"Welche Herrlichkeit!
Ein Garten inmitten der Flammen!
Mein Herz hat sich für jegliche Form geöffnet

und ist fähig geworden jede Gestalt anzunehmen:
es ist eine Weide für Gazellen,
und ein Kloster für christliche Mönche,
und ein Tempel für Götzenbilder,
und die Kaaba der Pilgernden,
und die Tafeln der Tora und das Buch des Korans.
Ich will die Religion der Liebe sehen:
Welchen Weg auch immer die Kamele der Liebe gehen,
das ist meine Bekennung, meine Religion und mein Glaube.«

 

Muhyiddin Ibn Arabi

 

 


Tekija Blagaj: Das Derwischkloster an der Buna-Quelle

 

Die Tekija Blagaj liegt spektakulär am Fuß einer fast senkrechten Felswand, direkt dort, wo die Buna aus einer Karsthöhle ans Tageslicht tritt. Das Gebäude scheint regelrecht in den Felsen hineingeschoben zu sein – Architektur und Landschaft lassen sich hier kaum voneinander trennen. Die steilen Kalksteinwände über der Tekija dominieren den Ort ebenso wie das tiefgrüne Wasser der Quelle, das unmittelbar vor dem Gebäude in einen Fluss übergeht. Dieser zieht seinen Weg rund 9 Kilometer lang durch das bosnische Hinterland Richtung Osten. Hier schlängelt er sich mit seinem kristallklaren Wasser über das gesamte Gelände, an verschiedenen Stellen kann man ihn auf blumengeschmückten Brücken überqueren, am Ufer entlang gibt es Gastronomie und Souvenirstände. Wieder einmal eine besondere Mischung aus Touriziel und spirituellem Ort.

 

Unmittelbar neben der Tekija öffnet sich die große Karsthöhle, aus der die Buna entspringt. Bei entsprechendem Wasserstand werden kurze Bootsfahrten in den Höhleneingang angeboten. Die genaue Größe der Höhle ist nicht bekannt, da sie weitgehend unerforscht ist; sie erstreckt sich tief in den Fels, wobei die Quelle eine immense Wassermenge liefert und die Höhle als Teil eines großen Karstsystems gilt. Man kann die Quelle vom Kloster aus sehen, aber die Höhle selbst ist nicht für Besucher zugänglich, da sie ein natürliches und gefährliches unterirdisches Gewässer ist, das tief ins Gebirge führt.

 

Die Anlage gilt als eines der bekanntesten Motive des Landes: Wer sich mit Bosnien und Herzegowina beschäftigt, begegnet diesem Anblick in Reiseführern, Foren und Reiseblogs fast zwangsläufig. Auch während unseres Besuchs strömen viele Menschen in das schmale Tal. Busreisende, Tagesausflügler, Handygeknipse an jeder Biegung. Trotzdem hat dieser Ort seinen Charme nicht verloren. Ähnliches werde ich später ebenfalls über Mostar sagen: viele Tourist*innen (zu denen wir ja auch gehören) zeugen ja meistens auch davon, dass es schöne und sehenswerte Orte sind. Hier kann ich mich gut auf beides einlassen: draußen Postkartenkulisse und Menschengruppen, innen eher ruhige Räume, in denen sich erahnen lässt, dass es hier um Rückzug, Ritual und spirituelle Praxis geht.

 

Was ist eine Tekija – und was sind Derwische?

Eine Tekija ist ein Haus bzw. eine Art Kloster- und Versammlungsort für die Sufi-Orden (tariqa) – also Strömungen innerhalb des Islam, die den Schwerpunkt auf spirituelle Praxis, innere Läuterung und Gottesnähe legen. Derwische sind dabei Mitglieder solcher Sufi-Orden. Anhänger des Sufismus, also der mystischen, spirituellen Ausprägung im Islam, verfolgen das Ziel, durch innere Reinigung, Meditation, Gebet und Askese eine direkte, erfahrbare Nähe zu Gott zu erreichen und die Liebe und Einheit Gottes zu erfahren. Sie konzentrieren sich auf die „innere Dimension“ des Glaubens, praktizieren Rituale wie den Dhikr (Gedenken an Gott, oft mit rhythmischen Bewegungen und Musik) und suchen die „Auflösung des Egos“ (Fanā) in der göttlichen Realität.

Hier kommt dann wieder die Religionswissenschaftlerin in mir zum Vorschein. Wenn ich nochmal ein Themenfeld wählen könnte, läge es vielleicht genau hier: die gegenseitige Beeinflussung und der kulturelle Austausch von Mystiker*innen im Islam und im Christentum, wie die erstaunlichen Parallelen zwischen dem persischen Rumi und dem christlichen Meister Eckhart oder die frühen, wegweisenden Schriften des andalusischen Ibn al-ʿArabī während der muslimischen Herrschaft Al-Andalus in Spanien, die später Johannes vom Kreuz beeinflusst haben sollen.

 

Ein bekanntes Sprichwort mit zweifelhafter Bedeutung

Im Deutschen ist bis heute der Ausdruck „wie ein Derwischer“ gebräuchlich, meist um hektisches, rastloses oder überdrehtes Verhalten zu beschreiben. Der Ursprung dieser Redewendung liegt in der westlichen Wahrnehmung sufischer Rituale, insbesondere des rituellen Drehens einiger Derwischorden wie die Mevlevi. Was ursprünglich eine streng strukturierte, spirituelle Praxis zur Gotteserfahrung ist, wurde dabei früh auf ein exotisches Bild von Ekstase und Bewegung reduziert. Die religiöse und kontemplative Dimension ging im Sprachgebrauch verloren. Der Ausdruck ist problematisch, reproduziert er doch ein Vorurteil ("der fremde, ekstatische, irrationale Osten"), transportiert ein stereotypes Bild und löst den Begriff aus seinem kulturellen und spirituellen Zusammenhang.

 

Die Geschichte der Tekija Blagaj

Die Tekija von Blagaj wird häufig in die frühe osmanische Zeit der Region datiert (oft um 1520). Hier wurden die ersten Teile der Anlage von den Derwischen in den Fels geschlagen. Als bauliches Ensemble – mit u. a. Musafirhana (Gästehaus) und Türbe (Mausoleum) – ist sie in ihrer heutigen Form Ergebnis mehrerer Bau- und Wiederaufbauphasen; Quellen nennen z. B. eine spätere Wiedererrichtung des Gästehauses im 19. Jahrhundert (1851). Die Lage am Quellfelsen ist dabei nicht nur landschaftlich spektakulär, sondern passt auch zur Idee vieler Sufi-Traditionen, Natur, Rückzug und Kontemplation miteinander zu verbinden.

Auch offiziell wird die Anlage als kulturell bedeutend eingeordnet: Das „natural and architectural ensemble of Blagaj“ steht auf der UNESCO Tentative List (Vorschlagsliste).

 

Der Eintritt in die Tekija folgt klaren, aber unkomplizierten Regeln, wie man sie auch aus Moscheen kennt. Frauen bedecken beim Betreten die Haare; dafür stehen vor Ort Tücher bereit, die zu Hijabs gebunden werden können. Ich habe bei unseren Ausflügen im Sommer meistens ein eigenes Tuch dabei, da es auch in christlichen oder orthodoxen Kirchen üblich ist, zum Beispiel die Schultern oder Arme zu bedecken. Männer achten darauf, dass die Knie bedeckt sind – kurze Hosen gelten als unpassend. Auch hierfür liegen Wickelröcke (Sarongs) aus, die bei Bedarf umgelegt werden können.

 

Der Innenraum der Tekija ist nicht als klassisches Museum konzipiert, sondern als eine Mischung aus religiösem Ort und dokumentierendem Ausstellungsraum. Der obere Bereich zeigt die spirituelle Nutzung. Hier befinden sich einfache, weiß gehaltene Zimmer, Gebets- und Versammlungsräume der Derwische, textile Elemente (Teppiche, Kissen), niedrige Sitzgelegenheiten, kalligrafische Tafeln mit Koranzitaten oder Texten der Mystiker. Die Schlichtheit ist kein Zufall, sondern Teil der Sufi-Tradition: Der Raum soll nicht ablenken, sondern Sammlung, Wiederholung (Dhikr) und innere Konzentration ermöglichen. Repräsentation oder Prunk spielen hier keine Rolle.

Wir erkunden noch einen etwas versteckten Raum: Eine Treppe führt hinab in eine winzige Ausstellung über archäologische Funde und Geschichte. Hier sind Fundstücke ausgestellt, die bei systematischen Untersuchungen im Bereich der Tekija, der angrenzenden Höhlen und der Zugangswege zur Quelle entdeckt wurden. Zu sehen sind Keramikfragmente aus unterschiedlichen Epochen, Tonpfeifen aus der osmanischen Zeit, Eisenobjekte wie Nägel und Bauteile sowie Metallfunde, darunter auch Pfeilspitzen, die ins Mittelalter datieren.

 

Diese Ausstellung macht deutlich, dass der Ort weit mehr ist als ein osmanisches Derwischkloster: Die Funde verweisen auf eine jahrtausendealte Nutzungsgeschichte. Die Buna-Quelle war lange vor der Errichtung der Tekija ein bedeutender Platz – als Wasserquelle, als Rückzugsraum, als Übergangsort. Die Derwische haben diesen Ort nicht neu erfunden, sondern eine bereits bestehende Bedeutungsschicht übernommen und spirituell weitergeführt.

 

Stjepan-grad – Die Festung über dem Buna-Tal und der Ursprung des Namens Herzegowina

 

Hoch über dem Ort Blagaj, wo wir unser Lager aufgeschlagen haben, thront die Ruine der Festung Stjepan-grad auf einem markanten Felsrücken. Vom Campingplatz aus können wir die Burg sehen, abends wird sie wunderbar angestrahlt, tagsbüber liegt man am Pool und erfreut sich über die schöne Aussicht. 

Der Aufstieg nach Stjepan-grad ist heftig! Ich muss immer lachen, wenn ich in Rezensionen und Beschreibungen lese:

„nach einem 20-minütigen machbaren Aufstieg erreicht man die Burg“. Mein Lieblingswort in Rezensionen: „machbar“. Dieses wunderbar dehnbare Wort, das alles meint und nichts erklärt. Welche Wege so machbar sein sollen mit Wohnwagen und welche Aufstiege machbar sind mit angeblich jeder Kondition … Schön für euch, wenn ihr wie Gazellen den Berg hinauf galoppiert. Einen 300 Meter hohen Berg auf unbefestigten, steinigen Wegen zu erklimmen – und das bei 30 Grad … nee, das sind bei mir keine 20 Minuten. Daniel und ich haben eine gute Absprache miteinander. Jede/r hat seinihr eigenes Tempo, und wir müssen nicht jeden Schritt gemeinsam tun. Ich bin nicht so schnell, mache öfter Pausen, komme langsam und sicher ans Ziel. Und wenn ich am Ende nicht mehr die Kraft habe, jeden einzelnen Turm zu besteigen, dann macht Daniel von oben schöne Fotos.

Daniel verfährt mehr nach dem „Augen-zu-und-durch-Prinzip“ und zieht durch – konsequent wird gleichbleibend Schritt für Schritt getan. Und so ist er auch diesmal vor mir oben angelangt. Aber auch Daniel muss zugeben: Das war steil, heftig, herausfordernd. Oben angekommen bin ich wirklich erschöpft und habe wacklige Beine. Als ich mich durch das Burgtor quäle, sitzt Daniel auch noch im Schatten und kommt zu Atem.

Stjepan-grad liegt wirklich wunderschön. Der Weg zieht sich über Serpentinen den Berg hinauf, der Blick wird von Meter zu Meter weiter. Die Aussicht von oben auf das Buna-Tal ist grandios!

 

Geschichtliches

 

Archäologische und historische Hinweise zeigen, dass dieser Ort bereits in der Antike genutzt wurde. Zwischen dem 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. errichtete der illyrische Stamm der Daorsi hier eine befestigte Höhensiedlung. Die Lage am Oberlauf der Buna erlaubte Kontrolle über das Tal, über Verkehrswege und über den Zugang zu Wasser – ein strategischer Vorteil, der den Ort über Jahrhunderte prägte. In römischer Zeit wird die Siedlung in ein castrum, ein Feldlager, umgewandelt. Die Römer integrieren die bestehenden Befestigungen in ihr militärisches System und schaffen damit eine bauliche Kontinuität, die bis ins Mittelalter reicht. Noch Jahrhunderte später entstehen neue Mauern und Türme auf den Fundamenten der römischen Anlage.

 

Mit der Herausbildung des ersten bosnischen Staates geht Stjepan-grad in den Besitz der bosnischen Könige über. Im Jahr 1428 übernimmt schließlich die Feudalfamilie Kosača die Festung. Kurz vor der osmanischen Eroberung befindet sie sich im Besitz des Herzogs Stjepan Vukčić Kosača. Von seinem Vornamen leitet sich der heutige Name der Festung ab; von seinem Titel Herceg wiederum der Name der Region Herzegowina! Stjepan Vukčić Kosača trug den Titel Herceg von Hum. Das von ihm beherrschte Gebiet wurde in zeitgenössischen Quellen zunehmend als Hercegovina bezeichnet – wörtlich also als „Land des Herzogs“. Aus dieser Bezeichnung entwickelte sich der heutige Name Herzegowina, der bis heute an diese spätmittelalterliche Machtkonstellation erinnert.

Unter seiner Herrschaft entwickelt sich Blagaj zu einem politischen und administrativen Zentrum. Die Festung dient dabei weniger als Wohnsitz, sondern vor allem als militärischer Rückhalt und Machtsymbol.

Im Jahr 1465 erobern die Osmanen die Burg. Sie erweitern die Anlage deutlich: Große Türme, fünf Schanzen, ein Verlies und eine Moschee entstehen, der Eingang wird durch eine eisenbeschlagene Tür gesichert. Stjepan-grad bleibt damit ein militärischer Stützpunkt, verliert jedoch langfristig an Bedeutung, da sich Verwaltung und Siedlungen zunehmend ins Tal verlagern – näher an Handelsrouten und Wasserquellen. Ein Erdbeben im Jahr 1827 beschädigt die Festung schwer. 1835 wird sie endgültig aufgegeben.

 

Heute sind nur noch Mauerreste und Grundstrukturen erhalten, doch sie vermitteln einen guten Eindruck von Ausdehnung und Lage der Anlage. Wir lieben es, durch diese geschichtsträchtigen Steine zu klettern und uns all das vorzustellen: illyrische Höhensiedlung, römisches Feldlager, mittelalterliche Festungsstadt und osmanischer Militärposten. Und dabei begleitet einen der wundervolle Blick über Blagaj, die Buna und die umgebenden Karstberge – ein Panorama, für das sich die wackligen Beine wieder einmal gelohnt haben.