Camping Usce und Abschied von Montenegro
Camping Usce ist unser letzter Stopp in Montenegro. Dieser Platz ist wieder eine dieser Perlen mit besonderer Stimmung. Wir kommen an und sind die einzigen Gäste. Auch hier herrscht Nachsaison, zwei Wochen später wird der Platz für den Winter bereits geschlossen sein. Die Betreiberfamilie ist jung, zugewandt und total freundlich. Die Tochter nimmt uns in Empfang. Sie ist vielleicht 12, spricht richtig gutes Englisch und wirkt sehr professionell :-) Sie rattert alles Wissenswerte runter wie ein Profi und zeigt uns dann stolz ihr Pferd, das hier ebenfalls einen „Stellplatz“ hat. Wir haben mal wieder ein „Freistehen-Gefühl“. Um uns herum nur Bäume und Wiesen. Am Platz vorbei fließt die Morača, die in den Skutarisee mündet – in einer weiten, flachen Landschaft aus Wasserarmen, Schilf und Wiesen. Alles hier ist vom Wasser bestimmt: die Zuflüsse, die je nach Pegelstand ihr Gesicht verändern, das Rascheln des Schilfs im Wind, Straßen, die eher wie Dämme erscheinen. Typische Begleiter unseres Aufenthalts hier sind Frösche. Einige haben offenbar das Waschhaus zu ihrem festen Wohnsitz erklärt, und am Abend wird das Gelände von einem vielstimmigen Quaken erfüllt. Alles ein bisschen mehr Naturraum als Campingplatz.
Immer wieder kommen und gehen einzelne Gäste. Ein netter Plausch ergibt sich mit einem Pärchen aus Süddeutschland. Er ist Braumeister und ich erfahre interessante Dinge über das Bierbrauen in Bayern. Interessanterweise (für uns eher wenig überraschend) wollen sie da aber weg, und er hat das große Glück, in Schleswig-Holstein einen neuen Job anfangen zu können – vorher nochmal 8 Wochen mit dem Van reisen. Auch das zeigt sich nun mehr und mehr: weniger Sommerurlauber, mehr „Länger-Reisende“.
Ein kleines Highlight für uns ist die Außenküche. Überdacht, funktional – und mit einem echten Herd samt Ofen. Wir lieben zwar unseren Omnia (wer es nicht kennt: ein Campingbackofen. Er besteht
aus einer runden Backform mit Loch in der Mitte, einer Unterform und einem Deckel mit Lüftungsschlitzen und wird direkt auf die Gasflamme gestellt – die Hitze zirkuliert durch die Konstruktion
wie in einem Umluftofen und ermöglicht so Backen im Wohnwagen), aber einen „richtigen“ Ofen ersetzt er nicht. Darum feiern wir es sehr, endlich nochmal eine Pizza machen zu können. Bzw. gleich
zwei.
Einen kompletten Tag und eine ganze Nacht lang regnet und stürmt es. Wir machen es uns gemütlich, spielen, reden, setzen dem Prasseln auf dem Dach jede Menge 70er- und 80er-Jahre-Rock entgegen.
Auf Vertrauensbasis steht auf dem Platz ein Kühlschrank bereit, aus dem man sich bedienen kann: Limonaden, Wasser, regionaler Wein. Montenegro hat eine lange Weintradition; besonders bekannt ist
die autochthone Rebsorte Vranac, ein kräftiger, dunkler Rotwein, der gut zu langen Gesprächen und Gewitternächten passt. Auch weiße Sorten wie Krstač stammen ursprünglich aus dieser Region. In
dieser Nacht begleitet uns diverser montenegrinischer Wein durch Blitz und Donner.
Einen weiteren schönen und unerwarteten Moment erleben wir an einem Morgen: Wir schauen aus dem Wohnwagen – und sind von Kühen umringt. Kühe, Bullen, Kälber, eine ganze Herde. Unser erster Gedanke: Wie idyllisch. Vielleicht lässt ein Bauer in der Nachsaison seine Tiere hier grasen, damit sie das Gras kurzhalten. Erst später erfahren wir vom Bruder unserer Gastgeberin, der nach dem Rechten sieht: Das ist eine wilde Herde. Tiere, die niemandem gehören, die frei umherziehen und sich als Verband durch die weite Landschaft bewegen. Für uns ist es ein beeindruckendes Naturerlebnis. Für die Betreiberinnen des Platzes offenbar eher eine Herausforderung. Freundlich, aber bestimmt versucht der Bruder, mit Topf und Löffel Lärm zu machen und die Tiere Stück für Stück aus dem umzäunten Gelände hinauszulotsen. Sein gestikulierender Einsatz über die Wiese wirkt ebenso entschlossen wie leicht verzweifelt. Das Pferd der Tochter beobachtet die Szenerie mit sichtlicher Irritation. Wir stehen zugegebenermaßen amüsiert daneben, retten noch schnell die Basilikumpflanzen unserer Nachbarn, die bereits intensiv von einer der Kühe inspiziert wurden, und verfolgen das Schauspiel, bis sich die Herde langsam wieder in Bewegung setzt. Auch in den Folgetagen besucht uns hin und wieder eine Kuh, wir haben zum Glück keine Gartenkräuter dabei.
Es gibt keinen besseren Ort, um sich von Montenegro zu verabschieden. Ein kleines Land mit so viel Natur, Schönheit und beeindruckenden Kulissen.