Fahrt nach Camping Tirana – Geschichten und Wissenswertes von unterwegs

 

Die Fahrt in Richtung Camping Tirana beginnt mit einer gewissen Nervosität. Wer die Berichte beim ADAC oder in anderen Foren liest, gewinnt schnell den Eindruck, dass eine Fahrt durch Albanien eine Art Abenteuerreise durch ein Entwicklungsland wäre. Ich frage mich, wann beim ADAC jemand zuletzt in Albanien war und woher diese veralteten Bilder und falschen Mythen kommen. Die Realität sieht anders aus. Die Hauptstraßen sind überwiegend gut ausgebaut, die Autobahnen modern, in Abschnitten sogar sehr neu, breit und bestens mit Wohnwagengespann befahrbar. Auf kleineren Landstraßen gibt es zwar immer wieder Schlaglöcher oder unebene Passagen, doch insgesamt bleiben die Strecken problemlos zu fahren. Da war Ungarn deutlich anstrengender!

 

Ich besorge uns noch einen digitalen Reiseführer eines deutschen Paars, das vor einigen Jahren nach Albanien ausgewandert ist. Mit großer Detailgenauigkeit haben sie eine Sammlung speziell für Reisende mit Wohnmobil oder Wohnwagen erstellt. Darin finden sich nicht nur Campingplätze und Sehenswürdigkeiten, sondern auch konkrete Hinweise zu Straßen: maximale Fahrzeuglängen, empfohlene Routen, mögliche Engstellen oder Steigungen. Für Reisende mit größerem Fahrzeug ist das eine super Hilfe – und für uns eine Investition, die sich auch bei vielleicht noch zukünftigen Albanienreisen auszahlen wird.

 

Schon auf den ersten Kilometern fällt uns auf, wie abwechslungsreich das Straßenbild ist und wie viele Lebensrealitäten nebeneinander existieren. Da sind Straßenverkäufer, die an ihren Ständen Werkzeuge und Zubehör anbieten – alles ausgebreitet auf Decken oder Tischen. Dann Obstverkäuferinnen. Dann immer wieder Menschen, die am Straßenrand stehen und kleine Schilder hochhalten. Darauf stehen Begriffe wie „Exchange“ oder „Euro“. Sie bieten an, Geld zu wechseln, da die Landeswährung Lek eine sogenannte geschlossene Währung ist und außerhalb des Landes kaum erhältlich ist. Viele Geschäfte setzen noch stark auf Bargeld, und es gibt zahlreiche kleine Wechselstuben und auch informelle Geldwechslerinnen, die direkt an der Straße auf Kundschaft warten.

An Baustellenampeln, während die Autos warten, gehen immer wieder Frauen mit Kindern zwischen den Fahrzeugen entlang und bitten die Fahrer*innen um Geld oder etwas zu essen. Und dann die bedrückende Gleichzeitigkeit: Es folgen neu gebaute Hotels und großzügige Resortanlagen, die mit ihren Säulen, Balkonen und Ornamenten fast palastartige Formen annehmen. Dann fahren vor uns Eselkarren, oder wir verlangsamen für verschiedenste Tiere: Gänse, Ziegen, Schafe, Pferde oder Kühe. Besonders häufig sehen wir außerdem Gärten, in denen Truthähne umherlaufen.

Tatsächlich spielt die Haltung von Truthähnen in vielen ländlichen Regionen Albaniens eine wichtige Rolle. In privaten Haushalten werden sie häufig in kleiner Zahl gehalten, ähnlich wie Hühner. Das Fleisch gilt als hochwertig und wird besonders zu Feiertagen oder Familienfesten serviert. Auch Eier werden genutzt, wenngleich Truthähne in erster Linie wegen des Fleisches gezüchtet werden. Sie gelten als robust und lassen sich gut in kleinen gemischten Tierhaltungen integrieren. Später, auf Camping Vlora, werden wir noch einige Truthähne kennenlernen, die überraschend agil auf Campingtische und Bänke hüpfen und durch die Gegend kluckern.

 

Aber zurück zu unseren Straßeneindrücken: Lavazh, Lavazh und noch ein Lavazh! Das sind Autowaschplätze, die es noch und nöcher gibt – in jedem Ort, jeder Stadt, auf den abgelegensten Landstraßen. Immer wieder sehen wir einfache Überdachungen oder betonierte Flächen, an denen einzelne Personen Fahrzeuge per Hand reinigen. Es handelt sich häufig um kleine Familienbetriebe oder Ein-Personen-Unternehmen. Eine solche Anlage benötigt vergleichsweise wenig Startkapital – oft reichen ein gepflasterter Platz, Wasseranschluss, Hochdruckreiniger und Staubsauger.

Die große Zahl dieser Waschplätze hängt auch mit der hohen Bedeutung des Autos im Alltag zusammen. Nach dem Ende der sozialistischen Isolation in den frühen 1990er Jahren nahm der private Autobesitz stark zu, während der öffentliche Verkehr außerhalb der Städte nur begrenzt ausgebaut ist. Viele Fahrzeuge werden gebraucht aus westeuropäischen Ländern importiert. Autos werden dort oft nach einigen Jahren verkauft und gelangen dann zu vergleichsweise günstigen Preisen nach Albanien, wo sie häufig noch lange weiter genutzt werden – und gut gepflegt. Tatsächlich scheint es ein regelmäßiges „To Do“ zu sein; die Albaner*innen lassen ihre Autos gerne und oft waschen. Wie wichtig vielen Menschen das Auto ist, werden wir noch hier und da merken: Im Gespräch mit Einheimischen kommt das Thema schnell auf: Deutschland? Ahhh! Autoland. Unser Taxifahrer nach Tirana wird uns ausführlich von Audi vorschwärmen, unser Fahrer in Gjirokastër von Mercedes und deutschen Motoren.

 

Auch die Spritpreise fallen uns schnell auf. Obwohl das Einkommensniveau in Albanien deutlich niedriger ist als in Deutschland, bewegen sich die Preise für Benzin und Diesel überraschend nah an dem, was wir von zu Hause kennen. Ein Grund dafür sind die hohen Steuern, die einen erheblichen Teil des Literpreises ausmachen. Gleichzeitig spielt die Struktur der Energieversorgung eine Rolle. Zwar wird in Albanien durchaus Rohöl gefördert, doch es handelt sich überwiegend um schweres Öl, das im Land kaum weiterverarbeitet wird. Raffinerien wie in Deutschland gibt es nur begrenzt, deshalb werden viele fertige Kraftstoffe – also bereits raffinierter Diesel oder Benzin – importiert. Transport, Zwischenhandel und Logistik schlagen sich ebenfalls im Preis nieder.

 

Der Verkehr wirkt insgesamt zügig, aber weniger chaotisch, als häufig beschrieben wird (wir lassen Tirana mal außen vor). Die Fahrer*innen sind durchaus schnell unterwegs, doch die Abläufe bleiben meist vorhersehbar.

 

Schließlich erreichen wir Tirana. Unsere Reisefreunde Silke und Jochem sind bereits vor Ort und warnen uns vorsorglich: Die letzten Kilometer zum Campingplatz könnten etwas abenteuerlich werden. Tatsächlich führt die Zufahrt auf den letzten drei Kilometern über eine holprige Strecke mit losem Untergrund, Steinen und Schlaglöchern. Doch die Mühe lohnt sich.

Der Campingplatz liegt nur etwa zehn Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, fühlt sich aber an wie eine völlig andere Welt. Das Gelände gehört einer Familie, die hier eine Mischung aus kleinem landwirtschaftlichem Betrieb und Campingplatz betreibt. Zwischen Weinreben wachsen Granatapfelbäume, und die Gastgeber*innen laden uns ausdrücklich ein, uns zu bedienen.

Wir klettern durch die Hänge, pflücken Trauben direkt von den Reben und öffnen Granatäpfel, deren Kerne tiefrot unsere Wohnwagenküche „verschönern“ :-) Dazu gibt es selbst gebrannten Raki. Von den Stellplätzen aus blickt man auf einen kleinen See, dahinter ziehen sich grüne Hügel über die Landschaft. Die Umgebung wirkt ruhig und ländlich – ein starker Kontrast zur lebhaften Hauptstadt, die nur wenige Kilometer entfernt liegt.

Gerade diese Lage macht den Platz zu einem idealen Ausgangspunkt für Erkundungen von Tirana. Besonders praktisch ist der Shuttle-Service des Campingplatzes: Mehrmals täglich fährt ein Familienmitglied die Gäste ins Stadtzentrum und holt sie später wieder ab. So lässt sich die abenteuerliche Verkehrssituation in der Stadt problemlos umgehen. Wir nutzen diesen Service zweimal. Einmal fahren wir gemeinsam mit Silke und Jochem in die Stadt, um eine super spannende Free-Walking-Tour zu machen, ein weiteres Mal allein – für noch mehr Tirana-Input ... es ist wieder eine Stadt, die uns begeistert.

 

Rückblickend bleibt Camping Tirana eine der schönsten Erinnerungen unserer Albanienreise. Der Platz verbindet mehrere Dinge auf besondere Weise: Er ist ein ruhiger Rückzugsort nach intensiven Tagen in der Stadt, die Möglichkeit, mit Einheimischen in Kontakt zu kommen und vieles über das persönliche Erleben in einem Land voller Transformation, Widersprüche und Gegensätze zwischen Tradition und Aufbruch zu erfahren. Und es ist für uns persönlich natürlich der Ort, an dem wir Silke und Jochem wieder treffen, quatschen, gemeinsam essen, Sagrada spielen und uns ausgiebig über Albanien austauschen.

 

Tirana


Wir verbringen 2 Tage in Tirana. Einen Tag sind wir gemeinsam mit Silke und Jochem unterwegs und machen eine wunderbare Free Walking Tour. Die beiden haben sehr gute Erfahrungen mit diesen Stadtrundgängen gemacht, und Silke bucht für uns eine Tour durch Tirana – ein echtes Highlight. Eine Free Walking Tour ist eine von lokalen Guides geführte Stadtführung ohne festen Preis, bei der die Teilnehmerinnen am Ende selbst entscheiden, wie viel ihnen die Führung wert ist. Es ist oft ein unkomplizierter Einstieg, um Orte, historische Hintergründe und lokale Perspektiven kennenzulernen – besonders für einen ersten Überblick über eine Stadt ist es sehr empfehlenswert.
Wir haben eine tolle junge Guide, die in perfektem Englisch differenzierte Einblicke in ihr Land vermittelt. Dabei wird vieles angesprochen, erklärt und gemeinsam diskutiert – wir erfahren von den Entwicklungen seit dem Ende der Hoxha-Ära, von strukturellen Problemen wie Korruption und politischer Instabilität. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele Albaner*innen eine ausgeprägte Anpassungsfähigkeit entwickelt haben, weil sie sich immer wieder auf wechselnde Rahmenbedingungen einstellen müssen. Trotz dieser Voraussetzungen begegnen sie Besucherinnen stets offen, gastfreundlich und mit einer spürbaren Lebensfreude, die im Alltag präsent ist. Diese Resilienz beeindruckt uns immer wieder.
Tirana präsentiert sich als eine Hauptstadt, die sich in kurzer Zeit mehrfach neu erfunden hat. Rund 400.000 Einwohner*innen leben heute im Stadtgebiet, in der Metropolregion ca. 600.000. Die Stadt war lange ein eher unbedeutender Ort im Osmanischen Reich, wurde erst 1920 zur Hauptstadt Albaniens erklärt und entwickelte sich insbesondere während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha stark weiter – allerdings unter strengen ideologischen Vorgaben. Nach dem Ende der Diktatur Anfang der 1990er-Jahre setzte ein tiefgreifender Wandel ein: Gebäude wurden farbig gestaltet, öffentliche Räume neu gedacht, und bis heute prägt eine auffällige, oft experimentelle Architektur das Stadtbild. Beim Rundgang entsteht der Eindruck, dass Architektinnen hier ungewöhnlich viel gestalterische Freiheit haben: Fassaden wirken wie aus Bauklötzen zusammengesetzt, eine Fensterfront formt die Umrisse des Landes wie eine 3D-Landkarte, und ganze Gebäude greifen historische Figuren wie Skanderbeg visuell auf. Tirana wirkt dadurch weniger homogen als viele andere europäische Hauptstädte, aber zugleich eigenständig, spannend und in Bewegung.

 

Unsere Free Walking Tour beginnt am zentralen Skanderbeg-Platz, dem politischen und symbolischen Mittelpunkt der Stadt. Von hier aus sind zahlreiche wichtige Gebäude sichtbar oder in wenigen Minuten zu erreichen: die Et’hem-Bey-Moschee, der Uhrturm, das Nationalmuseum (mit seinem sozialistischen Mosaik), Regierungsgebäude aus der italienischen Besatzungszeit sowie moderne Neubauten. Der Platz selbst wurde in den letzten Jahren umfassend umgestaltet und dient heute als großzügiger öffentlicher Raum, der unterschiedliche architektonische Epochen miteinander verbindet.

Skanderbeg und seine Bedeutung
Gjergj Kastrioti, bekannt als Skanderbeg, gilt als zentrale Figur der albanischen Geschichte und lebte von etwa 1405 bis 1468. Er entstammte einer adligen Familie und wurde als Kind im Zuge der osmanischen Expansion an den Hof des Sultans gebracht, wo er militärisch ausgebildet wurde und zunächst im Dienst des Osmanischen Reiches stand. Erst 1443 wandte er sich gegen die Osmanen, kehrte nach Albanien zurück und übernahm die Führung eines Aufstands. In der Folge organisierte er ein Bündnis albanischer Fürstinnen, die sogenannte Liga von Lezha, und führte über rund 25 Jahre hinweg einen vergleichsweise erfolgreichen Abwehrkampf gegen ein militärisch deutlich überlegenes Reich. In vielen Teilen Westeuropas ist er vergleichsweise wenig bekannt, obwohl sein Widerstand auch als Schutz der südosteuropäischen Regionen vor weiterer osmanischer Expansion gilt. Für viele Albaner*innen ist Skanderbeg eine identitätsstiftende Figur, die bis heute stark im kollektiven Gedächtnis verankert ist. Er wird hier oft als eine Mischung aus Superstar, Rebell und Kämpfer gegen Unterdrückung gesehen.

 

Der Uhrturm und das Überleben der Et’hem-Bey-Moschee in einem atheistischen Staat

Unser nächster Stopp ist die Et’hem-Bey-Moschee, eines der wenigen religiösen Bauwerke, die die kommunistische Zeit überstanden haben. Unter Enver Hoxha verfolgte Albanien ab den 1960er-Jahren eine zunehmend radikale Religionspolitik, die 1967 in der offiziellen Erklärung Albaniens zum ersten atheistischen Staat der Welt mündete. Religion wurde vollständig verboten und als potenzielle Bedrohung für den sozialistischen Staat betrachtet. Sämtliche religiösen Praktiken – unabhängig davon, ob islamisch, katholisch oder orthodox – waren untersagt. Gotteshäuser wurden systematisch zerstört, geschlossen oder zweckentfremdet. Viele Moscheen, Kirchen und Klöster dienten fortan als Lagerhallen, Werkstätten oder Sportstätten. Religiöse Symbole verschwanden aus dem öffentlichen Raum, Geistliche wurden verfolgt, inhaftiert oder zur Aufgabe ihres Amtes gezwungen. Erst Anfang der 1990er-Jahre, mit dem Ende der Diktatur, wurde Religionsfreiheit wieder zugelassen, und viele Gebäude konnten schrittweise in ihre ursprüngliche Funktion zurückgeführt werden.
Die Et’hem-Bey-Moschee wurde 1991 wieder geöffnet. Auffällig sind vor allem die reichen Bemalungen an der Außenseite der Vorhalle (Portikus). Anders als in vielen islamischen Sakralbauten, in denen vorwiegend geometrische Muster oder Kalligrafie dominieren, zeigen die Fresken hier auch Landschaftsdarstellungen: Bäume, Wasserläufe, Brücken und Gebäude sind zu erkennen.
Der Uhrturm von Tirana steht unmittelbar neben der Moschee und bildet gemeinsam mit ihr eines der ältesten erhaltenen Bauensembles der Stadt. Errichtet wurde er um 1822 durch Haxhi Et’hem Bey, der auch den Bau der Moschee veranlasste. In einer Zeit, in der Tirana noch eine vergleichsweise kleine osmanisch geprägte Siedlung war, erfüllte der Turm eine zentrale Funktion im öffentlichen Leben: Er strukturierte den Tagesablauf, indem er die Zeit akustisch für die Bewohner*innen hörbar machte. Im städtischen Kontext markierte der Uhrturm lange Zeit einen der höchsten Punkte Tiranas und fungierte damit auch als Orientierungselement. Erst mit der sozialistischen Stadtentwicklung und den späteren Hochhäusern verlor er diese dominierende Stellung im Stadtbild. Dennoch bleibt er ein wichtiges historisches Zeugnis aus der osmanischen Phase der Stadt, die im heutigen Tirana nur noch in wenigen Bauwerken sichtbar ist.

 

Bunker, osmanische Mauern, kontroverse Heilige

Wir laufen an Bunk’Art 2 vorbei, einem Museum, das sich mit der Geschichte der kommunistischen Geheimpolizei Sigurimi auseinandersetzt. Es befindet sich in einem ehemaligen Atombunker im Zentrum der Stadt. Ergänzend dazu existiert Bunk’Art 1 am Stadtrand, ein deutlich größerer Bunkerkomplex, der ursprünglich für die politische Führung vorgesehen war. Dort wird die Geschichte der Diktatur umfassender dargestellt – ein Besuch ist für unseren zweiten Tag in Tirana geplant. Die enorme Zahl solcher Bunker ist auf Enver Hoxhas Politik zurückzuführen: Aus einer Paranoia vor Invasionen ließ er unzählige Bunker im ganzen Land errichten. Schätzungen gehen von 170.000 bis 500.000 aus – es sind noch immer nicht alle entdeckt. Wir werden noch viele Bunker während unserer Reise sehen, bis heute prägen sie die Landschaft Albaniens nachhaltig.
Im weiteren Verlauf der Tour passieren wir die Überreste der Festung von Tirana (Tirana Castle), deren Ursprünge bis in byzantinische und osmanische Zeit zurückreichen. Heute wirkt der Ort eher wie ein historisches Fragment: Zwischen restaurierten Mauern haben sich Restaurants und kleine Geschäfte angesiedelt, ein belebter Ort, wo Menschen sich mit vollen Einkaufstüten niederlassen und sich mit leckerem Essen und Cocktails stärken.
Die katholische Kathedrale St. Paul erinnert an Anjezë Gonxhe Bojaxhiu, besser bekannt als Mutter Teresa. Eine Statue und Bilder im Inneren der Kirche erinnern an die wohl bekannteste albanischstämmige Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts. Mutter Teresa wird international durchaus kritisch diskutiert, etwa hinsichtlich ihrer Arbeit und Haltung zu medizinischen Fragen, der Hygiene in ihren Sterbehäusern und dem intransparenten Umgang mit Spendengeldern; in Albanien jedoch nimmt sie eine wichtige symbolische Rolle ein und wird vielfach verehrt.

 

Spuren der Geschichte, neu genutzt

Die sogenannte Pyramide von Tirana gehört zu den auffälligsten Bauwerken der Stadt. Ursprünglich wurde sie Ende der 1980er-Jahre als Museum für Enver Hoxha errichtet. Nach dem Ende der Diktatur wurde das Gebäude unterschiedlich genutzt, verfiel zeitweise und wurde schließlich umgebaut. Heute dient es als offenes, begehbares Kultur- und Bildungszentrum und steht exemplarisch für den Umgang Tiranas mit seiner Vergangenheit.

 

In einem kleinen Park auf dem Weg ins Blloku machen wir Rast an einem Stückchen deutsche Geschichte: Hier steht ein 2,6 Tonnen schweres Mauerstück, eine Schenkung der Stadt Berlin. Das Mauerstück ist direkt neben einem weiteren Hoxha-Bunker aufgestellt und schafft dadurch eine besondere Symbolik – als Zeichen für die Überwindung eines unterdrückerischen Systems und den Freiheitswillen der Menschen.

 

Das Viertel Blloku liegt südlich des Stadtzentrums und gehört zu den auffälligsten Transformationsräumen Tiranas. Während der sozialistischen Zeit Albaniens war dieses Areal streng abgeschirmt und für die Bevölkerung nicht zugänglich. Hier lebten führende Funktionärinnen der Partei, hohe Militärs sowie Angehörige der politischen Elite. Auch Enver Hoxha hatte in Blloku seine Residenz. Das Viertel war damals von Kontrollposten gesichert; ein Betreten ohne Sondergenehmigung war nicht möglich.
Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems wurde Blloku schrittweise geöffnet. In der Folge entwickelte sich das Gebiet zu einem der dynamischsten Stadtteile Tiranas. Heute prägen Cafés, Restaurants, Boutiquen und Bars das Straßenbild. Viele Gebäude stammen noch aus der sozialistischen Zeit, wurden jedoch umgestaltet oder farblich neu gefasst, wodurch ein buntes, vielseitiges Bild entsteht. Blloku fungiert heute als zentraler Ort für junge Menschen, Nachtleben und urbane Alltagskultur. Gleichzeitig bleibt die historische Dimension im Hintergrund präsent – etwa durch die erhaltene, von außen sichtbare ehemalige Villa Hoxhas, die als Relikt der abgeschotteten Vergangenheit im heutigen offenen Stadtraum steht.


Die Tour endet schließlich vor der Auferstehungskathedrale. Sie ist ein recht neues Gebäude und wurde 2012 fertiggestellt. Auch diese Kirche ist ein sichtbares Zeichen, wie Menschen nach dem Ende des staatlich verordneten Atheismus zurück zu ihren religiösen Wurzeln finden. Unsere Guide berichtet, dass Albanien im internationalen Vergleich eines der Länder ist, in dem verschiedene Religionsgemeinschaften am konfliktfreisten nebeneinander leben. Wie schon in meinem Eingangstext über Albanien erwähnt, spielt religiöse Identität hier oft eine geringere Rolle im Alltag. Viele Albaner*innen verstehen Religion eher als kulturellen Hintergrund denn als strikt praktizierte Glaubenspraxis. Häufig finden sich auch Familien, in denen unterschiedliche religiöse Traditionen parallel existieren.

 

Wie bei einer albanischen Oma

Als unsere Tour endet, sind wir reich gefüllt mit Infos und Eindrücken. Das hat Lust auf „mehr Tirana“ gemacht und Daniel und ich werden noch einen weiteren Tag in der Stadt verbringen. Aber nun müssen wir uns erst einmal stärken. Wir laufen mit Silke und Jochem durch Blloku und kehren in einer Bar ein, tauschen uns noch ein wenig über die Tour aus und kommen dann von Hölzchen auf Stöckchen und reden über Arbeit, Familie, wie es wohl sein wird, irgendwann wieder zurück im Alltagsleben zu sein.

Auf der dann folgenden Suche nach einem Ort zum Abendessen folgt noch ein absolutes Highlight – vielleicht eines der besten Essen, das wir auf unserer Reise hatten.

Wir gehen ein paar Stufen hinunter in ein unscheinbar anmutendes Lokal – die Taverna e Kasapit. Eher Souterrain-Feeling, etwas zu helles Licht, ein Fernseher läuft, eine Heizung bläst viel zu warme Luft in den Raum, die Deko ein Sammelsurium wie bei Oma – Hinstellerchen, Sammelteller an den Wänden, gerüschte Gardinen an den Fenstern. Kennt ihr das, wenn man das Gefühl hat, dass sich eine urige, eigentümlich anmutende Situation richtig lohnen wird?! Ich glaube, Jochem sagte sofort: „Ich glaube, das wird gut!“ Und er behielt recht. Der ganze Abend war wie bei einer albanischen Großmutter zuhause. Es gab keine Speisekarte, sondern eine persönliche Begrüßung und allerlei Nachfragen, was man mag, was man nicht mag oder nicht verträgt. Dann ließen wir uns überraschen und wurden Gang für Gang mit dem besten albanischen Essen verköstigt. Es war so unglaublich gut! Es gab Salat, selbstgebackenes Brot, Qofte, Byrek, Bohnen, geschmortes Lamm, gefüllte Paprika, Rindfleisch? … ich erinnere mich gar nicht mehr an alle Töpfe und Schüsseln, die auf dem Tisch standen. Das sind auf jeden Fall Momente, in denen man denkt, dass solche ehrliche, authentische, regionale Küche einer albanischen Frau besser ist als jedes hochgepriesene Feinschmeckerlokal mit irgendwelchen Schäumchen. Ich glaube, ich war während unserer gesamten Reise nie wieder so vollgegessen wie an diesem Abend. Ich wette, das Dessert wäre auch außergewöhnlich gewesen, aber wir mussten ablehnen, es ging gar nichts mehr! Auch hier haben wir völlig verpasst Fotos zu machen. Dafür, dass wir an anderer Stelle so fotobegeistert sind... haben wir in unserer Zeit mit Silke und Jochem völlig versagt! Kein Bild zu viert, kein Foto von der urigen Taverne und unserem überfüllten Tisch mit den himmlichen Speisen. Der Abend bzw. die zahlreichen Gänge zogen sich so lang, dass wir unseren Campingplatz-Taxiservice nach hinten verlegen mussten. Schließlich kugelten wir aus der Taverne wieder Richtung Skanderbegplatz und unserem Meetingpoint. Der Spaziergang tat gut, und so konnte man noch ein wenig verdauen und ein paar Eindrücke des spätabendlichen Tirana aufnehmen.

Das hat Spaß gemacht, ein wunderbarer Tag!

 

Hier noch ein paar Eindrücke von Pubs und Gastro. Daniel und ich haben es am nächsten Abend natürlich geschafft eine zünftige Metal/Rock/ Punkbar aufzutreiben :-)