Durmitor Nationalpark und Kloster Ostrog - über 400 Kilometer durch Montenegro
Wir haben eine Tagestour gebucht. Das werden wir auf unserer Reise noch öfter machen, denn es ist eine super Alternative zum Selbstfahren und schön, wenn beide mal aus dem Fenster schauen können und sich keiner von uns auf die Straße konzentrieren muss. Außerdem strapazieren wir unser Auto durch die vielen tausend Kilometer, die wir zurücklegen, ohnehin schon genug – da müssen wir ihm nicht jede Serpentine und jedes Bergmassiv zusätzlich zumuten. Uns erwartet ein langer Tag. Um 6 Uhr morgens werden wir direkt am Campingplatz abgeholt. Die Luft ist noch kühl, das Licht weich, alles wirkt ruhig – bis wir im Auto sitzen. Zwei weitere Gäste sind bereits da: Andy und Annette aus London. Schon nach wenigen Minuten entsteht eine herzliche Stimmung und nette Gespräche. Wir verstehen uns sofort, tauschen erste Reisegeschichten aus und werden uns später freuen, dass wir tatsächlich in einer Gruppe landen und die nächsten 13 Stunden gemeinsam unterwegs sein werden.
Die Fahrt nach Kotor ist... sagen wir... eindrücklich und macht wach. Die Küstenstraße im Modus eines einheimischen Fahrers zu erleben, ist um diese Uhrzeit etwas zu viel „Kirmes-Achterbahn-Gefühl“. Wir versuchen unser Hirn auf die englischsprachige Unterhaltung mit Andy und Annett zu lenken - um diese Tageszeit auch nicht das Einfachste – und nicht darüber nachzudenken, wie hoch das Risiko ist, in dieser Bucht bei einem Überholmanöver sein Leben zu lassen.
In Kotor treffen wir auf den Rest der Gruppe: eine Amerikanerin, Reisende aus Israel und Südkorea, eine Italienerin, weitere Europäer*innen. Insgesamt sind wir 12 Personen – eine angenehme Größe. Unser Guide, engagiert, humorvoll und mit spürbarer Leidenschaft für sein Land und seinen Job, wird uns fast 450 Kilometer durch Montenegro begleiten. Mit dieser Kilometerzahl durchqueren wir einen großen Teil des Landes an nur einem Tag – von der Adriaküste über die Karstlandschaften des Hinterlands bis hinein ins Hochgebirge des Durmitor und wieder zurück durch Schluchten, Hochebenen und Felsmassive. Wir erleben einen kompletten Perspektivwechsel: vom mediterranen Küstenklima bis zu alpiner Bergluft.
Die Inselkirchen im Morgenlicht
Unser erster Halt liegt nur wenige Kilometer entfernt bei Perast: Vor uns in der Bucht von Kotor liegen zwei kleine Inseln, an denen wir nun schon mehrfach vorbeigefahren sind, und wir freuen uns, etwas über ihre Geschichte zu erfahren. Die eine Insel nennt sich Gospa od Škrpjela – „Unsere Liebe Frau vom Felsen“. Anders als die umliegenden, natürlich entstandenen Inseln ist sie künstlich. Ihrer Entstehung liegt eine bis heute erzählte Legende zugrunde: Im Jahr 1452 soll ein Seemann auf einem Felsen im Meer eine Ikone der Gottesmutter gefunden haben. Kurz darauf wurde ein kranker Fischer, nachdem er vor ihr gebetet hatte, wieder gesund. Dieses Ereignis wurde als Wunder gedeutet. Aus Dankbarkeit begannen die Seeleute von Perast, nach jeder erfolgreichen Heimkehr einen Stein an dieser Stelle ins Wasser zu werfen.
Über Generationen wuchs so aus einem einzelnen Felsen eine Insel. Zusätzlich wurden alte, mit Steinen beladene Schiffe bewusst versenkt, um das Fundament zu verstärken. Es entstand zunächst eine kleine orthodoxe Kapelle. Die heutige Kirche wurde 1632 im barocken, römisch-katholischen Stil erbaut und zwischen 1722 und 1736 erweitert. Sie entwickelte sich zu einem bedeutenden Wallfahrtsort der Region.
Bis heute lebt die Tradition weiter: Jedes Jahr am 22. Juli findet die sogenannte Fašinada statt. Dann fahren Einheimische in geschmückten Booten hinaus zur Insel und werfen Steine ins Wasser – ein symbolischer Akt zur Erhaltung und „Vergrößerung“ der Insel, der die jahrhundertealte Verbindung zwischen Seefahrt, Glaube und Gemeinschaft sichtbar macht. Die gesamte Bucht von Kotor, einschließlich der Inseln vor Perast, gehört seit 1979 zum UNESCO-Weltnatur- und -kulturerbe.
Direkt neben Maria vom Felsen liegt die deutlich dunkler wirkende, natürlich entstandene Insel Sveti Đorđe – Sankt Georg. Sie ist dicht mit Zypressen bewachsen, was ihr aus der Ferne eine fast geheimnisvolle Silhouette verleiht. Auf ihr befindet sich ein Benediktinerkloster, dessen Ursprünge bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es mehrfach zerstört – unter anderem durch Erdbeben und während kriegerischer Auseinandersetzungen – und immer wieder aufgebaut. Die Insel diente außerdem als Begräbnisstätte für Adelsfamilien aus Perast, weshalb sie auch eine Art historische Nekropole darstellt.
Ein paar Kilometer weiter halten wir an der Boka Kotorska Observation Platform. Von oben zeigt sich die gesamte Bucht wie ein verzweigtes Fjordsystem – auch wenn sie geologisch kein Fjord ist, sondern eine überflutete Flussmündung. Die steilen Kalksteinberge stürzen scheinbar direkt ins Meer, kleine Ortschaften liegen wie Spielzeugdörfer am Ufer.
Mit jedem Kilometer Richtung Norden verändert sich die Landschaft. Die mediterrane Küstenvegetation mit Oleander, Feigen und Zypressen weicht Feldern und landwirtschaftlichen Gebieten, dann kargeren Hängen. Die Straße windet sich durch kleine Dörfer, weite Ebenen und dann höher und höher in die Berge. Das Licht wird klarer, die Luft trockener. Aus Palmen werden Kiefern, aus Meerblick wird Bergpanorama. Zwischendurch legen wir einen Frühstücksstopp in einem montenegrinischen Restaurant ein. Herzhaftes Gebäck, Käse, lokaler Schinken, starker Kaffee. Die Stimmung ist entspannt, das Wetter gut, es kann weitergehen Richtung Norden.
Die Tara-Schlucht
Dann erreichen wir eines der spektakulärsten Naturwunder des Landes: die Tara-Schlucht. Der Fluss Tara hat hier über Jahrtausende eine bis zu 1.300 Meter tiefe Schlucht in das Kalkgestein
geschnitten – die tiefste Schlucht Europas und nach dem Grand Canyon eine der tiefsten weltweit. Das Wasser leuchtet in einem intensiven Türkis, gespeist von zahlreichen unterirdischen Quellen.
Der Fluss gilt als einer der saubersten Europas.
Über die Schlucht spannt sich die beeindruckende Đurđevića-Tara-Brücke. Sie wurde zwischen 1937 und 1940 gebaut und war zur Zeit ihrer Fertigstellung eine der größten Betonbogenbrücken Europas. Im Zweiten Weltkrieg wurde ein Teil der Brücke von Partisan*innen gesprengt, um den Vormarsch der italienischen Truppen zu stoppen – später wurde sie wieder aufgebaut. Heute ist sie nicht nur Verkehrsweg, sondern Aussichtsspot und beliebte Ausgangsbasis für Wanderungen und Raftingtouren. Der Blick von der Brücke hinab in die Schlucht ist wunderschön. Die Tiefe, das Farbspiel des Wassers, die Weite – wie so viele Ausblicke in Montenegro wirkt auch dieser wieder monumental.
Crno Jezero – Kanada in Montenegro
Im Herzen des Nationalparks erreichen wir Crno Jezero – den „Schwarzen See“. Er liegt auf etwa 1.400 Metern Höhe und besteht eigentlich aus zwei durch einen schmalen Kanal verbundenen Teilen. Umgeben ist er von dichten Nadelwäldern und den Gipfeln des Durmitor-Massivs, darunter der höchste Berg Montenegros, der Bobotov Kuk (2.523 m).
Das Wasser ist dunkel und klar zugleich, die Oberfläche spiegelt die Berge. Die Szenerie erinnert mich an meinen Besuch im Banff National Park in Kanada – diese Mischung aus tiefem Grün, kühlem Blau und schroffen Gipfeln wirkt fast nordamerikanisch. Der Rundweg um den See führt durch Waldstücke und entlang des Ufers, immer wieder öffnen sich neue Perspektiven. Wunderschön! Andy entscheidet sich für die Premium-Variante der Aussicht und springt ins kalte Wasser des Gletschersees - Landschaftserlebnis mit Ganzkörpereinsatz.
Žabljak und die Kultur der Hochweiden
Unser spätes Mittagessen nehmen wir in Žabljak ein – einer der höchstgelegenen Städte des Balkans (ca. 1.450 m). Es gibt Lamm aus dem Durmitor-Gebiet – langsam gegart, würzig – und Fisch aus der Tara. Regionaler geht es kaum.
Mit zunehmender Höhe verändert sich nicht nur die Vegetation, sondern auch die Form der Bewirtschaftung. In den Hochlagen des Durmitor und der Dinarischen Alpen ist die jahrhundertealte Tradition der Sommerweidewirtschaft bis heute lebendig. Im Frühsommer ziehen Hirten mit ihren Schaf- und Ziegenherden hinauf auf die weitläufigen Hochflächen – ein Brauch, der tief in der montenegrinischen Kultur verwurzelt ist. Diese saisonalen Siedlungen nennt man „Katun“. Ein Katun besteht aus mehreren schlichten Hütten, meist aus Holz oder grob behauenem Stein errichtet. Sie wirken, als seien sie aus einer anderen Zeit gefallen. Funktional, karg, ohne überflüssigen Komfort. Oft liegen sie auf etwa 1.500 bis 2.000 Metern Höhe – dort, wo sich zusammenhängende Weideflächen zwischen Kalksteinfelsen, Wiesen und tief eingeschnittenen Canyons öffnen. In dieser Umgebung verbringen Hirten die Sommermonate, weit entfernt von städtischer Infrastruktur. Unser Guide erzählt von der Tradition, in diesen Hütten etwas Essbares zurückzulassen – Brot, Käse oder Rakija – für die nächste Person, die Schutz sucht. Eine Hirtenkultur in einer rauen Umgebung, in der man aufeinander angewiesen ist.
Das Leben hier oben ist einfach und arbeitsintensiv. Der Tagesrhythmus richtet sich nach den Tieren, nach Wetter und Licht. Milch wird direkt vor Ort verarbeitet, es entstehen Käse, Joghurt und andere traditionelle Produkte. Eng mit dieser Kultur verbunden ist auch Kačamak – ein herzhafter Brei aus Maismehl und Kartoffeln, oft mit Käse und Kajmak serviert. Ein schlichtes, nahrhaftes Gericht, das aus dem bäuerlichen Alltag entstanden ist.
Abends, wenn die Herden zusammengetrieben sind, wird in manchen Regionen noch immer die Gusle gespielt – ein einsaitiges Streichinstrument, dessen melancholischer Klang alte Heldenlieder und Geschichten begleitet. Die Hirtenkultur ist damit nicht nur Wirtschaftsform, sondern auch Träger von Erzähltraditionen, Musik und regionaler Identität. Unser Guide selbst stammt aus einem Bergdorf in der Region. Als wir an seinem Heimatort vorbeifahren, erzählt er viele Geschichten aus seiner Familie, die hier schon seit Generationen lebt und wir bekommen einen spannenden und authentischen Einblick in das Leben in den Hochlagen Montenegros.
Ostrog – das Kloster im Felsen
Am Nachmittag verlassen wir die Hochregion und fahren Richtung Süden. Ein letztes Mal für heute quält unser Fahrer den kleinen Bus einen Berg hinauf. Wir fahren die Serpentinen zur Felswand von Ostroška Greda. Wieder einmal diese Mischung aus spektakulärer Aussicht und leichtem Unbehagen, wenn der Blick über die Kante in die steilen Abhänge fällt. Es ist später Nachmittag, alles ist in ein letztes warmes Sonnenlicht getaucht, und wir haben das Glück, das Kloster in einer recht entspannten Stimmung zu besichtigen. Denn zu bestimmten Feiertagen und in der Hauptsaison soll es hier unglaublich trubelig zugehen. Ostrog ist eines der wichtigsten Klöster der orthodoxen Kirche und für viele Gläubige aus der ganzen Welt ein Wallfahrtsort und Pilgerstätte. Oft legen Pilger*innen den Aufstieg vom unteren zum oberen Kloster barfuß zurück, manche kriechen ein Stück des Weges oder beten jeden zweiten Schritt auf den Knien. Eine wilde Mischung aus Reisebussen, Autoschlangen und Pilger*innen windet sich hier zur Hauptsaison den Berg hinauf.
Historisch entstand das Kloster im 17. Jahrhundert. Gegründet wurde es durch Vasilije Jovanović – besser bekannt als Vasilije (Basil) von Ostrog –, der 1610 geboren wurde und 1671 starb. Er war als geistliche Autorität und Bischof in der Region aktiv; später wurde er heiliggesprochen. Sein Leichnam wurde im oberen Felsenkirchlein bestattet, und seit 1671 befinden sich seine Reliquien im Kloster; sie gehören bis heute zum Zentrum der Verehrung. Viele Gläubige schreiben dem Besuch vor dem Reliquiar wundertätige Heilungen zu, weshalb Ostrog zu den wichtigsten Wallfahrtsorten der orthodoxen Welt zählt.
Über die konkrete Gründung und die Lage des Klosters gibt es Legenden: Manche Überlieferungen berichten, dass Basilije durch Gottes Eingebung bzw. wiederkehrende Träume und Zeichen geleitet wurde, an genau dieser Stelle zu wohnen und zu wirken. Aus pragmatischeren Erwägungen war die Einbettung in die Felswand auch ein Schutz – in einer Zeit, in der das Osmanische Reich die Region beherrschte, bot die Lage Zuflucht für Mönche und Gläubige und war schwer zugänglich. Die Mischung aus aktiver Entscheidung und religiöser Deutung prägt die Erzählung um Ostrog bis heute.
Die Anlage selbst besteht aus zwei räumlich getrennten Teilen: dem Unteren Kloster, das leichter zu erreichen ist, und dem Oberen Kloster, das in eine senkrechte Felswand hineingebaut wurde und die heiligen Reliquien beherbergt. Besucher*innen reihen sich in eine Warteschlange vor der kleinen, in den Fels geschlagenen Kapelle; der Zugang zur Kammer mit dem Reliquiar wird sorgsam und respektvoll geregelt, und ein Ordensmitglied wacht über die Liturgie und die Aufrechterhaltung der Ordnung. Viele Pilger*innen bringen Gaben (Decken, Kleidung, Lebensmittel) mit, die sie als Zeichen der Dankbarkeit oder als Unterstützung für die Gemeinschaft dalassen. Auch wir reihen uns ein und betreten die kleine Felskammer. Ein orthodoxer Mönch mit Kreuz in der Hand sitzt neben dem offenen Sarg, in dem der mumifizierte Leichnam des Heiligen liegt. Mit einer für uns fast komisch anmutenden Geste winkt er mit dem Kreuz die Besucher*innen herein und gibt das Tempo vor – man muss einzeln an den Sarg treten, kann sich vor dem Körper kurz verbeugen oder schnelle Gebetsworte sprechen. Schwupp – und schon ist man wieder draußen, und alles wirkt etwas surreal. Ein Erlebnis.
Die Bedeutung von Ostrog reicht über die orthodoxe Kirche hinaus: Gläubige verschiedener Konfessionen und sogar Angehörige anderer Religionen pilgern hierher, oft in der Erwartung einer Heilung oder eines Trostes. Der Glaube an die wundertätige Kraft der Reliquien hat über Jahrhunderte die kulturelle Stellung des Klosters als nationaler und regionaler Wallfahrtsort gesichert. Jedes Jahr, besonders am Festtag des Heiligen (12. Mai nach dem gregorianischen Kalender / 29. April im alten Kalender), strömen Zehntausende nach Ostrog.
Slansko jezero – Der Salzsee in der Dämmerung zum Abschluss
Die letzte Station ist Slansko jezero, ein großer See nahe Nikšić. Er dient der Energiegewinnung, Bewässerung und als Naherholungsgebiet. In der Abenddämmerung liegt er wundervoll still da. Nach einem langen Tag entsteht eine besondere Ruhe.
Der Name Slansko jezero bedeutet wörtlich „Salzsee“ – obwohl das Wasser keineswegs salzig ist. Der regionalen Legende nach soll hier einst eine Händlerin mit einem mit Salz beladenen Maultier unterwegs gewesen sein. Salz war über Jahrhunderte ein kostbares Gut. Als das Tier am Gewässer vorbeikam, soll es gestolpert sein. Die Säcke rissen auf, das Salz verteilte sich im Wasser – und seitdem trage der See seinen Namen.
Historisch ist diese Erzählung zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen. Salz wurde früher von der Adriaküste – etwa aus Kotor, Budva oder Ulcinj – ins bergige Hinterland transportiert. Über schmale Saumwege gelangte es mit Eseln, Pferden oder Maultieren in Richtung Nikšić und weiter in die Hochlagen der Dinarischen Alpen. Salz war essenziell für Konservierung, Käseherstellung und Viehhaltung, besonders in abgelegenen Bergregionen. Eine letzte schöne Geschichte unseres Guides. Was für ein toller Tag!
Als wir nach 13 Stunden wieder am Campingplatz ankommen, sind wir erschöpft – aber reich an Eindrücken und Bildern. Dieser Tag zeigte uns Montenegro in all seinen Landschafts- und Kulturräumen. Und mit Andy und Annette bleibt uns die Tour auch menschlich in bester Erinnerung.