Rockstadt Extremefest
5 Tage Festival, 5 Tage Musik, Menschen, Eindrücke, rumänisches Essen, das ein oder andere Bier, Altbekanntes, Neuentdecktes... und das alles vor der wundervollen Kulisse der Burg von Râșnov im Herzen Transsilvaniens.
Das einzige Manko: das Festivalgelände ist zu klein geworden und darum sind in diesem Jahr nur Zelte gestattet. Wir müssen mit unserem Wohnwagen auf einem Campingplatz unterkommen. Da wir noch immer in der Hauptsaison reisen, habe ich im Vorfeld einen schönen Platz gebucht, "Heaven Camping" auf halber Strecke nach Bran ist ein echter Glücksfall. Denn wir lernen hier den besten, coolsten Menschen kennen! Radu!
Wir sind schon 2 Tage hier und dachten, nach und nach werden sich gewiss andere Metalheads einfinden, die mit Wohnmobilen, Vans oder Wohnwagen unterwegs sind. Aber Fehlanzeige. Keine langhaarigen Menschen mit Bandshirts weit und breit, nichts, was den Eindruck erweckt, dass bald das größte Metalfestival Osteuropas ein paar Kilometer weiter stattfindet. Und dann schlendere ich am Vorabend des Festivals hinüber zur Bar - der Campingplatz hat eine super schöne Gemeinschaftsecke mit Bar, Tischen, Stühlen, eine Wiese mit Hängematten, eine überdachte Küche mit Grill, man bekommt sogar frisch gezapftes Bier - und möchte den Mitarbeiter fragen, was wohl ein Taxi nach Râșnov am nächsten Tag kosten wird, da sehe ich einen jungen Typen mit Metallica-Shirt am Tresen stehen. Das ist meine Chance! Der will bestimmt zum Rockstadt und wir können vielleicht ein Taxi teilen! Und so lernen wir Radu kennen, einerseits Rumäne, andererseits Weltmensch. Was ein sympathischer, interessanter Typ. Durch den Beruf seines Vaters ist die Familie schon oft umgezogen und Radu hat auf dem halben Erdball gelebt. Nun studiert er in England, hat schon in Thom Yorkes Badezimmer erbrochen und wird vielleicht mal für die Formel 1 arbeiten ;-) (Hey Radu, ich hoffe es ist fein, ich musste es erzählen!) Irgendwann sage ich zu Daniel "Radu ist ein Anfang 20-jähriger mit der Seele und Erfahrung eines weisen, alten Mannes". Es war wirklich bereichernd und spannend sich auszutauschen, vieles über Rumänien zu erfahren und Radus Reflektierheit und Weitsicht hat uns beeindruckt. Einer der schönsten Kontakte, die wir während unserer Reise kennenlernen durften!
Wir fahren also -meist mit Radu zusammen- vom Campingplatz zum Festival und freuen uns darüber, wie entspannt die Anfahrt ist, abgesehen von der ein oder anderen Schafherde, die mal wieder den Verkehr verlangsamt. Selbst in dieser ländlichen Region gibt es Uber und wir bezahlen für eine Strecke von 12 km meist zwischen 25 und 35 Leu, das sind 5 bis 6 Euro... für uns absurd günstig.
Das Festival ist toll! Ja, es gibt auch ein paar kleinere Unwegsamkeiten bezüglich der Orga (viele Volunteers die hinter den Theken arbeiten und offensichtlich noch nie vorher ein Bier gezapft haben, lange Warteschlangen, Ausfall der Zapfanlage, merkwürdige Abrechnung über die digitalen Verzehrkarten) aber wir lassen uns die Stimmung durch diese Kleinigkeiten nicht vermiesen.Wir waren schon auf so vielen Festivals, in verschiedensten Ländern, aber das hier fühlt sich nochmal "besonders" an. Das Lineup ist unglaublich vielfältig, die Bands liefern mega ab und sind gut drauf, die Leute sind absolut freundlich, sympathisch... und alles wirkt so "exzessfrei" - im positivsten Sinne. Die Stimmung ist super, alle feiern, haben Spaß, grölen mit, tanzen, moshen... wie es sich gehört. Aber ich sehe keine super betrunkenen, unangenehme Menschen, die keine einzige Band sehen, weil sie seit 11 Uhr morgens in der Ecke liegen. Ich sag mal: kein Wacken-Feeling :-) Nach 26 Jahren Festivalerfahrung habe ich immer noch Lust auf Party, freiheitliches Feiern und den Alltag vergessen. Aber auf Komasäufer und "ich- hinterlasse- das- Gelände- und- den- Zeltplatz- als- ob- ich- noch- nie- was- von- Mülleimern- Rücksichtnahme- oder- generell- menschlichem- Zusammenleben- gehört- hätte- Leute" kann ich verzichten. Hier am Rockstadt herrscht ein herzliches Miteinander, die Stimmung ist harmonisch, auf dem Gelände sehe ich kaum Müll, ich habe nie das Gefühl von Unsicherheit oder unangenhemer Männlichkeit, die Vielfalt der Altersgruppen gefällt mir besonders gut und es gibt eine sehr rumänische Speisenauswahl. Mein Highlight bezüglich Festivalessen waren bisher die Schnecken mit trockenem Roséwein auf dem Hellfest (ja ja, die Franzosen :-D ). Hier gibt es nun: Kohlrouladen, Mici, Mămăligă (grober Maisgrieß ähnlich wie Polenta) verschiedenste gegrillte Würste, Salate, Burger, Halloumi, Fish&Chips, Sandwiches, Gemüse, natürlich Pizza und Pommes, Törtchen, Eis, Kuchen.... ach, ich lade die Menükarte in der Bildergalerie mal hoch. Wir waren zu Anfang etwas überfordert mit der großen Auswahl, haben uns in den 5 Tagen aber durchaus gut verköstigt :-)
Da die meisten Leser*innen mit dem Großteil der Bands nicht viel anfangen können, ergehe ich mich nun nicht in seitenlangen Rezensionen über einzelne Auftritte und beschränke mich auf ein paar "honorable mentions” und lade einfach Bilder und Videoschnipsel hoch, um die Stimmung ein wenig wiederzugeben. Ein Auszug von dem, was wir gesehen haben:
Extrem gut abgeliefert:
Kerry King, Machine Head, Mastodon, Night Demon, Dark Angel, Bane, Terrorizer (hier in besonderer Besetzung mit einem spielfreudigen David Vincent am Bass)
Intense:
envy, Scremo-Post-Rock-Geschichten aus Japan <3
1914 aus der Ukraine mit ihrer bedrückenden Videokunst zum 1. Weltkrieg
Carpenter Brut, französische-Darksynth-Mega-Show
Wardruna mit ihrer wundervollen norwegischen Folk-Hypnose
Neuentdeckung:
Witch Club Satan; nackte, politische, Free-Palestine-Black Metal-Nonnen – was will man mehr
Am Fost La Munte Și Mi-a Plăcut – atmosphärischer Postrock aus Bukarest, Romania
"Überraschend" viel Spaß gemacht (weil nicht so fett erwartet):
Kataklysm, Dying Fetus, Orange Goblin, Exhorder, Benighted, Septic Flesh
Beste Nieten:
Hellbutcher, of course
Leider schlecht:
Bloodboth - Nick Holmes Stimme (Paradise Lost) war leider zum davonlaufen schlecht.. wie auch bei Roger Miret. Agnostic Front touren weiter und weiter aber sind wir ehrlich: es ist es vorbei
Richtig cool zu sehen:
Blood Fire Death – Allstar-Bathory-Tribute-Freude
Schon oft gesehen und dann doch wieder so gut:
Asphyx, Wolfbrigade, Rotten Sound
Inmitten der ausgelassenen
Festival Stimmung möchten wir kurz innehalten und an einen einschneidenden Tag in der jüngeren rumänischen Geschichte denken.
Am 30. Oktober 2015 ereignete sich in Bukarest im Nachtclub Colectiv eine Brandkatastrophe. Während einer Album-Release-Party der
Metalband Goodbye to Gravity wurden auf der Bühne pyrotechnische Effekte gezündet. Diese setzten die leicht entflammbare
Schaumstoffdämmung an den Wänden und der Decke des Clubs in Brand. Innerhalb weniger Sekunden breitete sich das Feuer rasant aus und es kamen insgesamt 65 Menschen ums Leben.
Über 140 wurden schwer verletzt und zahlreiche Opfer starben erst
Tage später an den Folgen ihrer Verbrennungen und aufgrund von Infektionen in Krankenhäusern –ein Umstand, der später auch gravierende Mängel im rumänischen Gesundheitssystem offenlegte. Der
Brand löste landesweite Proteste aus. Viele Rumän*innen sahen darin ein Symbol für tief verwurzelte Korruption und Nachlässigkeit im Land: Der Club hatte trotz fehlender Brandschutzmaßnahmen eine
Betriebsgenehmigung erhalten. Der öffentliche Druck führte schließlich zum Rücktritt des damaligen Premierministers Victor Ponta und seiner Regierung. Die Tragödie von Colectiv führte zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über Verantwortung, Korruption und Sicherheitsstandards in Rumänien. Sie gilt bis heute als Wendepunkt in der rumänischen
Zivilgesellschaft und ist zu einem Symbol des Kampfes gegen Vetternwirtschaft und staatliche Fahrlässigkeit geworden.
Eines der Opfer war Adrian Rugina, ein bekannter Schlagzeuger der rumänischen Metalszene und Mitbegründer des Rockstadt Extremefest. Er rettete in der Nacht des Brandes mindestens 5 Menschen das Leben und erlag seinen dadurch entstandenen Verletzungen Tage später im Krankenhaus. Eine der Hauptbühnen ist seitdem nach ihm benannt um sein Andenken und seine Leidenschaft für Musik in Ehren zu halten.