Belgrad - eine schöne un?schöne Collage
Die Fahrt nach Belgrad ist ein bisschen aufregend. Wir hoffen wie immer auf gute Straßenverhältnisse, suchen die großen Verkehrswege raus, aber ein wenig Unsicherheit begleitet uns immer. Es gibt für einige Bereiche Street View, aber nicht für jeden Winkel und jede Landstraße, und so müssen wir uns darauf verlassen, dass unsere Route „schon irgendwie passt“. Im Großen und Ganzen tut sie das auch. Ein paar interessante Momente sind dabei, als uns die Route über einen alten Güterbahnhof führt, durch den Hinterhof einer Industrieanlage, über diverse kleine Bahnübergänge und holprige Abschnitte. Aber es gibt auch immer wieder neue, sehr gut ausgebaute Straßen, und je näher wir Belgrad kommen, desto einfacher wird es. Und wir haben wieder Glück – uns erwartet ein schöner Platz! Camping Dunav liegt ca. 15 km vom Stadtzentrum entfernt, direkt an der Donau. Die Anfahrt ist wunderbar einfach, eine asphaltierte Straße führt zum ebenerdigen Platz. Wir verbringen hier heiße, mückengeplagte, aber ereignisreiche und tolle Tage. Man kann von der Hauptstraße aus ganz easy mit dem Bus nach Belgrad hineinfahren. Ich liebe Bus- oder Straßenbahnfahren in Städten – so erlebt man eine kleine Stadtrundfahrt und sieht authentische Ecken und nicht nur den obligatorischen Tourikram. Seit dem 1. Januar 2025 sind die öffentlichen Verkehrsmittel in Belgrad kostenlos nutzbar. Das gilt für alle Stadt- und Vorortlinien wie Busse, Straßenbahnen und Oberleitungsbusse. Mit dieser Maßnahme wird Belgrad zur größten Stadt Europas, die komplett kostenlosen öffentlichen Nahverkehr anbietet!
Belgrad wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, und genau darin liegt sein Reiz. Die Stadt ist bunt, lebendig und an vielen Ecken deutlich „alternativ“ geprägt. Gleichzeitig ist der Stil des ehemaligen Jugoslawiens allgegenwärtig: große Wohnblöcke, funktionale Architektur, breite Straßen. Vieles erinnert an sozialistische Stadtplanung, anderes wirkt improvisiert, roh … und dann wieder bewusst kreativ weitergedacht. Es gibt graue Gebäude, Graffitis, bröckelnde Fassaden, alte Klimaanlagen an Außenwänden, braungraue Hochhäuser mit Glas und "DDR-Feeling", dann wieder bunte Mosaike am Boden, bewachsene Höfe und bemalte Wände. Diese Mischung gibt Belgrad eine sehr eigene Atmosphäre, und wir lieben es sofort.
Später, wenn wir in Montenegro Silke und Jochem kennenlernen, mit ihnen auch in Albanien wieder zusammenfinden und das interessante Tirana erkunden, werden wir uns noch über „Schönheit“ auf Reisen austauschen. Was ist eigentlich „schön“?! Wahrscheinlich sind sich alle einig, dass Städte wie Dubrovnik, Kotor oder Florenz schön sind – viel Altstadtflair, fast schon eine Museumshaftigkeit in Architektur und Stimmung, vielleicht Nähe zu Wasser/ Meer/ Fluss und Grünflächen?! Ich kann schon spoilern, dass mich auf unserer Reise vor allem die „unschönen“ Städte begeistern. Jochem hat gesagt: „Montenegro ist schön, Albanien ist spannend.“ Irgendwo bei „spannend“ würde ich auch Belgrad einsortieren.
Daniel beschreibt die Stadt als „collagenartig“ – eben durch die vielen Brüche, das abwechslungsreiche Stadtbild, das energiereiche Nachtleben. Es gibt Hinterhöfe mit versteckten Bars, Straßen mit Restaurant an Restaurant, überall duftet es nach gegrillten Ćevapi, dann die vielen Craft-Beer-Bars, Second-Hand-Shops und Metal-/Musik-/Merch-/Plattenläden (Daniel schlägt zu und gönnt sich gleich im ersten Laden neue Shirts von Bolt Thrower, Motörhead und Exodus). Dann laufen wir im Stadtteil Dorćol an einem riesigen Wandbild von Jovanka Bončić-Katerinić vorbei, eine der ersten ausgebildeten Architektinnen Serbiens. Sie studiert Anfang des 20. Jahrhunderts Architektur und plante in Belgrad vor allem öffentliche Gebäude, insbesondere Schulen, und prägt damit das Stadtbild nachhaltig. Die typischen Einkaufsstraßen gibt es aber auch – wie die prunkvolle Ulica Knez Mihaila, die mit ihren repräsentativen Gebäuden aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert und stuckverzierten Fassaden wiederum „typisch schön“ daherkommt. Die Festung Kalemegdan liegt etwas erhöht und bietet einen wunderbaren Aussichtspunkt Richtung Donau und Neustadt. Ein besonderes Gefühl ist es auch, nun das erste Mal kyrillische Schrift allgegenwärtig zu haben: Straßenschilder, Geschäfte, Speisekarten – vieles lässt sich nicht mehr „einfach so“ lesen. Kyrillisch ist die offizielle Schrift Serbiens und auch verfassungsrechtlich festgelegt. Staatliche Institutionen, Behörden, offizielle Dokumente und viele Ortsschilder müssen kyrillisch verwenden. In der Praxis ist Serbien zweischriftlich: Kyrillisch wird häufig bei Ämtern, offiziellen Schildern, in traditionellen Medien und auf Denkmälern verwendet. Die lateinische Schrift ist im Alltag verbreitet, z. B. in Cafés, in der Werbung, bei Modeketten oder in Social Media. Was irritiert, sind die Putin-Souvenirs, die es überall zu kaufen gibt. Diese lassen sich vor dem Hintergrund der traditionell engen Beziehungen Serbiens zu Russland verstehen. Historisch verbindet beide Länder der slawische Ursprung sowie der orthodoxe Glaube. Russland unterstützte Serbien mehrfach diplomatisch und Putin gilt hier als eine Art "Beschützer-Figur" vor dem Westen. Die serbische Gesellschaft ist keineswegs homogen. Neben klar pro-russischen Positionen gibt es viele kritische, europäisch orientierte Stimmen – besonders unter jüngeren, urbanen Menschen. Die im öffentlichen Raum sichtbare Russland-Symbolik bildet daher nur einen Teil der gesellschaftlichen Realität ab.
Wir verbringen drei intensive Tage in Belgrad – zwei Tage Stadt, einen Tag Blind-Guardian-Konzert am Hafen – und noch viele Wochen später werden wir über diese tolle Zeit sprechen. Mal wieder eine Stadt, von der wir sagen: „Wir möchten nochmal wiederkommen.“
Wir laufen viele Kilometer, shoppen Shirts, Patches und Buttons, erkunden Straßen und Gassen, trinken Craft Beer und essen in typischen Kafanas. Das sind Gaststätten mit typischer serbischer Küche und lockerer Atmosphäre – vielleicht eine Mischung aus Bar, Taverne und Restaurant – und sie gelten für alle Generationen als Treffpunkt für Essen, Trinken und Schnack. Vielleicht kann man es mit „Gastro-Pub“ übersetzen. Oft gibt es Musik: in traditionellen Kafanas auch folkloristische Live-Musik, in moderneren Kafanas kommen Rock, Pop, Funk, Soul oder Alternative aus den Boxen. Die serbische Küche ist herzhaft und würzig, mit vielen Fleischgerichten vom Grill wie Ćevapi und Pljeskavica, aber auch gegrilltem Gemüse, Sarma (Krautrouladen), deftigen Eintöpfen wie Pasulj (Bohneneintopf) sowie Beilagen wie Ajvar, Maisbrot (Proja) und Burek. Hier lerne ich Kajmak zu lieben – eine Art Käse. Er entsteht durch das Abschöpfen der auf der Oberfläche von erhitzter Milch schwimmenden Rahmschicht und wird je nach Reifegrad als milder „junger“ Kajmak oder kräftiger „alter“ Kajmak genossen. Er wird zu allen möglichen Gerichten serviert, und wir kaufen ihn ab jetzt in jedem Balkanland im Supermarkt und essen ihn zusammen mit Ajvar z. B. zu gegrillten Auberginen, Zucchini oder Ćevapi. Soo lecker!
An einem Abend ziehen wir durch Skadarlija. Dies gilt als das historische Bohème-Viertel von Belgrad und ist Treffpunkt von Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Intellektuellen. Die Hauptstraße ist mit Kopfsteinpflaster versehen, links und rechts ziehen sich niedrige, teils farbig gestrichene Häuser entlang, viele davon aus dem 19. Jahrhundert. Eine Kafana reiht sich an die nächste, abends sitzen alle draußen – es ist der perfekte Sommerabend in einer Großstadt. Es tut gut, so viel Kultur und freiheitliches Leben mitzubekommen – waren wir doch unsicher, wie rechtskonservativ Serbien tatsächlich ist. Aber hier in Belgrad begegnen uns queere Menschen, Punkbars, generell viel Musik und Kunst. Großstädte sind halt immer fortschrittlicher, offener, freiheitlicher. (Wie konnte ich in Verden bloß so lange überleben?)
Wir landen schließlich im Beti Ford, einer Bar mit wunderbarer DIY-Wohnzimmer-Atmosphäre und kleiner Bühne, und sehen zwei Bands, die an diesem Abend spielen. Wir lernen einen Studenten mit Slayer-Shirt kennen und reden angeregt über das Leben in Belgrad, das Studieren, die Proteste. Ein perfekter Tag geht zu Ende, als wir angetrunken in den letzten Bus Richtung Campingplatz springen. Morgen geht’s auf die Festung!
Die Festung Kalemegdan
Die Belgrader Festung liegt strategisch erhöht über dem Zusammenfluss von Save und Donau und bildet seit Jahrhunderten das historische und militärische Zentrum der Stadt. Der älteste Bereich der Anlage ist die Oberstadt, deren Nutzung bis in die Antike zurückreicht. Bereits die Römer errichten hier mit Singidunum ein Legionslager, dessen bauliche Spuren bis heute sichtbar sind.
Kleine Irritationen verspüren wir an diesem eigentlich sehr schönen Ort trotzdem: eine große Anzahl an "Kriegsgerät" steht herum, wirkt insziniert wie etwas "schönes/zeigenswertes". Hier wird nichts eingeordnet oder beschrieben. Wir sehen Panzer, Bodenluftrakten, Artilleriegeschütze. Kinder klettern darauf herum, Männer posieren, es werden Fotos geschossen. Das Militär nimmt in Serbien historisch und gesellschaftlich einen hohen Stellenwert ein. Militärische Objekte werden oft bewusst sichtbar gehalten und als Machtdemonstration genutzt. Das unterscheidet sich deutlich von uns eher vertrauten westeuropäischen Herangehensweisen, die stärker auf Distanz, Einordnung und Kontextualisierung setzen.
Wir schlucken, ziehen weiter durchs Festungstor und lesen lieber im inneren Bereich interessante Dinge über die Geschichte dieses Ortes. Archäologische Untersuchungen zeigen, dass sich unter den sichtbaren Mauern mehrere Kulturschichten überlagern. Gefunden wurden Reste römischer Wehrmauern aus dem 2. und 3. Jahrhundert, ein wiederverwendeter römischer Altar, Spuren mittelalterlicher Bebauung sowie Überreste deutlich älterer Siedlungen bis zurück in die Jungsteinzeit und Bronzezeit. Diese Funde belegen eine nahezu durchgehende Besiedlung des Areals über mehrere Jahrtausende hinweg.
Ihre heutige Gestalt erhält die Festung vor allem im 18. Jahrhundert, als die Habsburger die Anlage nach modernen militärischen Prinzipien ausbauen. Bastionen, Kasematten, Tore und Verteidigungswälle entstehen, viele davon prägen das Erscheinungsbild bis heute. Die wechselnden Herrschaftsphasen – römisch, byzantinisch, osmanisch und habsburgisch – spiegeln sich deutlich in der Architektur wider.
Mit dem Verlust ihrer militärischen Funktion entwickelt sich die Festung im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend zu einem öffentlichen Raum. Heute ist sie kein abgeschlossener "Museumsort" sondern frei zugänglich und ein lebendiger Teil des städtischen Alltags. Hier trifft man sich zum spazieren, sonnen, picknicken, es gibt Bühnen, Popcornstände, Bänke und Kinderbespaßung.