Die Windschutzscheibe, Kroatien und die Grenze des Grauens
Aus einem totalen Hochgefühl kommend – perfekte Tage in Belgrad liegen hinter uns – wollen wir unsere nächsten Tage planen, in denen es Richtung Bosnien gehen soll. Dann die Ernüchterung: Unsere Windschutzscheibe ist gebrochen. Ein Steinschlag, der keine kleine Macke hinterlassen hat, sondern einen Bruch, der sich durch die gesamte Scheibe zieht. Schon wieder ist etwas kaputt, schon wieder müssen Zeit, Nerven und Geld in Werkstattsuche, Reparatur und geänderte Reisepläne investiert werden.
Erst einmal sind wir gelähmt und haben überhaupt keine Energie, uns um Lösungen zu kümmern. Nach und nach versuchen wir es dann doch. Eine große Hilfe sind die supernetten Mitarbeiter*innen vom Camping Dunav. Es wird für uns herumtelefoniert, persönliche Werkstatt-Connections werden genutzt, es wird übersetzt – leider ohne Erfolg. Das Problem: Es handelt sich nicht um eine einfache Windschutzscheibe, sondern – wie es heute bei modernen Autos oft der Fall ist – um ein komplexes technisches Sonderstück. Die Scheibe hat eine eingebaute Kamera und kann nicht „einfach so“ getauscht werden. Prognose: Die Scheibe zu bestellen dauert zwei bis drei Wochen. Wir sind frustriert.
Schließlich finden wir selbst eine Lösung, mit der wir zufrieden sind: Eine Werkstatt in Zagreb kann tatsächlich in kürzester Zeit eine Scheibe beschaffen. Wir haben Kontakt mit einem netten Werkstattmenschen, der perfekt Englisch spricht und per Telefon und E-Mail äußerst hilfsbereit ist. Wir planen unsere Reise also um und brechen nach Zagreb auf.
Kroatien wollten wir auf dieser Tour eigentlich weglassen, da es ein Land ist, das wir schon ein paar Mal sehr ausführlich bereist haben. Mich schmerzt es ein wenig, dass wir nun den Norden von Bosnien auslassen müssen – eine Gegend, auf die ich mich mit am meisten gefreut habe. Aber ich will mich nicht beschweren: Wir sind überglücklich, dass wir eine so rasche Lösung gefunden haben.
Wir reisen donnerstags von Belgrad nach Zagreb und können schon am Montag das Auto in die Werkstatt bringen und alles erledigen lassen. Und das Schlechteste ist es auch nicht, in vertraute Gefilde zu reisen. Dann eben doch noch einmal ein bisschen EU zwischendurch – inklusive perfekter Straßen und einfachem Vorankommen.
Nun ja, so wird es in Kroatien selbst dann tatsächlich auch sein, aber die Fahrt dorthin?!
Der Grenzübergang von Serbien nach Kroatien entpuppt sich als eines der Top-5-nervenaufreibendsten Dinge, die wir während der Reise zu bewältigen haben. Das Chaos, das sich dort offenbart, kann ich nachträglich kaum in Worte fassen.
Wir befinden uns in der letzten Augustwoche, also immer noch in der Hauptsaison. Hunderte (mehr?) Reisende mit Autos, Wohnmobilen und Wohnwagen wollen über die Grenze, dazu Reisebusse und LKWs. Und all das geschieht ohne erkennbare Straßenführung, ohne System, ohne Regelungen. Leute – es ist der helle Wahnsinn.
Ich weiß mittlerweile, dass wir „Glück“ hatten. Später lese und höre ich von Menschen, die an dieser Grenze zwischen neun und zwölf Stunden gebraucht haben. Wir schaffen es letztlich in vier Stunden, und ich kann Daniel nur loben, der in diesem Moment am Steuer sitzt, Nerven aus Stahl beweist und durchhält, bis wir schließlich ausgelaugt auf kroatischer Seite ankommen.
Man kann sich dieses Chaos kaum vorstellen. Es gibt keine „Schlangen“, nur einen riesigen Wust an Fahrzeugen, die kreuz und quer stehen, fahren – oder zumindest versuchen zu fahren –, hupen und sich in Richtung vermeintlicher Kontrollpunkte quetschen. Dazwischen "Fußgänger", die es in ihren Fahrzeugen nicht aushalten, rauchen müssen, rumlaufen wollen und das Chaos perfekt machen, in dem sie sich überall an den Autos vorbeidrängen, im toten Winkel stehen, sich beinahe über die Füße fahren lassen.
Und das alles für uns mit einem zwölf Meter langen Gespann. Meine Nerven!
Wenigstens ist es so anstrengend und nervenaufreibend, dass ich glatt die eigentliche Sorge vergesse: Kommen wir mit der kaputten Scheibe eigentlich über die Grenze? Oder winkt uns ein eifriger kroatischer Polizist heraus und sagt: „Nein, nein, so können Sie aus Sicherheitsgründen nicht weiterfahren.“ (Der nette Campingplatzmitarbeiter versicherte uns, dass es in Serbien definitiv scheißegal sei :-D)
Das Highlight folgt dann im Niemandsland – nach dem Austritt aus Serbien, aber noch vor dem Eintritt nach Kroatien: Uns fährt jemand von hinten in den Wohnwagen. Was soll ich sagen?! Mitten in einem hupenden Chaos aufgebrachter, genervter Menschen, eingequetscht zwischen Autos und Wohnmobilen, ohne jede Möglichkeit, irgendwohin zu fahren oder an den Rand zu kommen, lassen wir es einfach über uns ergehen. Eine weitere Klärung ist nicht möglich. Was soll man machen, vor allem wenn zunächst kein größerer Schaden zu sehen ist? Die Verursacher kommen aus Deutschland, ein schicker BMW, und es wird behauptet, sie seien uns gar nicht aufgefahren. Was will man in diesem Niemandsland zwischen zwei Grenzen tun, umringt von Hunderten (Tausenden?) Autos? Wen soll man hinzuziehen?
Daniel hofft einfach, dass es bei der scheinbaren Unversehrtheit bleibt und nichts Schlimmeres passiert ist. Durch das kaum vorhandene Tempo, mit dem das Auffahren passiert sein muss, hoffen wir auf einen glimpflichen Ausgang. Wir wollen einfach nur raus – irgendwie in Kroatien ankommen. Und ja: Wir haben mal wieder Glück im Unglück. Die Heckschürze des Wohnwagens ist eingedrückt, und eine Gummidichtung muss neu geklebt werden, aber Daniel kann dies später selbst beheben.
Wir werden schließlich belohnt mit einer einfachen Anfahrt zum Camp Vugec plac und einem schönen Stellplatz nahe des hauseigenen Pools – und nur zwei Kilometer entfernt von der Werkstatt, die wir am Montag besuchen. Es wird alles wunderbar funktionieren, die Werkstattmitarbeiter sind total nett und versichern uns, dass wir in 3 bis 4 Stunden unser Auto abholen können. Wir vetreiben uns die Zeit in Samobor, dem kleinen historischen Ort, der sich perfekt eignet um sich die kleine Altstadt mir Marktplatz anzuschauen und eine regionale Spiezialität zu genießen: Samoborska kremšnita, eine Cremeschnitte aus verschiedenen Schichten Blätterteig mit einer Vanille-Eier-Creme. Klingt dekadent, ist auch so :-)
Ein Ausblick und ein kleiner Rückblick auf Kroatien
Ich trauere noch ein bisschen der verlorenen Route durch Bosnien hinterher, aber wir finden einen guten Kompromiss. Nach sehr viel Input in den letzten Wochen und recht schnellem Vorankommen nutzen wir Kroatien nun für das typische „Adria-Sommerurlaub-Gefühl“ und suchen uns nach Zagreb einen Campingplatz an der Küste in der Nähe von Zadar.
Hier werden wir ein paar Strandtage einlegen und kleinere Ausflüge in der Region machen. Danach fahren wir in den südlichen Teil von Bosnien-Herzegowina und können auf dem Weg nach Montenegro noch wichtige Punkte wie Mostar und Sarajevo mitnehmen. In Kroatien tut es gut, nicht so viel Programm zu haben, da wir in vergangenen Urlauben bereits die meisten Highlights besichtigt haben.
Es ist ein wirklich wunderschönes Land mit zahlreichen historischen Einflüssen. Römische Wurzeln bilden in vielen Städten die Grundlage der heutigen Stadtstrukturen, sichtbar in Amphitheatern, Palästen und antiken Straßenzügen. Entlang der Adriaküste prägen venezianische und byzantinische Einflüsse das Stadtbild, während im Norden und in Städten wie Zagreb, Rijeka oder Opatija die Architektur und Stadtplanung der habsburgischen beziehungsweise k.u.k.-Zeit dominieren.
Im Landesinneren und in ehemaligen Grenzregionen lassen sich osmanische Einflüsse erkennen, insbesondere in Festungsanlagen, historischen Grenzverläufen und kulturellen Spuren. Hinzu kommen mittelalterlich-kroatische Traditionen sowie die sichtbaren Hinterlassenschaften des 20. Jahrhunderts aus der Zeit Jugoslawiens. Ein spannendes historisches Mosaik, das weit mehr zu bieten hat als bekannte Buchten und türkisblaues Meer.
In der Hauptsaison würde ich Kroatien allerdings nicht unbedingt empfehlen. 2024 verzeichnete Kroatien über 20 Millionen Touristinnen-Ankünfte und nahezu 94 Millionen Übernachtungen in gewerblichen Unterkünften. Ein großer Teil der Besucher*innen kommt aus Deutschland. Kroatien rangiert mittlerweile auf Platz 7 der Top-Reiseziele der Deutschen. Sich als Deutsche über andere Deutsche im Ausland zu beschweren, ist natürlich ein schmaler Grat – aber was soll ich sagen: Wenn man viel unterwegs ist, fallen einem immer wieder bestimmte Verhaltensweisen auf, die typisch sind. Natürlich nicht nur bei Deutschen. Aber ich kann wirklich nicht behaupten, dass mir Deutsche im Ausland die liebsten sind. Dazu irgendwann mehr – wenn wir Heinz treffen, der in seinem Wohnwagen einen Rechen herumfährt und den Griechen zeigt, wie man ordentlich fegt und Klarschiff macht …
Als wir vor der Euro-Einführung in Kroatien waren, konnten wir es uns leisten, fast jeden Abend essen zu gehen, und auch die Selbstversorgung auf Märkten und in Supermärkten war extrem günstig. Seit der Umstellung auf den Euro und der hohen Inflation ist Kroatien deutlich teurer geworden. Darüber möchte ich mich nicht als Touristin beschweren, sondern frage mich, wie die Kroat*innen ihren Alltag finanzieren. In touristischen Regionen liegen Restaurant- und Freizeitpreise inzwischen häufig auf deutschem Niveau. Gleichzeitig verdienen viele Menschen vor Ort deutlich weniger: Der durchschnittliche Monatslohn liegt bei rund 1.300–1.400 Euro netto, der gesetzliche Mindestlohn bei etwa 970 Euro brutto. Während 85–90 % der touristischen Übernachtungen von ausländischen Gästen stammen, müssen viele Einheimische mit gestiegenen Lebensmittel- und Energiekosten ihren Alltag bestreiten – Preise, die sich schneller an den Tourismus anpassen als die Einkommen der Bevölkerung.
Eine Touri-Attraktion sparen wir uns übrigens (u.a. aus finanziellen Gründen) doch: Wir haben es trotz mehrfacher Kroatien Urlaube noch nicht nach Dubrovnik geschafft. Und auch dieses Mal lassen wir es aus. So schön die Stadt sein soll – selbst Anfang September ist sie so überlaufen, dass man ein starkes Nervenkostüm braucht, um sich durch die Massen zu schlängeln. Und die sagenumwobene Stadtmauer zu besteigen kostet für 2 Personen mittlerweile 80 Euro! Da passen wir. Es warten noch so viele wunderschöne Orte auf uns, da können wir es verkraften einen nicht gesehen zu haben.
Kroatien gliedert sich in mehrere sehr unterschiedliche Regionen, die landschaftlich, kulturell und historisch jeweils eigene Schwerpunkte setzen. Der Norden und das Landesinnere sind geprägt von kontinentalem Klima, historischen Städten und Flusslandschaften, während sich entlang der Adriaküste mediterrane Küstenregionen mit Inseln, Buchten und Nationalparks erstrecken. Zu den bekanntesten Regionen zählen Istrien im Nordwesten mit seinen venezianisch geprägten Städten, die Kvarner-Bucht mit ihren Hafenstädten und Inseln, Dalmatien mit seiner zerklüfteten Küste sowie das kroatische Binnenland rund um Zagreb.
Neben sehenswerten Städten wie Rovinj, Pula, Rijeka, Split, Šibenik und Dubrovnik prägen zahlreiche Nationalparks das Bild Kroatiens. Besonders bekannt sind die Plitvicer Seen, ein weitläufiges System aus Seen, Wasserfällen und Holzstegen, das zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört. Ebenfalls oft besucht sind die Wasserfälle im Krka-Nationalpark, die für ihre terrassenförmigen Kaskaden und die Verbindung von Natur- und Kulturlandschaft bekannt sind.
All diese wundervollen Orte können wir nur empfehlen. Wer Kroatien noch nicht bereist hat und ein gut erreichbares Ziel mit verlässlicher Infrastruktur sucht, für den*die lohnt sich das Land – besonders in der Nebensaison – auf jeden Fall. Auch mit Wohnwagen ist Kroatien sehr gut machbar: Die Entfernung ist noch überschaubar, und das Land bietet eine gelungene Mischung aus Natur, Kultur und Badeurlaub und ermöglicht ein unkompliziertes Reisen.