Sighișoara / Schäßburg

 

Wir kommen in der absoluten Hitze auf unserem Campingplatz "Moon View" an. In einer kühlen Nacht den Mond sehen... das wäre jetzt toll! Wir bauen bei 36 Grad den Wohnwagen auf - ohne Schatten aber auf einem sympathischen, neuen Platz, der von einem jungen Mann betrieben wird. Es wird noch dauern bis die Bäume gewachsen sind und Schatten spenden und so schwitzen wir vor uns hin, während wir unser Lager errichten. Der Betreiber fragt uns, ob wir wegen des Festivals da sind und ich sage spontan "Ja", weil ich an unser Metal Festival nur wenige Kilometer weiter denke, das in einigen Tagen starten wird. Erst ein paar Stunden später erfahren wird, dass etwas ganz anderes gemeint war: An diesem Wochenende findet das "Sighișoara Medieval Festival" statt. Jedes Jahr um diese Zeit steht die historische Altstadt ganz im Zeichen des Mittelalters. An mehreren Tagen sorgen Konzerte mit Dudelsack- und Trommelklängen, Schwertkämpfe, Feuershows und Theateraufführungen für ein buntes Programm. Händler*innen und Handwerker*innen verkaufen ihre Waren in den engen Gassen der Zitadelle. Das Festival zieht jedes Jahr um die 30.000 Besucher*innen an und wir haben durch Zufall das große Glück an genau diesem Wochenende hier zu sein.

 

Sighișoara, im Herzen Siebenbürgens gelegen, gehört zu den am besten erhaltenen mittelalterlichen Städten Osteuropas. Die Stadt wurde im 12. Jahrhundert gegründet. Schon früh entwickelte sie sich zu einem wichtigen Handwerks- und Handelszentrum. Bis heute prägen die Stadtmauer, die Wehrtürme der einzelnen Zünfte und die kopfsteingepflasterten Gassen das Bild. Seit 1999 gehört die historische Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Wer durch die Altstadt spaziert, trifft auf enge, verwinkelte Gassen, bunte Fassaden und Gebäude aus verschiedenen Jahrhunderten. Besonders auffällig ist der Stundturm, der einst als Stadttor diente und heute als Wahrzeichen gilt. Er wurde im 14. Jahrhundert als Teil der Stadtbefestigung errichtet und diente sowohl als Torhaus als auch als Sitz des Stadtrats. Mit seiner farbenprächtigen Turmspitze und der reich verzierten Uhr mit beweglichen Figuren zählt er zu den eindrucksvollsten Bauwerken der Stadt. Auch die Zitadelle mit ihren Türmen und die gotische Bergkirche auf dem Hügel gehören zu den schönsten Sehenswürdigkeiten.

 

Wir lassen uns einen ganzen Tag durch die Stadt treiben, schauen uns einige Programmpunkte des Festivals an, essen in verschiedenen Gaststätten leckere, traditionelle Speisen, erkunden die Gassen abseits des Trubels und finden schließlich den Bergfriedhof – durch seine besondere Atmosphäre ein Highlight an diesem Tag.

 

Und wir beschäftigen uns mit Vlad Țepeș, "Dracula", der hier in Sighișoara geboren sein soll. Wir haben uns ganz bewusst vom Mythos rund um Dracula und Vlad Țepeș in Transsilvanien mitreißen lassen. Es ist eine faszinierende Mischung aus Tourismus-Hype, Legende, historischer Realität und (mal wieder) der Faszination des Bösen – und wir haben es einfach genossen, all das aufzusaugen. Von den Souvenirs und dem liebevollen Kitsch über die Menschen, die sich als Vlad verkleidet durch die Stadt bewegen, bis hin zum Museum, das sich ernsthaft mit seiner Geschichte auseinandersetzt und später auf unserer Reise noch das Schloss Bran – es ist spannend zu erleben, wie Geschichte, Mythos und Popkultur hier aufeinandertreffen. Vlad war zweifellos eine schreckliche Figur, und doch kann man sich der ambivalenten Mischung aus Schrecken, Legendenbildung und Draculageschichten nicht entziehen.

 


Mystical Transylvania – Geschichten aus Siebenbürgen: von Falschmünzern,

Raketenwissenschaftlern und Dracula

 

Wir sind während unseres Streifzuges durch die Stadt auf ein kleines, aber liebevoll gestaltetes Museum gestoßen: „Mystical Transylvania“. Der Gang durch die Räume ist eine interaktive Erfahrung, man hört Stimmen durch die Wände hallen, sieht Projektionen, Lichteffekte und Requisiten. Jeder Raum erzählt die Geschichte einer historischen Persönlichkeit aus Siebenbürgen – manchmal bekannt, manchmal fast vergessen.

 

Johann Schuller von Rosenthal – Aufstieg und Fall eines Fälschers

Das Szenario ist in tiefes Rot getaucht, Kerzen brennen, und auf dem Boden liegt ein Emblem: eine Hand, die Rosen hält, umgeben von dem Schriftzug „Per spinas ad rosas“ – „Durch Dornen zu den Rosen“. Dieses Wappen ist das Symbol der Familie Schuller von Rosenthal, die in Sighișoara über Generationen hinweg eine bedeutende Rolle spielte. Schuller kam ursprünglich aus einfachen Verhältnissen – er war zunächst Schneider. Doch er verstand es, Einfluss zu nehmen und Vermögen anzuhäufen. Er heiratete in wohlhabende Kreise ein und wurde schließlich so mächtig, dass er es zum Bürgermeister von Sighișoara brachte. Doch hinter der glänzenden Fassade verbargen sich dunkle Machenschaften. Zeitgenössische Berichte beschreiben ihn als skrupellos und habgierig. Ihm wurde nachgesagt, die Stadtvorräte für eigene Zwecke missbraucht und sich durch Intrigen bereichert zu haben. Am schwersten wogen die Vorwürfe der Falschmünzerei: In seinem Haus soll er heimlich Silbermünzen geprägt haben, um sein Vermögen zu mehren. 1703 wurde er verhaftet und nach einem aufsehenerregenden Prozess zum Tode durch Enthauptung verurteilt. Vollstreckt wurde das Urteil im Hof der Dominikanerkirche in Sighișoara. Heute erinnert das Rosenthal-Haus in der Altstadt noch an seine Familie und auf dem Bergfriedhof finden wir Grabsteine seiner Nachkommen mit dem Familienwappen.

 

Hermann Oberth – zwischen Vision und Abgrund

Dann folgen wir einer weiteren Geschichte zum Motto "Hero or villain": der Lebensgeschichte von Hermann Oberth (von dem ich nicht wusste, dass er aus Siebenbürgen stammt!) Geboren 1894 in Hermannstadt (Sibiu), aufgewachsen in Sighișoara, gilt er als einer der Begründer der modernen Raketentechnik und Astronautik. Mit seinen Schriften und Experimenten war er ein prophetischer Vordenker der Raumfahrt. Er gilt auch als Initiator der Weltraummedizin – also der Erforschung, wie sich das All auf den menschlichen Körper auswirkt. Wernher von Braun war sein Schüler. Das 1923 veröffentlichte Buch „Die Rakete zu den Planetenräumen“ war visionär. In diesem Werk fasste er nicht nur seine bis dahin entwickelten Theorien zusammen, sondern legte ein Grundlagenbuch der modernen Raumfahrt vor. Oberth beschrieb darin nahezu alle zentralen Elemente, die später beim Bau von Raketen und Raumfähren Realität wurden: den Einsatz von Flüssigtreibstoff, die Konstruktion von Großraketen und das Prinzip der Mehrstufenrakete. Außerdem entwarf er schon in den 50er Jahren ein "Mondauto". Im Entstehungsprozess von Die Frau im Mond (1929) ließ sich Fritz Lang von Hermann Oberth beraten.
Wie Jemand, der zu solch außergewöhnlichem, visionärem Denken fähig ist, menschlich und politisch so völlig daneben liegen kann (und das mit vollster Überzeugung) ist mir unbegreiflich. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Oberth im deutschen Raketenprogramm und war in die Entwicklung der V2-Raketen eingebunden, die sowohl ein technisches Wunderwerk als auch eine verheerende Waffe waren. Nach dem Krieg versuchte Oberth, an seine wissenschaftliche Rolle anzuknüpfen. Er arbeitete zeitweise in den USA und Italien, engagierte sich in der Raumfahrtforschung, aber auch in umstrittenen politischen und esoterischen Zusammenhängen. Politisch stand er dem Nationalsozialismus immer nahe, hatte eine antisemitische Haltung und legte seine Überzeugungen auch später nie ab. Er wurde Mitglied der NPD und nach seinem Tod erhielt er Nachrufe von Holocaust-Leugnern wie Thies Christophersen. Also nein, hier handelt es sich um keinen "Hero", denn egal wie wissenschaftlich wegweisend oder "heldenhaft" das Wirken eines Menschen ist – es gibt keinen "Ausgleich" für Faschismus, Rassimus und Hass. (Und nein, es zählt auch nicht sowas wie "aber die Musik ist doch so gut". Ich bin der Meinung, man kann Kunst nicht vom Kunstschaffenden trennen. Also F*ck Burzum und Nein zu Allen mit "ich-hör-ja-nur-die-Mukke-Haltung")

Und als ob die mehr als zwiespältige Geschichte rund um Oberth nicht schon nervenaufreibend genug wäre... es geht noch in eine weitere Ausstellungsebene und hier dreht sich alles um Vlad Tepes, den Pfähler.

 

Vlad Țepeș - der historische Dracula

Vlad wurde 1431 geboren, als Sohn von Vlad II. Dracul. Sein Vater war Mitglied des „Drachenordens“, einem christlichen Ritterbund, der den Kampf gegen das expandierende Osmanische Reich unterstützen sollte. Der Beiname „Dracul“ (vom lateinischen draco = Drache) ging auf diesen Orden zurück. Für Vlad, den Sohn, setzte sich daher der Name „Drăculea“ durch – „Sohn des Drachen“. (Ein häufiger Irrtum: im Rumänischen wird Dracul als „Teufel“ übersetzt, tatsächlich geht der Beiname aber auf den Orden zurück. "Teufel" hätte allerdings auch sehr gut gepasst...) Seine Jugend war von Gewalt und Machtkämpfen geprägt. Als politisches Pfand wurde Vlad zusammen mit seinem Bruder Radu eine Zeit lang an den Hof des Sultans nach Edirne (heute Türkei, damals Hauptstadt des Osmanischen Reiches) geschickt. Dort lernte er die Welt der Osmanen kennen – und hatte eine tiefe Abneigung gegen sie. Als er nach der Ermordung seines Vaters und der Verschleppung seines älteren Bruders wieder in die Heimat zurückkehrte, fand er ein zerrissenes Land vor: Wallachien war Schauplatz ständiger Kämpfe zwischen einheimischen Bojaren, Ungarn und Osmanen. Vlad Țepeș regierte in mehreren kurzen, aber blutigen Phasen (zwischen 1448 und 1476). Bekannt wurde er vor allem durch seine grausame Strafjustiz. Verräter*innen und Feind*innen ließ er pfählen – daher sein Beiname „Țepeș“, der „Pfähler“. Sein erbitterter Rachefeldzug richtete sich nicht nur gegen osmanische Invasoren, sondern auch gegen die eigene Bojarenelite, die seine Familie verraten hatte. Der berühmteste Fall: 1462 ließ Vlad vor der Schlacht am Donauufer bei Târgoviște rund 20.000 osmanische Gefangene pfählen. Als Sultan Mehmed II. das sah, soll er entsetzt den Rückzug angetreten haben. Diese riesigen Felder mit Pfählen wurden später oft als „Wald der Pfähle“ beschrieben. Sein Vorgehen war gnadenlos, es gab aber Stimmen, die es auch als "politisch wirksam" erachteten: durch Terror schuf er angeblich eine vorübergehende Phase von Ordnung und Sicherheit, sodass Reisende und Händler ungestört durch das Land ziehen konnten. ("Sicherheit" durch Terror und Angst – kommt uns auch heute nicht unbekannt vor) In ganz Europa kursierten früh Schauerberichte über die Grausamkeiten des walachischen Fürsten und die Geschichten seiner Blutgier trugen schon früh zur Legendenbildung bei.

Jahrhunderte nach Vlad Țepeș griff der irische Schriftsteller Bram Stoker den Namen für seinen Roman „Dracula“ auf – allerdings ohne historische Details. Der blutsaugende Vampir hat mit dem walachischen Herrscher eigentlich nur den Namen, die Blutlust und die düstere Aura gemein.

Heute ist Vlad Țepeș in Rumänien eine zwiespältige Figur: geächtet als brutaler Herrscher, von anderen tatsächlich verehrt als Symbol des Widerstands gegen die Osmanen und sogar als einer, der "in unruhigen Zeiten Ordnung schuf." Daher nicht verwunderlich, dass im Museum immer wieder die Frage "Hero or villain" (Held oder Bösewicht) gestellt wird. Für mich schwer nachvollziehbar. Die so oft erwähnte Faszination des Grauens, wie zuvor bei Báthory, kann ich begreifen, aber das romantisieren von Gewalt, Mord und Verwüstung fühlt sich befremdlich an.

Was bleibt also? Vlad Țepeș gehört zu Transsilvanien und Walachien. Und ich versuche, wie immer, einen Mittelweg zu finden: zwischen kritischem Reflektieren und dem einfachen Genießen der Reise, zwischen dem Aufnehmen kultureller Geschichten und dem sich Treibenlassen durch die Orte und ihre Geschichte.

 

Der Bergfriedhof von Sighișoara

 

Oberhalb der Altstadt liegt der weitläufige Bergfriedhof, der über die überdachte Schülertreppe erreichbar ist oder man läuft den geschlängelten Weg an der anderen Seite des Berges hinauf. Zusammen mit der Bergkirche strahlt das Gelände eine ganz eigene Atmosphäre aus. Zwischen alten Bäumen, verwitterten Grabsteinen und kunstvollen Mausoleen ist es hier abseits des Trubels wunderbar ruhig und friedvoll. Der Friedhof ist eng mit der Geschichte der Siebenbürger Sachsen verbunden, viele Inschriften sind bis heute auf Deutsch erhalten. Trotz seiner Größe mit rund 2000 Grabstellen wirkt der Ort besinnlich. Seine Ursprünge reichen ins 18. Jahrhundert zurück, als Begräbnisstätten zunehmend aus den Wohngebieten an den Stadtrand verlegt wurden. Zuvor wurden Verstorbene teilweise noch an der Schülertreppe beigesetzt, während Bürger mit besonderem Status ihre letzte Ruhestätte in der Bergkirche fanden – die Grabplatten dort sind bis heute sichtbar. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Friedhof zugänglicher gemacht – die Wege zwischen den dicht aneinandergereihten Grabstellen wurden geebnet und man kann nun die weit verzweigten Pfade am Berg entlang gehen. Auf Fotos ist die Weitläufigkeit und die einmalige Lage am Hang kaum einzufangen. Eine unbedingte Empfehlung, wenn man Sighișoara besucht!