Bribirska Glavica
Die archäologische Stätte Bribirska Glavica nahe Skradin wird als das „kroatische Troja“ bezeichnet. Ein recht hochgestochener Vergleich, aber was auf jeden Fall stimmt: Es ist beeindruckend,
aber auch ein bisschen verwirrend, wie viele „Schichten“ hier zu entdecken sind. Auf dem markanten Hügel überlagern sich Siedlungsschichten aus mehreren Jahrtausenden – von der liburnischen
Eisenzeit über die römische Antike bis ins Mittelalter.
Wir haben zunächst Probleme, die richtige Anfahrt zu finden. Das geschieht uns oft – vor allem an Orten, die nicht so touristisch erschlossen sind wie die großen, bekannten Ausgrabungen. Es gibt unzählige archäologische Stätten: Manche sind halb ausgegraben, manche wieder überwuchert, bei anderen gibt es kaum noch einen erkennbaren Weg. Wieder andere erschließen sich dem Auge je nach Jahreszeit – wenn das Gras im Frühling hochgewachsen ist, ist alles viel schwerer zu erkennen als im kargen August oder September. Manchmal ist es richtig schade, dass Gelder und Förderungen begrenzt sind, und später in Griechenland werden wir besonders spüren, wie traurig es ist, dass interessante Orte entweder gar nicht zu erreichen sind oder Personal fehlt oder nicht bezahlt werden kann, um Stätten das ganze Jahr über zugänglich zu machen.
Bribirska Glavica finden wir schließlich doch. Durch die kleinsten Orte schlängeln wir uns den Berg hinauf, es folgen einige verlassene, fast geisterhafte Häuser, und letztlich lassen wir das
Auto in einer vertrauenswürdig scheinenden Ausbuchtung stehen und steigen weiter zu Fuß hinauf. Das Areal liegt verlassen vor uns, wieder einmal kein Mensch weit und breit, dafür eine wundervolle
Aussicht. Bereits in vorrömischer Zeit befand sich hier ein bedeutendes Zentrum der Liburner, später entstand an gleicher Stelle die römische Stadt Varvaria. Im Mittelalter entwickelte sich
Bribir zu einem politischen Machtzentrum: Im 13. Jahrhundert wird der Ort zum Herrschaftssitz der einflussreichen Adelsfamilie Šubić von Bribir, insbesondere unter Pavao Šubić, einem der
mächtigsten Männer des damaligen Kroatiens. Die heute sichtbaren Reste seines Hof- und Burgkomplexes geben einen Eindruck davon, welche Bedeutung dieser Ort für die frühe kroatische Staatsbildung
hatte.
Der Vergleich mit Troja stammt aus der Erkenntnis, mit welcher außergewöhnlichen Kontinuität die Besiedlung hier stattfand: Schicht für Schicht lässt sie sich im Boden ablesen. Beim Rundgang bewegt man sich buchstäblich durch verschiedene Epochen – zwischen Mauerzügen, Fundamenten und freigelegten Strukturen, die aus ganz unterschiedlichen Zeiten stammen.
Mir ist bewusst, dass sich das auf Fotos nicht oder nur schwer einfangen lässt. Auf Fotos seht ihr am Ende wieder "nur" Ruinen und Steinmauern. Ich wünschte, ich könnte die Atmosphäre und das Gefühl wiedergeben, wie es ist, wenn man nach und nach dem Ziel, den Mauern, näher kommt, schließlich schnaufend oben auf einem Berg ankommt, sich dann nach und nach das Areal vor einem öffnet und man – nur begleitet von Wind und Grillengezirpe – durch diese geschichtsträchtigen Mauern läuft, sich über ein paar Infotafeln freut und sich einfach treiben lässt in dieser wundervollen Mischung aus Natur und alter Kultur. Das ist für Daniel und mich wahrscheinlich eine Definition von Glück.
Asseria
Kein Wunder, dass die Winnetou Filme in Kroatien gedreht wurden. Wir haben immer wieder ein "Wildwest Gefühl" wenn wir durch die fast steppenartige Landschaft laufen. Dann noch eine verfallene Schäferhütte umringt von Disteln und ein alter Bahnübergang - und man fühlt sich wie in einem Sergio Leone Klassiker. Es ist Anfang September und wir schwitzen bei über 30 Grad im Schatten. Auch wenn wir aktuell etwas weniger Programm haben als in den letzten Wochen und ein paar Strandtage geplant sind, packt uns doch wieder die Lust auf „ein paar Steine“. Man könnte sagen: ein absolut typischer Marisa-und-Dan-Tag, wie wir ihn lieben – ausschlafen, frühstücken, Sonnenhut auf, Sonnenmilch aufgetragen, Schuhe geschnürt und los geht’s auf einen touristisch wenig besuchten Hügel irgendwo in der Pampa, um alte Steinhaufen zu erforschen.
Heute erkunden wir Asseria, die Überreste einer liburischen, später römischen Siedlung. Liburisch bezeichnet die vorrömische Kultur der Liburner, eines illyrischen Volkes an der östlichen Adriaküste. Sie leben hier vor allem in der Eisenzeit (ca. 800–200 v. Chr.) und gründen befestigte Siedlungen, auf denen später viele römische Städte entstehen – darunter auch Asseria in der heutigen Region Bukovica. Als eine der wichtigsten liburnischen und später römischen Siedlungen Norddalmatiens liegt Asseria im Bereich des heutigen Dorfes Podgrađe. Die Besiedlung reicht kontinuierlich bis in die Eisenzeit zurück; schon in vorrömischer Zeit ist der Ort ein bedeutendes Zentrum der liburnischen Gemeinschaft. Die Stadt lag an einer wichtigen Straße, die von der Kolonie Jader (Zadar) ins Hinterland führt und mehrere Städte miteinander verband. Innerhalb der Stadtmauern erstreckte sich das Siedlungsgebiet über etwa 400 Meter Länge und 150 Meter Breite. Der Stadteingang befindet sich im Nordwesten, wo einst das Haupttor liegt. Später wird hier ein Triumphbogen errichtet, der um 113 n. Chr. zu Ehren Kaiser Trajans in die nördliche Stadtmauer integriert wird. Unterhalb der Siedlung erstreckten sich fruchtbare Felder. Asseria wurde über ein Aquädukt mit Frischwasser aus der Quelle Čatrnja versorgt, zusätzlich nutzte man Zisternen – eine davon wurde bei neueren archäologischen Untersuchungen entdeckt. Besonders eindrucksvoll sind heute die erhaltenen Stadtmauern aus massiven Kalksteinblöcken. Bekannt ist der Ort außerdem für die zahlreichen Cipus-Grabsteine, eine typische Form liburnischer Grabmonumente. Hinzu kommen Porträtstelen, Opferaltäre und viele weitere Steinmonumente, die von einer hoch entwickelten Steinmetztradition zeugen.
Das Leben in Asseria verläuft ruhig bis zu den großen Migrationen und Angriffen der Awaren und Slawen am Ende des 6. und zu Beginn des 7. Jahrhunderts. Erst im 15. Jahrhundert setzt wieder Bautätigkeit ein, als auf den Ruinen des römischen Forums die Friedhofskirche des Heiligen Geistes errichtet wird. Der Friedhof rund um die kleine Kirche dient bis heute als Dorffriedhof.
Sonne, Strand und Aperol zum Abschluss
Besser hätten wir uns von unserem Windschutzscheiben-und-Grenzübergang-Schrecken nicht erholen können. Nach sehr entspannten Tagen in Kroatien, in denen wir noch ein bisschen "Strandurlaub" genießen, brechen wir am Ende der ersten Septemberwoche nach Bosnien auf. Besser gesagt: nach Herzegowina. Wir werden nun vor allem den Südwesten von Bosnien Herzegowina erkunden und es warten Mostar, das Kloster Blagaj Tekke, Sarajevo, der Tito-Bunker und die wunderschöne Herzegowina-Neretva-Region auf uns. Außerdem jede Menge Geschichte - von Kriegsgrauen aber auch hoffnungsvollen Berichten über Überleben, Mut und Widerstand.