Stari grad Vidoški Stolac, River Camp Heaven in Nature und Bregava Waterfalls

 

Das waren intensive Tage in Sarajevo – so viel Geschichte, Kriegstrauma, heutiges Leben, beste Begegnungen. Uns bleiben so viele besondere Momente in Erinnerung und so viel neues Wissen über dieses spannende, wunderbare Land. Und wieder neue Bekanntschaften, aus denen vielleicht sogar Freundschaften werden. 

 

Unsere letzte Station in Bosnien-Herzegowina wird das „River Camp heaven in nature“ sein. Dieser wunderschöne, einfache Platz ist im Süden Herzegowinas gelegen, nahe dem Örtchen Stolac. Von hier aus sind es nur noch rund 80 km zur montenegrinischen Grenze – unser nächstes Ziel. Das River Camp ist der absolut perfekte Ort, um nach so viel Input und bewegenden Geschichten abzuschalten, in der Natur zu sein, eine andere Art von Reizen zu haben. Wir werden am Fluss sitzen und Fisch essen, in der Sonne dösen, mal wieder alte Steine erforschen – eine Burg und die Überbleibsel einer illyrischen Stadt. Wir werden Cevapi essen, die Füße ins eiskalte Flusswasser halten, die Aussicht genießen, durchatmen.

 

Der Campingplatz ist so, wie ich es liebe: absolute Gastfreundschaft, alles ein bisschen „laisser-faire“, aber genügend Toiletten, Duschen, heißes Wasser, eine kleine Küche, beste Lage mit schöner Aussicht. Ach ja, und eine einfache Zufahrt. Mal wieder ist alles in Händen einer Familie: Der Sohn führt auf Englisch die Gespräche und Einweisungen mit ausländischen Gästen, der Vater macht die Bücher, Abrechnungen, serviert Kaffee und repariert Dinge, die Mutter und Freund*innen der Familie kochen eine Auswahl an traditionellen Gerichten. Mich erinnern diese Plätze an meine Campingerfahrungen als Kind. Lange vor Camping-Resorts und gehobener-Standard-Plätzen war ich mit meinen Eltern immer schon auf Zeltplätzen (so hießen sie eigentlich früher, denn zu 60 % wurde gezeltet, zu 30 % gab es Wohnwagen, zu 10 % Wohnmobile … heute: 85 % Wohnmobile und Vans, 14 % Wohnwagen, 1 % Zelte), die mehr Atmosphäre und weniger Luxus hatten. Da war ein Platz toll, wenn man unter Olivenbäumen oder Zypressen nächtigte, wenn man einen Terrassenplatz hatte mit Blick aufs Meer, wenn man im nächsten kleinen Ort auf einem regionalen Markt einkaufen konnte. Ab Livorno und südlich davon gab es eh nur Stehklos, Waschbecken waren draußen, in den Spülbecken nahmen Italienerinnen ihre Fische aus, und so lernte meine Mama, wie man das macht. Ja, vielleicht ist auch das ein romantisierter Rückblick auf eine vermeintlich gute, alte Zeit. Aber ich glaube, dass ich mir ein Gefühl erhalten konnte – ein Gefühl von dem Zauber, den authentische Plätze haben. Wo nicht alles sauber ist, wo sicherlich Müll rumliegt und man sich fragt, warum man den nicht einfach in den Abfalleimer werfen konnte. Aber wo man weiß, dass man „hier“ ist – wo man das andere Land wirklich erlebt und schmeckt und erfährt. Und genau so ist es beim River Camp. Wir sitzen auf den bunt zusammengestellten Stühlen am Ufer der Bregava, essen eine unglaublich gute Forelle aus dem Fluss, die besten Cevapi, schauen zu, wie befreundete Menschen der „Betreiberfamilie“ aus dem Dorf zu Gast sind und hier jeden Nachmittag ihren Kaffee trinken … es fühlt sich alles so unaufgeregt und echt an.

 


 

Das Städtchen Stolac

 

Stolac ist eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohner*innen in der Herzegowina. Sie liegt im fruchtbaren Tal der Bregava, das sich deutlich von der sonst kargen und stark verkarsteten Landschaft der Herzegowina abhebt.

Die Geschichte von Stolac reicht bis ins Mittelalter zurück. Über Jahrhunderte entwickelte sich der Ort zu einem wichtigen regionalen Handelszentrum, begünstigt durch seine Lage an Verkehrs- und Handelswegen. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehörte Stolac zur Österreich-Ungarn und war Garnisonsstadt.

Während des Bosnienkrieges war Stolac mehrfach Schauplatz von Gewalt und Machtwechseln. Im April 1992 wurde die Stadt von der Jugoslawischen Volksarmee eingenommen; kroatische Einwohner*innen wurden vertrieben, umliegende Dörfer weitgehend zerstört. Nach militärischen Operationen im Juni 1992 gelangte Stolac dann wieder unter kroatische Kontrolle. Der überwiegend serbisch bewohnte Ostteil der ehemaligen Großgemeinde blieb bis Kriegsende unter serbischer Verwaltung und bildet heute als Gemeinde Berkovići einen Teil der Republika Srpska.

Besonders 1993 kam es in und um Stolac zu schweren Kämpfen zwischen bosniakischen und kroatischen Einheiten im Zusammenhang mit der Ausrufung der international nicht anerkannten Republik Herceg-Bosna. Nach der Einnahme der Stadt durch das Hrvatsko vijeće obrane (HVO - die militärische Organisation der bosnisch-kroatischen Seite) wurden Plünderungen verübt, der historische Stadtkern stark beschädigt und sämtliche Moscheen zerstört. Dazu gehörte auch die sogenannte Kaisermoschee, eine der ältesten Moscheen des Landes. Männliche Bosniaken und Serben wurden in Gefangenenlager gebracht, unter anderem in das Lager Dretelj, während Frauen und Kinder ausgewiesen wurden. Auch die serbisch-orthodoxe Kirche der Stadt wurde zerstört.

Ein weiteres tragisches Ereignis in der jüngeren Geschichte ereignete sich am 26. Februar 2004: In der Nähe des Ortes Huskovići, etwa zehn Kilometer nördlich von Stolac, kam der mazedonische Präsident Boris Trajkovski bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.

Heute ist Stolac ein Ort, in dem sich jahrhundertealte Geschichte, Kriegszerstörungen und Wiederaufbau nebeneinander zeigen. Über der Stadt erhebt sich mit dem Stari Grad eine Festung, die seit Jahrhunderten sichtbar über dem Bregava-Tal liegt und den Ort bis heute überragt.

 

Stari Grad Vidoški

 
Die Burg liegt auf einem Hügel über der Stadt und ist als mittelalterliche Festung eines der größten erhaltenen Befestigungs-ensembles im Land dokumentiert. Die früheste sichere schriftliche Erwähnung des Forts ist in einer Urkunde vom 19. Februar 1444 datiert; es gehörte historisch zu den Besitztümern des Herceg Stjepan Vukčić Kosača – den kennen wir ja schon von der Burg Stjepan Grad in Blagaj! Später gerät Vidoški unter osmanische Herrschaft (Mitte 15. Jh.) und erfährt in der Neuzeit Reparaturen und Umgestaltungen unter der Habsburgermonarchie (19. Jh.).

 

Einordnung in die Region / historische Bedeutung
Die Festung sicherte seit dem Mittelalter strategisch die Passage entlang des Flusses Bregava und die Handelswege Richtung Dubrovnik; ihr Mauerring und die Türme dokumentieren Bauphasen von der Spätantike / Byzanz über das mittelalterliche bosnische Herzogtum bis zu osmanischen und k.-u.-k. Nachnutzungen.

 

Wie sieht es heute aus

Das Ensemble ist größtenteils erhalten: Stadtmauern, Türme und Terrassen sind sichtbar und in Teilen instand gehalten; die Bausubstanz zeigt verschiedene Bauphasen (mittelalterlich, osmanisch, k.-u.-k.). Besucher*innen können die Befestigungsanlagen begehen und tolle Aussichtspunkte nutzen; Informationsangebote vor Ort sind zwar nur wenige vorhanden, aber man kann auch wunderbar ohne viele Infotafeln den Hang erkunden, die unterschiedlichen Ebenen der Festung begehen und den wundervollen Ausblick über das Bregava-Tal und die Dächer von Stolac genießen. Wir sind an diesem Tag die einzigen Menschen hier und genießen wieder einmal die besondere Stimmung - die Ruhe, die wunderschöne Lage, alles in unserem Tempo erkunden können, zwischendurch auf einer der vielen kleinen Bänken verweilen, etwas Wasser trinken, zu Atmen kommen, den Blick schweifen lassen. 

 

Ohne Konflikte der Nachkriegszeit geht es wohl nicht...
Im obersten Bereich der Festung Stari Grad befindet sich heute ein großes steinernes Kreuz, das deutlich aus dem historischen Gesamtbild der Anlage heraussticht. Dieses Kreuz ist kein mittelalterliches oder frühneuzeitliches Element der Festung, sondern entstand erst nach dem Bosnienkrieg. Es wurde in den Jahren nach 1995 errichtet und besteht aus grob behauenen Steinblöcken mit einer Höhe von fast 5 Metern. Die Errichtung erfolgte auf Initiative lokaler kirchlicher Akteur*innen und mit Unterstützung einzelner kommunaler Stellen. Ziel war es offenbar, den oberen Festungsbereich religiös zu markieren und als Ort christlicher Symbolik zu nutzen. Problematisch ist dabei, dass die Festung Stari Grad als nationales Denkmal unter Denkmalschutz steht und bauliche Eingriffe innerhalb der Anlage genehmigungspflichtig sind. Für das Kreuz sowie die zugehörigen baulichen Elemente lagen diese Genehmigungen nicht vor.

 

In der Folge entwickelte sich eine anhaltende Kontroverse, die weit über Fragen des Denkmalschutzes hinausging. Kritisiert wurde nicht nur der Eingriff in die historische Substanz, sondern auch die christliche symbolische Aufladung eines kulturell und historisch vielschichtigen Ortes durch ein dominantes religiöses Zeichen, das dort keine Wurzeln hat. Im Gegenteil – Stolac war schon immer ein Ort, der sich durch seine multikonfessionelle Prägung auszeichnet. Die zuständigen föderalen Behörden ordneten schließlich im Jahr 2020 an, das Kreuz sowie die zusätzlichen Beton- und Steinpodeste zu entfernen und den ursprünglichen Zustand des Festungsgeländes wiederherzustellen. Da wir im September 2025 das Kreuz noch in seiner vollen Pracht „bewundern“ konnten, schaut es wohl so aus, als sei der Beschluss … nun ja … niedergeschrieben, eingereicht und vielleicht zur Kenntnis genommen worden, aber praktische Konsequenzen scheinen wohl auszubleiben.

 

Die anhaltende Präsenz des Kreuzes lässt sich auch vor dem Hintergrund der heutigen Bevölkerungsstruktur von Stolac verstehen. In einer Stadt, in der die kroatisch-katholische Bevölkerung die politische und gesellschaftliche Mehrheit stellt, fehlt auf lokaler Ebene der Wille, eine Maßnahme umzusetzen, die als Infragestellung eines identitätsstiftenden Symbols wahrgenommen würde. Dass genau dieses Symbol dort eigentlich nichts zu suchen hat und gleichzeitig als Provokation gegenüber der bosniakischen und serbischen Minderheitsbevölkerung verstanden werden kann, wird offensichtlich in Kauf genommen.

 

Wir genießen während unserer Tour die wundervolle Anlage, die mal wieder ganz verlassen daliegt und uns erfreut mit ihren vielen verborgenen Winkeln, tollen Aussichten und wunderschöner Bewachsung.

Von hier aus kann man die Stadt überschauen und auf den Bregava River sehen. Das ist der Fluss, der auch an unserem Campingplatz vorbeifließt und dessen klares, stellenweise türkisfarbenes Wasser sich durch den Ort schlängelt. Der Fluss bildet stellenweise natürliche Wasserfälle und Stromschnellen, die man von einigen Punkten aus bewundern kann. Wir machen auf dem Rückweg an einer solchen Stelle noch Halt und erfreuen uns an der malerischen Kulisse. Herzegowina ist so schön!