Skadarsko jezero - Der Skutarisee und Kloster Kom

 

Wir machen eine Bootstour auf dem Skutarisee. Unser Ausgangspunkt ist Virpazar, ein kleiner Ort am Nordufer, unweit unseres nächsten Campingplatzes. In der Hochsaison drängen sich hier hunderte Besucher*innen zwischen Brücke, Uferpromenade und Bootsanlegern. Reisegruppen, Individualtourist*innen, Verkäufer*innen, die Tickets anbieten – alles wirkt auch heute an einem Oktobertag noch geschäftig und voll. Von Silke und Jochem haben wir bereits den Tipp erhalten, wo wir parken können. Wir haben Glück und finden einen freien Platz, zwar nicht genau auf dem anversierten Parkplatz, aber auf der Straße dahinter – nun ja, halb Weg, halb Brücke, halb verfallen. Daniel äußert Sorge über das mögliche Verschwinden des Autos, wenn das Teil nachgibt, ich vertraue auf das Schicksal.. Hey, wir haben diesem heiligen, mumifizierten Mönch die Ehre erwiesen - nun wird doch nicht unser Auto von einer montenegrinischen Brücke stürzen!

 

Kaum sind wir einige Minuten auf dem Wasser, verschwindet der Stress der Parkplatzsuche genauso wie das Stimmengewirr und der Trubel des Städtchens. Wir lassen uns verzaubern von der wunderschönen Landschaft.

 

Der Skutarisee ist der größte See des Balkans und gehört nicht nur zu Montenegro, sondern auch zu Albanien. Die Grenze verläuft mitten durch das Wasser. Während unserer Fahrt blicken wir immer wieder hinüber und wissen, dass unser nächstes Ziel nicht weit ist - nämlich ein Platz am albanischen Ufer des Sees, hier heißt er Liqenit të Shkodrës. Aber das hat noch ein paar Tage Zeit. Nun genießen wir erst einmal die montenegrinische Seite. Diese steht seit 1983 als Nationalpark unter Schutz. Das Gebiet umfasst ausgedehnte Schilfgürtel, schwimmende Seerosenfelder und flache Lagunen, die sich je nach Wasserstand verändern. Der See speist sich aus unterirdischen Karstquellen und mehreren Zuflüssen; er ist ungewöhnlich fischreich und gilt als eines der bedeutendsten Vogelreservate Europas.

Über 280 Vogelarten wurden hier gezählt. Besonders bekannt ist der Krauskopfpelikan, einer der größten flugfähigen Vögel Europas, der hier eine der letzten größeren Kolonien auf dem Kontinent hat. Dazu kommen Kormorane, Reiher, Ibisse und zahlreiche Zugvögel, die das Gebiet als Rastplatz nutzen. Zwischen Schilf und Wasseroberfläche entdecken wir immer wieder Bewegung – Flügelschläge, ein kurzes Eintauchen, Kreise am Himmel. Auf weggespülten Bäumen und Ästen, die aus dem Wasser ragen, lassen sich zahlreiche Vögel nieder. Auch botanisch ist das Gebiet bemerkenswert: Neben den charakteristischen Seerosen wachsen hier seltene Wasserpflanzen, und die Uferzonen bilden einen sensiblen Übergangsraum zwischen Wasser- und Karstlandschaft. Wie unglaublich muss es hier im Frühling aussehen, wenn die Seerosen blühen!

 

Wir haben – wieder einmal – Glück mit unserer kleinen Gruppe. Neben uns sind ein sympathisches Paar aus Estland an Bord, ein Paar aus England und eine Alleinreisende aus Frankreich. Die Stimmung ist entspannt. Unser junger Bootsführer wirkt lässig und ausgesprochen kenntnisreich. Er erklärt die Entstehung des Sees, spricht über die wechselnden Wasserstände zwischen Winter und Sommer, über Fischerei, Naturschutz und die Bedeutung des Gebiets für Montenegro. Dazu schenkt er lokalen Wein aus – ergänzt durch Wasser und Softdrinks. Schnell wird unser estnischer Mitreisender zum Barman- bzw. Kühltaschenmann und schenkt reichlich nach. Zwischen Schilfkanälen und offenen Wasserflächen stoßen wir gemeinsam an.

 

Kom Monastery

Nach etwa 1,5 Stunden erreichen wir eine kleine Insel mit dem Kloster Kom. Das Kloster wurde im 15. Jahrhundert errichtet, vermutlich um 1415, in einer Zeit politischer Umbrüche im mittelalterlichen Zeta. Es diente zeitweise als geistliches Zentrum der Region und war eng mit der lokalen Adelsfamilie Crnojević verbunden. Diese prägte die politische, kulturelle und religiöse Entwicklung des Landes in einer Zeit, in der sich Südosteuropa zwischen venezianischem Einfluss und dem expandierenden Osmanischen Reich befand. Das Kloster entstand zwar noch vor der eigentlichen Herrschaft der Crnojević, aber als sie im 15. Jahrhundert die Herrschaft erlangten, übernahmen sie auch die Rolle als Schutzherren wichtiger Klöster, darunter Kom. In dieser Zeit waren Klöster nicht nur religiöse Orte, sondern auch politische Symbolorte, Orte der Legitimation von Herrschaft, Rückzugsräume in unsicheren Zeiten. Die Anlage wirkt wehrhaft und zugleich abgeschieden. Von oben bietet sich ein weiter Blick über den See und die umliegenden Hügelketten. Im Inneren der Kirche sind noch Freskenreste aus dem 15. Jahrhundert erhalten.

 

Unser Aufenthalt dauert nicht lang, etwa vierzig Minuten. Doch die Zeit genügt, um das kleine Kloster zu besichtigen, die Aussicht über den See aufzunehmen und die besondere Lage dieses Ortes zu erfassen. Hier lebt tatsächlich noch ein Mönch! Umgeben von Wasser, Schilf und Vogelstimmen führt er ein zurückgezogenes Leben im Dienst Gottes – geprägt von Gebet, einfachen Arbeiten und dem Rhythmus der orthodoxen Liturgie. Auch wenn Besucher*innen erwünscht sind und der Teil der Anlage, der seinen Lebensmittelpunkt bestimmt, nicht zugänglich ist, fühlt man sich doch ein wenig wie ein Eindringling – so still und besinnlich wie es hier ist. Unser Bootsführer erzählt, dass er im Winter, je nach Wasserstand und Wetterlage, mitunter wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten ist. Wenn Nebel aufzieht, der Wind das Wasser aufwühlt oder der Zugang über die flachen Bereiche nicht mehr möglich ist, wird die kleine Insel zu einer abgeschiedenen Welt für sich.

 

Zurück an Bord setzt sich die Fahrt ruhig fort. Die Nachmittagssonne spiegelt sich auf der Oberfläche, Vögel ziehen ihre Kreise und wir genießen die Rückfahrt durch die wundervolle Landschaft.