Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen und ihre Kirchenburgen
Die Siebenbürger Sachsen, eine deutschsprachige Minderheit in Siebenbürgen, sind ein interessantes Kapitel europäischer Geschichte. Ihre Wurzeln reichen zurück ins 12. und 13. Jahrhundert, als ungarische Könige deutsche Siedler*innen einluden, das wenig bewohnte Transsylvanien zu beleben. Sie sollten das Gebiet besiedeln, wirtschaftlich stärken und gegen äußere Bedrohungen absichern. Die Menschen brachten ihre Handwerkskunst, Handelsfähigkeiten und landwirtschaftlichen Kenntnisse mit, errichteten prächtige Kirchenburgen und prägten die Region über Jahrhunderte kulturell und wirtschaftlich. Mit ihrer Autonomie, eigenen Schulen und selbstverwalteten Gemeinden lebten die Siebenbürger Sachsen relativ abgeschirmt und entwickelten eine eigenständige Kultur, die bis heute Spuren in der Architektur, Sprache und den Traditionen der Region hinterlässt.
Die Jahrhunderte des friedlichen Zusammenlebens wurden im 20. Jahrhundert durch politische Umbrüche jäh unterbrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderte sich die Lage dramatisch. Siebenbürgen gehörte nun zum Einflussbereich Rumäniens unter sowjetischem Druck, und die deutschsprachige Bevölkerung galt als "politisch verdächtig". Viele Siebenbürger Sachsen wurden deportiert oder in die Sowjetunion geschickt, zahlreiche Häuser und Höfe enteignet. Wer blieb, lebte unter strenger Überwachung, Einschränkungen und dem Druck der neuen kommunistischen Ordnung. Schon in diesen Jahren begann die erste Welle der Auswanderung: Wer konnte, floh nach Deutschland oder Österreich, oft unter Lebensgefahr, um dem Schicksal der Repressionen zu entkommen.
Während der kommunistischen Ära unter Gheorghe Ceaușescu (1965–1989) verschärfte sich die Lage erneut. Die Regierung zentralisierte Wirtschaft und Bildung, enteignete weiter Land, beschränkte die deutsche Sprache in Schulen und religiöse Freiheit in den Gemeinden. Viele Siebenbürger Sachsen sahen keine Zukunft mehr in Rumänien. Ab den 1970er-Jahren eröffneten Verhandlungen mit der Bundesrepublik Deutschland eine ungewöhnliche Möglichkeit: Ausreisewillige wurden gegen eine Art „Kaufpreis“ freigekauft. Tausende nutzten diese Chance, verließen ihre Dörfer und Städte und begaben sich in ein Leben im Westen, meist in Westdeutschland.
Nach dem Sturz Ceaușescus 1989 öffnete sich die Grenze endgültig. Nun konnten die verbliebenen Siebenbürger Sachsen frei ausreisen – die Migration erreichte ein neues Ausmaß. Zwischen 1990 und den frühen 2000er-Jahren verließen weitere Zehntausende ihre Heimat, oft aus wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, wegen geschlossener Schulen, aufgelöster Kirchengemeinden und mangelnder beruflicher Chancen. Die einst blühende deutschsprachige Gemeinschaft, die über Jahrhunderte das kulturelle Leben Siebenbürgens mitgestaltet hatte, schrumpfte drastisch: Heute leben nur noch wenige Tausend Siebenbürger Sachsen in Rumänien, während die Mehrheit in Deutschland, Nordamerika oder anderen Teilen Europas lebt.
Das Schicksal der Siebenbürger Sachsen ist also eng verbunden mit den politischen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts: vom sicheren Leben in ihren Dörfern über die Repressionen nach dem Zweiten Weltkrieg, die Enteignungen und Überwachungen unter dem Kommunismus bis hin zur Massenmigration in den Westen. Wer heute durch Siebenbürgen reist, begegnet ihren Kirchenburgen, Altstädten und Spuren einer jahrhundertealten Kultur, die trotz der dramatischen Verluste bis heute in der Landschaft und in den Geschichten der Orte lebendig ist.
Die Kirchenburgen Siebenbürgens
Inmitten der sanften Hügel, Wiesen und Wälder Siebenbürgens ragen sie bis heute auf: mächtige Mauerringe, Türme und Kirchen, die einst Zuflucht und Glaubenszentrum zugleich waren. Die sogenannten Kirchenburgen sind eines der markantesten Wahrzeichen Transsylvaniens und ein lebendiges Zeugnis jener Jahrhunderte, in denen Siedler*innen aus dem Westen Europas hier eine neue Heimat fanden – und sie gegen Feinde verteidigen mussten.
Ursprung und Geschichte
Die Geschichte der Kirchenburgen beginnt im 12. Jahrhundert, als der ungarische König Géza II. deutsche Siedler – die später als Siebenbürger Sächs:innen bekannt wurden – ins Land rief. Die neuen Bewohner:innen gründeten Dörfer und Städte und prägten die Region mit ihrem Handwerk, ihrer Sprache und ihrem Glauben (katholisch, später evangelisch-lutherisch). In einer Region, die über Jahrhunderte hinweg Einfälle und Kriege erlebte, wurde Sicherheit zum zentralen Thema des Alltags. So entstanden ab dem 14. Jahrhundert befestigte Kirchen – zunächst einfache Gotteshäuser, die schrittweise mit Wehrmauern, Türmen und Vorratsräumen ausgebaut wurden. Diese Anlagen boten den Dorfbewohner:innen im Ernstfall Zuflucht – samt Vorräten, Wasserbrunnen und Raum für Vieh. Mit der Reformation im 16. Jahrhundert wurden viele der Kirchen evangelisch, und die Kirchburgen entwickelten sich weiter zu kulturellen und religiösen Mittelpunkten des sächsischen Lebens in Siebenbürgen.
Aufbau und Funktion
Typisch für eine Kirchenburg ist die Verbindung aus Kirche und Verteidigungsanlage. Im Zentrum steht die Kirche – meist eine romanische oder gotische Saalkirche oder Basilika. Die Dachstühle der Kirchenschiffe wurden zu Wehrgeschossen ausgebaut. Die Chor- und Westtürme wurden verstärkt und erhielten Wehrgänge. Hauptportale wurden oft vermauert und stattdessen Seitenpforten geschaffen, um eine bessere Verteidigung zu ermöglichen. In einigen Kirchenburgen (wie Tartlau) wurden separate Wohnkammern innerhalb der Mauern eingericht. Umgeben wird eine Kirchenburg von einem oder mehreren Mauerringen, mit weitläufigen Wehrgängen, Schießscharten, Türmen und Speichern. Viele Türme wurden von einzelnen Dorfgemeinschaften – etwa von Handwerkszünften oder Familien – betreut, weshalb sie oft individuelle Merkmale tragen.
Im Frieden war die Kirche ein Ort des Glaubens und der Gemeinschaft, im Kriegsfall wurde sie zum Schutzraum für das gesamte Dorf. Zwischen den Mauern fanden Menschen, Tiere und Vorräte Platz, und durch die erhöhte Lage vieler Kirchburgen hatten die Bewohner*innen einen guten Überblick über das Umland.
Kulturdenkmal und UNESCO-Erbe
Von den ursprünglich rund 300 Kirchenburgen Siebenbürgens sind heute noch etwa 150 erhalten. Einige befinden sich in bemerkenswert gutem Zustand und gehören seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe, darunter Prejmer (Tartlau), Biertan (Birthälm) und Viscri (Deutschweißkirch). Sie sind nicht nur architektonisch besondere Bauwerke, sondern auch Symbole einer verschwundenen Lebenswelt: nach der Auswanderung so vieler Siebenbürger Sachsen erzählen sie noch heute die jahrhundertealte Geschichte des Siebenbürger Lebens.
Heute bemühen sich Stiftungen, lokale Initiativen und Nachkommen der ehemaligen Gemeinden, die Kirchburgen zu erhalten. Viele wurden restauriert und sind zugänglich, andere drohen zu verfallen. Einige dienen inzwischen auch als Veranstaltungsorte, Museen oder Orte der Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Die Kirchenburg von Honigberg (Hărman)
Wir besuchen als erstes die Kirchenburg von Honigberg, eine wirklich wunderschöne Anlage, die liebevoll in Stand gehalten wird und zu den eindrucksvollsten Wehranlagen des Burzenlandes gehört. Ursprünglich als romanische Basilika erbaut, wurde sie im 15. Jahrhundert zur mächtigen Festung ausgebaut – mit bis zu zwölf Meter hohen Mauern, sieben Wehrtürmen und mehreren Verteidigungsringen.
Innerhalb der Mauern gab es Brunnen, Vorratsräume und Wohnzellen für den Bürgermeister, Pfarrer, Handwerker und Dorfbewohner*innen sowie eine kleine Schule und eine extra Kapelle. So konnte auch während langen Belagerungen ausgeharrt werden – Honigberg wurde tatsächlich nie eingenommen und hielt allen Angriffen stand. Im Jahr 1612 gelang es den Menschen von Honigberg, sich erfolgreich gegen ein 7000 Mann starkes Heer zu verteidigen – ein Angriff des ungarischen Fürsten Báthory (hier begegnet uns das Adelsgeschlecht der Báthory also wieder, Gabriel Báthory war ein Cousin von Elisabeth Báthory, der "Blutgräfin" über die wir im Slowakei-Teil schon ausführlich berichtet haben.)
Heute kann man noch viele der ursprünglichen Bauteile bewundern: die wuchtige Ringmauer, die Wehrtürme und die angebauten Kammern. Besonders sehenswert sind die Fresken aus dem 15. Jahrhundert in der kleinen Kapelle des östlichen Turms, die Szenen des Jüngsten Gerichts zeigen und einen schönen Einblick in die Kunst der vorreformatorischen Zeit geben.
Die Kirchenburg von Tartlau (Prejmer)
Nach Honigberg führt uns unser Weg nach Tartlau – wieder eine beeindruckende und mächte Festung. Tartlau gehört seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wegen ihrer strategisch wichtigen Lage am Ausgang des Bosaupasses (Pasul Buzău), dem historischen Haupteinfallsweg nach Siebenbürgen, wurde die Burg besonders stark befestigt. Sie besaß über Jahrhunderte besondere Bedeutung und wurde zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert über 50 Mal angegriffen – die Kirchenburg selbst konnte jedoch nur wenige Male eingenommen werden.
Der Bau der Kirche begann um 1218 unter dem Deutschen Ritterorden und wurde nach dessen Vertreibung von den Zisterziensern fortgesetzt. Ursprünglich in Form eines griechischen Kreuzes angelegt, wurde sie zwischen 1512 und 1515 durch den Anbau zweier ungleicher Seitenschiffe und die Verlängerung des Mittelschiffs erweitert. Über der Vierung erhebt sich seit 1461 ein hoher Glockenturm, der die Silhouette der Anlage prägt.
Die Kirche selbst wurde hier nicht befestigt, sondern durch die mächtigen Ringmauern geschützt. Diese sind bis zu 14 Meter hoch, mit fünf Türmen, einem Zwinger und einem Wassergraben versehen. In das Innere gelangt man durch einen 30 Meter langen Eingangstunnel, der mit Fallgittern und schweren Eichentoren gesichert ist – schon dieser Zugang vermittelt eindrucksvoll das Gefühl einer echten Festung.
Die Innenseite der massiven Ringmauer ist mit über 270 Kammern bebaut, die als Vorratsräume und Wohnzellen dienten. Sie boten im Ernstfall Platz für bis zu 1.600 Dorfbewohner*innen. Besonders bemerkenswert sind die vollständig erhaltenen viergeschossigen Gaden, hinter denen ein Wehrgang verläuft. Heute sind einige der Kammern als Museumsräume hergerichtet, andere lassen sich noch in ihrer ursprünglichen Form besichtigen. Zwischen den Kammern führen schmale Treppen und Gänge entlang der Mauern, über die man zu den Pechnasen und Schießscharten gelangt. (Eine Pechnase oder auch Pechschnauze oder Pechloch ist ein architektonisches Verteidigungselement an mittelalterlichen Wehrbauten, wie Burgen oder eben auch Kirchenburgen. Sie befindet sich meist über Toren oder an den Mauervorsprüngen und besteht aus einer nach unten offenen Stein- oder Holznase - eine Art Ausguss oder Schacht. Durch diese Öffnung konnte man im Belagerungsfall heiße Flüssigkeiten wie Pech, Öl oder Wasser, aber auch Steine oder brennendes Material auf Angreifer gießen, die sich am Tor zu schaffen machten.) Das Herumklettern in diesen dunklen, verwinkelten Wehrgängen ist ein ganz besonderes Erlebnis. Wir versuchen zu zählen, wie oft man die Kirchburg umrunden kann: einmal im Hof, einmal über die äußeren Leiter, Holzplanken und Außengänge, dann durch Wehrgang "1" dann nochmal eine Runde im oberen Wehrgang und ganz oben unter das Gebälk kommen wir nicht mehr. Es ist beeindruckend und macht großen Spaß die versteckten Winkel und Gänge zu erkunden.
Die Kirchenburg von Stolzenburg (Slimnic)
Unsere nächste Kirchburg steht im Kontrast zu den bestens restaurierten und in Stand gehaltenen Anlagen zuvor. Über dem Ort Slimnic thront die weitläufige Ruine von Stolzenburg. Ihr Sitz liegt strategisch am Nordrand des alten Siebenbürgen – einst kontrollierte sie den Weg zwischen Hermannstadt (Sibiu) und Mediaș. Viele Teile der Burg sind verfallen oder unvollständig. Die Kirche wurde nie ganz fertiggestellt, die Westmauer aus dem 15. Jahrhundert trägt Schießscharten, aber vom prächtigen Innenleben ist fast nichts erhalten. Zwischen 1718 und 1720 kommt es in Siebenbürgen zu einer Pestepedemie und Stolzenburg, das unter den Kuruzenaufständen schwer beschädigt wurde, wird komplett aufgegeben. Nach der Epedemie nutzt die Bevölkerung Steine und übrig gebliebene Bestandteile der Burg als Baumaterial für die umliegenden Dörfer.
Die Kuruzen
Im frühen 18. Jahrhundert wird Stolzenburg während der sogenannten Kuruzenaufstände schwer beschädigt. Die Kuruzen sind ungarische Aufständische, die sich gegen die Habsburger Herrschaft erheben. Nach der Eroberung Ungarns durch die Habsburger verlieren viele ungarische Adelige ihre alten Rechte, während die Bevölkerung unter hohen Steuern, Zwangsrekrutierungen und der strikten Rekatholisierungspolitik leidet. Aus dieser Unzufriedenheit entsteht eine Bewegung, die sich bald zu einem regelrechten Volksaufstand entwickelt. Die Kuruzen bestehen aus einer bunten, oft unberechenbaren Mischung von Menschen: verarmte Adelige, enteignete Bauern, entlaufene Soldaten, Abenteurer und Wegelagerer schließen sich zusammen, um gegen die kaiserlichen Truppen – die sogenannten Labanc – zu kämpfen. Was sie eint, ist die Hoffnung auf Freiheit, soziale Gerechtigkeit und nationale Selbstbestimmung, aber auch die Wut auf eine Macht, die sie als fremd und unterdrückend empfinden.
In Siebenbürgen kommt es in dieser Zeit immer wieder zu Gefechten und Plünderungen. Auch Stolzenburg gerät in den Strudel dieser Kämpfe: 1716 greifen die Kuruzen die Kirchenburg an und setzen sie in Brand. Große Teile der Anlage werden zerstört, und die Ruine wird nie wieder vollständig aufgebaut.
So wie an vielen Orten Siebenbürgens hinterlässt der Aufstand auch hier seine Spuren. Die Kuruzen gelten in Ungarn bis heute als Symbol des Widerstands und des Freiheitskampfes, doch in den betroffenen Dörfern blieben ihre Feldzüge vor allem als Zeit der Angst, Zerstörung und Unsicherheit im Gedächtnis. Die überwachsenen Mauern von Stolzenburg erzählen davon bis heute.
Die Kirchenburg von Wurmloch (Valea Viilor)
Zuletzt besuchen wir die Kirchenburg Wurmloch und diese kleine Anlage bildet einen besonders schönen Abschluss unserer "Kirchenburgen-Exploration". (Ja, ein drolliger Name, "Honigberg" war schon toll aber "Wurmloch" auf die 1 :-D )
Wir sind uns zunächst unsicher, ob wir durch das Tor treten sollen – ein Schild verweist auf eine geschlossene Gesellschaft an diesem Tag. Aber wir werden bemerkt und direkt hinein gebeten und wir erleben, wie hier noch eine der ursprünglichen Ideen der Kirchburg gelebt wird: ein Ort des Zusammenkommens der Dorfgemeinschaft, ein Treffpunkt, eine Möglichkeit sich zu begegnen. Die Bewohner*innen des Ortes sind an diesem Sonntag zusammengekommen, haben eine lange Tafel im Innenhof gedeckt, es gibt Kaffe, Kuchen und angeregten Schnack. Wir wollen nicht stören, aber eine nette Frau begrüßt uns auf "siebenbürger Deutsch" und zeigt uns sofort mit Begeisterung die Anlage. Ich muss lächeln – der typische siebenbürgisch-sächsische Dialekt lässt mich an meine Herzensfreundin und ewig beste Münster-Mitwohni Anita denken. Ihre Familie kommt aus Siebenbürgen und bei ihren Eltern habe ich diese besondere Färbung das erste Mal in meinem Leben wahrgenommen. (Ach Nitsen, ich denke hier in Rumänien so oft an Dich! Nach Hermannstadt fahren wir als nächstes!)
Es ist wunderbar, diesen belebten Ortsmittelpunkt erkunden zu dürfen. Unsere "Gastgeberin" zeigt uns in der Kirche einen "Geheimgang" durch den man gedukt in den Glockenturm gelangt. Ich traue mich nicht die engen Gänge und vor allem die offenen Holzstreben entlang zu klettern aber Daniel erforscht das alte Gestühl und Gebälk und die Fotos zeigen wie abenteurlich dies ist.