden ist. Andere lassen bewusst offene Etagen
stehen, weil ein halbfertiges Haus steuerlich günstiger behandelt wird. Und wieder andere setzen auf Größe und Prunk, auch wenn die Innenräume noch lange nicht bewohnbar sind. Die Wahrnehmung in
der Mehrheitsgesellschaft ist zwiespältig. Für viele Rumän*innen gelten diese Häuser als kitschig oder protzig, und es gibt immer wieder Konflikte um Bauvorschriften, Grundstücke oder die Frage,
ob das Geld „ehrlich“ verdient sei. Gleichzeitig zeigen die Paläste etwas sehr Menschliches: den Wunsch nach Sicherheit, Anerkennung und Respekt – Dinge, die der Roma-Gemeinschaft in Rumänien
über Jahrhunderte verwehrt wurden.
Die Situation bleibt ambivalent. Einerseits gibt es Initiativen für bessere Bildung, Integration und die Bewahrung der Roma-Kultur. Andererseits leiden viele Roma-Gemeinschaften weiterhin unter Armut und Diskriminierung. Zwischen stolzen Palästen und prekären Siedlungen liegen oft nur wenige Kilometer. Dann gibt es in Rumänien und anderen Ländern natürlich auch immer wieder kritische Stimmen bezüglich bestimmter traditioneller Praktiken: frühe oder arrangierte Ehen, streng geregelte Rollenbilder für Frauen und eine ausgrenzende Haltung gegenüber Themen wie Homosexualität und Geschlechtervielfalt. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass Roma keine homogene Gruppe sind. Viele Gemeinschaften engagieren sich für Bildung, Gleichberechtigung und soziale Teilhabe. Junge Generationen hinterfragen alte Traditionen, und setzen sich aktiv für Veränderung und Selbstbestimmung ein.