Gjirokastër - die steinernde Stadt und eine Burg mit so viel Geschichte

 

„Es war eine seltsame Stadt und schien, als sei sie eines Winternachts in das Tal geworfen worden,
wie ein prähistorisches Wesen, das sich nun den Berghang hinaufkrallt.

Alles in der Stadt war alt und aus Stein gemacht – von den Straßen und Brunnen bis zu den Dächern

der weitläufigen, altertümlichen Häuser, bedeckt mit grauen Schieferplatten wie mit Schuppen …“

aus "Chronik in Stein" von Ismail Kadare

 

Unser Tag beginnt komfortabel: der freundliche Sohn der Campingplatzfamilie chauffiert uns hinauf zur Burg und spricht in perfektem Englisch mal wieder ausgiebig über deutsche Autos. Die Familienkutsche ist ein alter Mercedes, alle lieben das in die Jahre gekommene Fahrzeug. Weder Daniel noch ich interessieren uns für Autos und nicken stets höflich das Meiste ab, wenn mal wieder Menschen mit höchster Freude über das vermeitliche Lieblingsthema der Deutschen mit uns sprechen wollen.

 

Gjirokastër gehört seit 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe und wird oft als „Stadt der Steine“ bezeichnet. Der Name ist wörtlich zu nehmen: Die Häuser der Altstadt bestehen fast vollständig aus lokalem Stein, mit schiefergedeckten Dächern und massiven Mauern. Viele dieser Gebäude stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert.

Historisch entwickelte sich Gjirokastër als wichtiges regionales Zentrum innerhalb des Osmanischen Reiches. Die Stadt lag an Handelsrouten und profitierte von ihrer strategischen Lage. Wohlhabende Kaufleute und Verwaltungsbeamte ließen große, oft mehrstöckige Häuser errichten, die gleichzeitig Wohn- und Repräsentationszwecken dienten.

Im 20. Jahrhundert wurde Gjirokastër Teil des unabhängigen albanischen Staates. Während der kommunistischen Zeit (1944–1991) spielte die Stadt eine besondere Rolle, da hier Enver Hoxha geboren wurde. Sein Geburtshaus ist heute ein Museum. Die Altstadt blieb während dieser Zeit weitgehend erhalten.

Die Burg von Gjirokastër ist eine der größten Burganlagen auf dem Balkan. Die Ursprünge der Anlage reichen vermutlich bis ins 12. oder 13. Jahrhundert zurück, als hier eine erste Befestigung der regionalen Feudalherren stand. Ihre heutige Form erhielt die Burg jedoch vor allem im 19. Jahrhundert unter der Herrschaft von Ali Pascha von Tepelena, der sie massiv ausbauen ließ. Die Anlage zieht sich langgestreckt über einen Bergrücken und bietet wundervolle Ausblicke über die Stadt mit ihren charakteristischen Steinhäusern und die umliegenden Berge Südalbaniens.

 

Ali Pascha von Tepelena – Macht und Autonomie im Osmanischen Reich

Ali Pascha (ca. 1740–1822) war eine der prägendsten Figuren in der Geschichte Südalbaniens und Epirus (Griechenland). Geboren in Tepelena, entwickelte er sich im späten 18. Jahrhundert zu einem der mächtigsten regionalen Herrscher.

Er stieg von einem lokalen Bandenführer zu einem semi-autonomen Herrscher über weite Teile des heutigen Albaniens, Griechenlands und Mazedoniens auf. Sein Machtzentrum war die Stadt Ioannina im heutigen Griechenland, aber er hatte auch einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung von Gjirokastër.

In Albanien und Griechenland spielte Ali Pascha eine ambivalente Rolle. Einerseits unterwarf er unzählige lokale Clans und Fürsten, was zu einer gewissen Vereinheitlichung und Stabilität in einer ansonsten zerstrittenen Region führte. Er investierte in die Infrastruktur, förderte Handel und Handwerk und baute beeindruckende Festungen und Brücken. Für viele war er ein brutaler, doch effektiver Staatsmann, der versucht, die Region unabhängiger vom Osmanischen Reich zu machen.

Andererseits war er bekannt für seine grausamen Methoden, seine politische Rücksichtslosigkeit und seinen Machthunger. Er nutzte Bündnisse mit europäischen Mächten wie Frankreich und Großbritannien, um seine eigene Position zu stärken, auch wenn diese Allianzen oft nur von kurzer Dauer waren und seinen wechselnden Interessen dienten. Er unterdrückte Aufstände und scheute sich nicht vor Gewalt, um seine Autorität durchzusetzen.

Gjirokaster erlebte unter Ali Paschas Einfluss eine Blütezeit als militärischer und administrativer Stützpunkt. Ali Pascha ließ die Burg erheblich ausbauen, verstärkte ihre Verteidigungsanlagen und integrierte sie in sein regionales Machtsystem. Obwohl seine Herrschaft die Stadt vor äußeren Bedrohungen schützte und zu einem gewissen Aufschwung führte, wurde die Bevölkerung gleichzeitig stark besteuert und in vielen Belangen unterdrückt. 1822 wurde er nach einer Belagerung in Ioannina getötet.

Ali Paschas Erbe ist bis heute Gegenstand intensiver Debatten: Er wird von einigen als nationaler Held gefeiert, der den Grundstein für die albanische Staatlichkeit legte, während andere ihn als tyrannischen Despoten verurteilen.

 

Interessante Persönlichkeiten aus Gjirokastër

Innerhalb der Burgmauern befinden sich mehrere Bereiche, die besichtigt werden können. Es geht um Kriegsgeschichte, Hoxha, die Entwicklung der Stadt, die berühmten Steinhäuser sowie bekannte Besucher*innen und bedeutende Söhne und Töchter der Stadt.


Lord Byron und Edward Lear, Urani Rumbo und Musine Kokalari und natürlich Ismail Kadare.

Lord Byron wird als einer der frühen europäischen Besucher gezeigt, der Anfang des 19. Jahrhunderts durch die Region reiste und sich auch im Umfeld des Herrschers Ali Pascha bewegte. Seine Texte vermitteln eine romantisch geprägte Sicht auf Landschaft und Gesellschaft, die in Westeuropa große Aufmerksamkeit fand. Edward Lear, der einige Jahrzehnte später hier unterwegs war, nähert sich der Region anders: als Zeichner und genauer Beobachter. Seine Beschreibungen und Skizzen gelten heute als wichtige Zeugnisse für das damalige Erscheinungsbild der Stadt.

Auch gesellschaftliche Entwicklungen des frühen 20. Jahrhunderts werden thematisiert, und es freut mich, dass vor allem zwei Biografien von Frauen hervorgehoben werden: Zum einen Urani Rumbo (1895–1936). Sie gehört zu den prägenden Figuren der frühen Frauenbewegung in Albanien. Ihr Wirken konzentrierte sich stark auf Bildung, gesellschaftliche Teilhabe und öffentliche Sichtbarkeit von Frauen – Themen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Albanien noch keineswegs selbstverständlich waren. Sie wurde in Stegopul bei Gjirokastër geboren und arbeitete später als Lehrerin. Ihre Tätigkeit ging jedoch deutlich über den Unterricht hinaus. Rumbo verstand Bildung als zentrales Instrument gesellschaftlicher Veränderung und setzte sich gezielt dafür ein, Mädchen den Zugang zu schulischer Ausbildung zu ermöglichen. 1919 gründete sie in Gjirokastër eine Schule für Mädchen, die zu den ersten ihrer Art gehörte. Ein wichtiger Schritt folgte 1920 mit der Mitgründung der Organisation „Lidhja e Grave“ (Frauenbund). Diese Initiative verfolgte das Ziel, die Stellung von Frauen in der Gesellschaft zu verbessern. Dabei ging es nicht nur um Bildung, sondern auch um konkrete Fähigkeiten, die Frauen ein eigenständigeres Leben ermöglichen sollten.

Außerdem erfahren wir interessante Details zu Musine Kokalari (1917–1983). Sie war eine der bedeutendsten intellektuellen Persönlichkeiten Albaniens im 20. Jahrhundert – und zugleich ein Beispiel für die Repression während der kommunistischen Diktatur. Sie wurde 1917 in Adana im damaligen Osmanischen Reich (heute Türkei) geboren und wuchs in Gjirokastër auf. Ihre Familie stammte aus der Stadt, mit der sie ihr Leben lang eng verbunden blieb. Später studierte sie Literatur in Rom und begann bereits in jungen Jahren zu schreiben. Sie gilt als erste Frau in Albanien, die literarische Werke veröffentlichte. Ihre Texte griffen häufig Alltag, Sprache und Traditionen Südalbaniens auf und haben damit auch einen dokumentarischen Charakter. Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sie sich politisch und setzte sich für ein demokratisches System ein. Sie war Mitbegründerin einer sozialdemokratisch orientierten Bewegung und trat für Meinungsfreiheit und politische Vielfalt ein. Damit geriet sie früh in Konflikt mit den Kommunist*innen unter Enver Hoxha, die ihre Macht zunehmend ausbauten. 1946 wurde Musine Kokalari verhaftet und in einem politischen Prozess zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sie verbrachte viele Jahre im Gefängnis, während zwei ihrer Brüder bereits zuvor ohne Gerichtsverfahren hingerichtet worden waren. Nach ihrer Entlassung blieb sie weiterhin unter staatlicher Kontrolle. Sie durfte weder veröffentlichen noch in ihren ursprünglichen Beruf zurückkehren. Stattdessen wurde sie zur Zwangsarbeit verpflichtet und lebte isoliert unter Beobachtung. Erst in den letzten Jahren ihres Lebens wurde die Überwachung etwas gelockert, gesellschaftlich blieb sie jedoch ausgegrenzt. Sie starb 1983. Heute gilt Musine Kokalari als Symbol für intellektuellen Widerstand in Albanien. Ihre Lebensgeschichte steht exemplarisch für viele Menschen, die aufgrund ihrer politischen Haltung verfolgt wurden.

 

Die Steinhäuser Gjirokastërs

Eine Tafel der Ausstellung widmet sich den sogenannten „fortified tower houses“, den befestigten Wohnhäusern, die das Stadtbild von Gjirokastër prägen. Erläutert wird, dass viele dieser Gebäude im 18. und 19. Jahrhundert entstanden, als die Stadt ein bedeutendes Zentrum innerhalb des Osmanischen Reiches war. Die Häuser gehörten wohlhabenden Familien, Händler*innen und Verwaltungsbeamten. Ihre Architektur verband Wohnfunktion und Repräsentation mit defensiven Elementen: hohe Steinmauern, wenige Öffnungen im unteren Bereich und eine Bauweise, die auch Schutz in konfliktreichen Zeiten bot. Hinweise auf familiäre Rivalitäten und lokale Machtstrukturen zeigen, dass diese Bauweise nicht nur symbolisch war, sondern ganz praktische Hintergründe hatte.

 

Ein bekanntes Zitat des albanischen Schriftstellers Ismail Kadare habe ich schon an den Anfang gesetzt. Er beschreibt Gjirokastër als eine vollständig aus Stein gebaute, kompakte Stadt, die sich eng an den Berghang schmiegt und fast zeitlos wirkt. An anderer Stelle beschreibt Kadare Gjirokastër als ein prähistorisches Wesen, das sich an den Berghang klammert. Es entsteht dabei das Bild einer Echse: Die schiefergedeckten Dächer wirken wie Schuppen, die sich über den Hang ziehen, während sich die gesamte Stadt flach und eng an das Gelände schmiegt. So erscheint Gjirokastër nicht nur als Ansammlung von Häusern, sondern wie ein lebendiger Körper, der sich über den Berg legt und mit ihm verwachsen ist.

Bei unserem Besuch fühlt sich alles etwas freundlicher an: Der Himmel ist blau, die Sicht auf Stadt und Berge wunderbar klar. Für uns wirkt alles restauriert, gepflegt und einladend. Doch die grauen Steine tragen sichtbar Spuren anderer Zeiten – ich kann mir vorstellen, wie sie die Stadt auch karger, abweisender und deutlich rauer erscheinen lassen können. Ich kann mir die Stimmung, die Kadare beschreibt, vorstellen. Wir werden später noch unseren Weg durch die Gassen bestreiten und die steinerne Kulisse aus der Nähe bewundern.

 

Die Steine von Gjirokastër

Auf einigen Tafeln in der Burg wir erklärt, warum die Straßen der Altstadt aus unterschiedlichen Steinen bestehen –

und warum man bei Regen besser auf bestimmte Steine tritt.

Schwarze Steine

Die schwarzen Pflastersteine bestehen aus Sedimentgestein (Sand, Kies, Staub), das sich über mehr als 100 Millionen Jahre unter Druck gebildet hat. Ihre Oberfläche ist relativ rau, wodurch Schuhe besser haften. Deshalb wird empfohlen, bei Nässe auf diese Steine zu treten – sie sind weniger rutschig.

Graue Steine

Die grauen Steine sind der gleiche Gesteinstyp, aber jünger.
Sie kommen in größeren Schichten vor (bis zu etwa 4 Meter dick) und lassen sich in dünne Platten spalten.
Deshalb werden sie in Gjirokastër vor allem als Dachplatten verwendet – das prägt das typische Stadtbild.

Weiße und rosa Steine

Diese Steine haben eine teilweise kristalline Struktur, wodurch ihre Oberfläche glatter wirkt.
Dadurch sind sie deutlich rutschiger und außerdem bruchempfindlicher.
Sie werden deshalb selten im Bau eingesetzt, sondern eher:

als Pflastersteine in Straßen und zur dekorativen Gestaltung, z. B. bei Torbögen

 

Ismail Kadare – Schriftsteller und kulturelle Stimme Albaniens

Ich habe Ismail Kadare durch meine Eltern kennengelernt und mich mit seinen Werken auseinandergesetzt, als Geflüchtete aus dem Kosovo in den 90er Jahren nach Deutschland kamen. Wie so oft werden einem andere Lebensrealitäten erst dann wirklich bewusst, wenn man persönliche Erfahrungen mit ihnen verbindet. Durch meine kosovarische Schulfreundin Drenushë und ihre Familie hatte ich die ersten Berührungspunkte mit albanischer Kultur, der Küche und Traditionen. Ich weiß noch, wie mein Vater mit Drenushës Vater bei uns im Garten saß und in einer Mischung aus Deutsch sowie Händen und Füßen über Ismail Kadare sprach und mein Vater ihm dann eine deutsche Übersetzung eines Romans mitgab.

Internationale Bekanntheit erlangte Kadare vor allem durch Romane wie „Der General der toten Armee“ oder „Chronik in Stein“, in denen er historische Themen, Mythen und politische Realität miteinander verband. Viele seiner Texte entstanden während der kommunistischen Diktatur unter Enver Hoxha, wobei es ihm gelang, innerhalb der Grenzen der Zensur zu schreiben und gesellschaftliche sowie politische Zustände indirekt zu reflektieren.

Für Albanien hatte Kadare eine besondere Bedeutung: Er machte das Land literarisch über seine Grenzen hinaus sichtbar und galt lange als eine Art kulturelle Identifikationsfigur. Gleichzeitig bewegte er sich in einem Spannungsfeld zwischen Anpassung und subtiler Kritik am Regime, was seine Rolle bis heute vielschichtig erscheinen lässt. Nach seinem späteren Exil in Frankreich blieb er eine prägende Stimme der europäischen Literatur und wurde mehrfach als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Ismail Kadare starb am 1. Juli 2024 im Alter von 88 Jahren in Paris, wo er seit vielen Jahren lebte.

 

Das Gefängnis unter König Zogu und Hoxha

Ein besonders eindrücklicher Teil der Burg ist das Gefängnis, das sich in einem abgegrenzten Bereich der Anlage befindet. Es wurde nicht im Mittelalter angelegt, sondern im 20. Jahrhundert systematisch ausgebaut. Bereits in den 1930er Jahren, während der Herrschaft von König Zogu, begann die Nutzung als Haftort für politische Gegner*innen. Diese Funktion setzte sich während der italienischen und deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg fort und wurde in der kommunistischen Zeit unter Enver Hoxha nochmals intensiviert. Das Gefängnis, bekannt als „Gefängnis Nr. 17“, war unter Hoxha vor allem für politische Gefangene vorgesehen. Offiziell für etwa 350 Personen ausgelegt, war es zeitweise mit bis zu 700 Inhaftierten stark überbelegt.

Die Bedingungen galten als äußerst hart. Viele Zellen liegen tief im Inneren der Anlage, abgeschnitten von Tageslicht oder mit nur kleinsten Fenstern. Enge Räume, mangelhafte hygienische Verhältnisse und Krankheiten prägten den Alltag der Gefangenen. Zeitzeug*innen berichten von jahrelanger Isolation und schwerer körperlicher Schwächung. Auch Hinrichtungen sollen im Umfeld der Burg stattgefunden haben. Heute sind Teile des Gefängnisses zugänglich. Man geht durch schmale Korridore, blickt in kleine, dunkle Zellen und erkennt an einigen Wänden noch Inschriften von ehemaligen Gefangenen. Zitate aus ihren Erinnerungen sind an die Wände geschrieben. Der Kontrast zu den offenen Aussichtspunkten der Burg könnte kaum größer sein. Wie so oft während unserer Zeit in Albanien rutscht man innerhalb weniger Momente von einem "wundervollen Hier-und-Jetzt-Gefühl" in eine beklemmende Realisierung der schweren Geschichte des Landes. Hier auf der Burg existiert auch wieder beides nebeneinander, und ich finde es gut, dass historische Fakten und Begebenheiten nicht ausgeblendet, sondern erzählt werden.

 

Montag, 10. April 1944:
Vier Polizisten kommen nach Hause, und zusammen mit Nedret bringen sie uns zur Wache und anschließend ins Gefängnis. Nach drei oder vier Stunden bringen sie auch sechs weitere Frauen. Am Abend noch einmal sechs. Keine von ihnen wagte sich zu bewegen, als die Nazis und ihre Agenten das Gefängnis betraten. Sie blicken auf uns herab als wären wir schmutzige Hunde.

 

Dienstag, 11. April 1944:
Heute Nachmittag brachten sie uns in den Hof und dann gemeinsam in einen Raum. Am Abend brachten sie zwei weitere Frauen und ließen uns wissen, dass die Verhaftungen der Frauen in der Stadt großes Aufsehen erregt hatten.

 

Freitag, 14. April 1944:
Junge Mädchen singen leise revolutionäre Lieder, die älteren Frauen sitzen dicht beieinander. Wir haben auch eine junge Mutter: Mine Bebeci. Sie hat ein vier Monate altes Kind, das noch keinen Namen hatte. Aber wir konnten ihn nicht namenlos lassen, als einzigen kleinen Jungen unter all diesen Frauen. Wir versammelten uns alle und beschlossen, ihm den Namen „Durim“ (Geduld) zu geben. So wurde der Gefangenenliste einer hinzugefügt: Durim Sado Bebeci aus Dunavat, vier Monate alt.

 

 

Wir vergessen nicht!


Zum Gedenken an die antikommunistischen Märtyrer*innen, die verhaftet, bestraft, gefoltert, hingerichtet wurden, an den Folgen der Folter starben oder im Gefängnis der Burg von Gjirokastër verschwanden – einem der berüchtigtsten Gefängnisse der kommunistischen Diktatur.

 

Das „Gefängnis der sieben Fenster“, 1944–1970.

Hier wurde ein großer Teil unserer nationalen Elite ausgelöscht.

Ewige Ehre ihrem Widerstand und ihrem erhabenen Opfer.

 

Die Lockheed T-33

Mitten im weitläufigen Innenbereich der Burg steht ein Objekt, das auf den ersten Blick kaum in diese historische Umgebung zu passen scheint: ein amerikanisches Militärflugzeug aus der Zeit des Kalten Krieges. Es handelt sich um eine Lockheed T-33 „Shooting Star“, ein zweisitziges Trainingsflugzeug, das ab den späten 1940er Jahren eingesetzt wurde. Im Dezember 1957 drang ein solches Flugzeug in den albanischen Luftraum ein. Die genauen Umstände wurden damals unterschiedlich dargestellt. Während die US-amerikanische Seite von einem Navigationsfehler oder technischen Problemen sprach, stellte die albanische Regierung den Vorfall als gezielte Spionagemission dar. Der Pilot war laut US-Militär auf einem Flug von einer Basis in Frankreich (Châteauroux) nach Neapel (Italien) und geriet in starken Nebel. Er verlor die Orientierung und kam vom Kurs ab. Als der Treibstoff knapp wurde, musste er eine Notlandung in Albanien durchführen. Albanien sprach von einem feindlichen Spionageangriff. Fest steht, dass das Flugzeug von albanischen Kampfjets abgefangen und zur Landung gezwungen wurde. Der Pilot wurde vorübergehend festgesetzt und einige Wochen später wieder freigelassen. Das Flugzeug selbst blieb jedoch im Land. In den 1960er Jahren wurde es in die Burg von Gjirokastër gebracht und dort öffentlich präsentiert. Während der kommunistischen Zeit diente es als politisches Symbol: Es sollte die Bedrohung durch den Westen veranschaulichen und zugleich die Handlungsfähigkeit des albanischen Staates demonstrieren. Entsprechend wurde es lange Zeit ausdrücklich als „Spionageflugzeug“ bezeichnet. Heute steht die Maschine weiterhin im Burghof aber die Infotafel berichtet von der Instrumentalisierung durch das dikatatorische System.

 

Ein Ausstellungsbereich zeigt vor allem den Partisan*innenkampf des 20. Jahrhunderts. Dabei geht es weniger um einzelne Objekte als um ein geschlossenes Bild von Widerstand und kollektiver Mobilisierung. Für uns kann diese Form der Darstellung schnell kriegsverherrlichend wirken. Die klare Heroisierung, die vielen Waffen und die betonte Kampfbereitschaft lassen wenig Distanz erkennen. Gleichzeitig wird hier jedoch ein historisches Selbstverständnis sichtbar, das in Albanien lange eine zentrale Rolle spielte. Der bewaffnete Widerstand, insbesondere im Zweiten Weltkrieg gegen italienische und deutsche Besatzung, wurde nach 1945 zu einem der wichtigsten Bezugspunkte der nationalen Identität. Und es war wichtig, dass sich der Widerstandsgedanke halten konnte, wenn auch im Verborgenen, in der sozialistischen Diktatur. Der Kampf galt nicht nur als militärische Notwendigkeit, sondern als Ausdruck von Selbstbehauptung und Unabhängigkeit. Das heißt keineswegs, dass wir das Zurschaustellen von militärischem Gerät gut finden. Es ist lediglich eine Erklärung für das Gezeigte.

 

Lokale Überlieferungen von Prinzessin Argjiro

 

Eine der bekanntesten Erzählungungen der Region ist die Legende von Prinzessin Argjiro. Der Erzählung zufolge sprang sie im 15. Jahrhundert während der osmanischen Eroberung mit ihrem Kind von den Burgmauern, um einer Gefangennahme zu entgehen. Während sie selbst starb, soll das Kind überlebt haben; an der Stelle ihres Aufpralls, so heißt es, sei Milch aus dem Felsen geflossen. Die heute sichtbaren weißen Kalkablagerungen am Fuß der Burg werden dabei als Teil der Legende interpretiert.

Der Abstieg durch die Stadt erfolgt nicht auf direktem Weg. Stattdessen „hangeln“ wir uns Stück für Stück den Hang hinunter. Die Gassen sind steil, gepflastert und oft unregelmäßig – jeder Abschnitt eröffnet neue Perspektiven auf die Häuser und das Tal. Immer wieder zweigen kleine Wege ab, führen zu Innenhöfen, Treppen oder versteckten Plätzen. Viele kleine Verkaufsstände säumen die Straßen. Es gibt Teppiche, Souvenirs, Kräuter und Tees und zahlreiche Stände mit Nüssen. Silke und Jochem haben uns den Tipp gegeben: bei der alten Dame gleich an der Biegung hinter der Burg kaufen! Wir holen uns eine große Tüte karamellisierte Mandeln mit Sesam umhüllt - sooo gut!

Wir machen Halt im Nostalgia Tunnel. Das ist ein kleiner, privat betriebener Ausstellungsraum in einem ehemaligen Tunnel nahe des Bazars. Auf etwa 70 Metern Länge sind hier zahlreiche Gegenstände aus unterschiedlichen Zeiten nebeneinander angeordnet – von Alltagsobjekten aus der kommunistischen Zeit über Werkzeuge, altem Propaganda Material und Haushaltsgeräte bis hin zu militärischer Ausrüstung wie Helmen oder Gasmasken. Es ist wie ein Streifzug durch den Keller von Oma aber es kostet weniger als 1 Euro Eintritt und wir lassen uns die absurd verrückte Sammlung nicht entgehen.

 

Wir essen abends in der Altstadt leckere albanische Speisen: Qifgi sind traditionelle albanische Reisbällchen, eine Spezialität, die besonders in Gjirokastër beheimatet ist. Sie bestehen aus gekochtem Reis, Eiern, Kräutern, Minze und Feta und werden kurz frittiert. Dann haben wir ein Stück Pispili, ein albanisches Ofengericht aus Maismehl, das meist mit Spinat, Zwiebeln und Käse zubereitet wird. Ich freue mich über ein sehr leckeres Tavë Dheu und muss wieder an meine albanische Schulfreundin denken, bei der ich das erste Mal dieses Schmorgericht probierte. Rindfleisch und/oder Lamm, je nach Region auch Leber, wird mit Tomaten, Paprika, Knoblauch, Lorbeer, Oregano und weiteren Kräutern in einer Tonschale im Ofen geschmort und mit Feta überbacken. Kulinarisch kann Albanien auf jeden Fall einiges! Wir haben hier wirklich überall sehr gut gegessen, und selbst an unscheinbaren Orten wie einer Autobahnraststätte hatte ich das beste Byrek. Hach, generell ist Byrek hier wirklich der Snack der Wahl. Er wird in kleinen Bäckereien, sogenannten Byrektore, und an Straßenständen verkauft, wo er oft warm aus großen Blechen oder Formen portionsweise herausgeschnitten oder als einzelne Stücke direkt auf die Hand ausgegeben wird. Es gibt eine große Formenvielfalt: als runder „Kuchen“, aus dem Stücke geschnitten werden, als spiralförmig gerollte Schnecke oder als einzelne dreieckige Portion, wobei die Füllungen variieren: Weißkäse, Spinat oder Fleisch. Ich weiß nicht, woran es liegt, dass Byrek hier so viel besser als in Deutschland schmeckt. Vielleicht, weil in Deutschland nicht richtiger Yufkateig verwendet wird oder die Füllung in Albanien anders gewürzt wird? Jedenfalls ist jedes Stück extrem lecker und so günstig, dass es sich schon wieder merkwürdig anfühlt. Am zweiten Tirana-Abend nehmen wir uns noch eine Tüte Byrek „für zuhause“ mit – von jeder Form eins, also am Ende 6 Stück. Kosten: 2,80€.

 

Der Weg nach unten zieht sich – im positivsten Sinne, denn man genießt jede neue kleine Straße und Biegung. Zunächst passieren wir noch einige Basar-Shops mit den üblichen Souvenirs und Teppichen und schmunzeln über die Katzen, die hier ein kuscheliges Schlafplätzchen finden. Nach einer kleiner Fotosession mit den vor einem Irish Pub beheimateten Riesenteddys, kehren wir noch für ein kleines Bier ein. Auf dem Bildschirm läuft Mister Bean. Der hat es bis Albanien geschafft, wer hätte es gedacht. Dann gehts Richtung Wohnwagenheimat. Die Steigungen gehen spürbar in die Knie, und irgendwann entsteht das Gefühl, dass die Stadt kein Ende nimmt – immer weiter führen die Gassen bergab. Gleichzeitig verändert sich die Atmosphäre. Der Touri-Teil liegt hinter uns, und es folgen kleine Einkaufsläden und private Häuser, die mit Laternen und Lampions beleuchtet sind. Es wird ruhiger, und die Nachsaison ist auch hier zu spüren. Hier und da gibt es noch Gastronomie – die aber nur im Sommer geöffnet ist. Wir erhaschen immer wieder einen Blick hinauf zur Burg, die wunderschön beleuchtet ist. Endlich sind wir unten angekommen und laufen die letzten zwei Kilometer ebenerdig zu unserem Road Stop. Die Knie schlackern. Ob Ali noch um den Weini streift?