Archäologischer Park Apollonia – Antike Stadt, Spolien, Bunkerwahnsinn und Schildkröten

 

Wenn man an Albanien denkt, kommen einem wahrscheinlich Küsten, Strände, Berge oder vielleicht noch Tirana in den Sinn – aber weitläufige antike Tempelanlagen? Wahrscheinlich eher nicht. Dabei bietet das Land mit Stätten wie Apollonia, Bylis und Butrint einige der bedeutendsten archäologischen Stätten des westlichen Balkans.

 

Wir sind inzwischen auf dem Campingplatz Vlora angekommen und befinden uns im südlichen Teil Albaniens. Durch eine Schlechtwetterfront werden wir eine Fahrt nach Butrint leider nicht schaffen, aber wir machen Ausflüge nach Bylis und Apollonia. Ich kann wohl immer wieder dasselbe erzählen: Man hat schon so viele Ausgrabungen besucht, und trotzdem hinterlässt jede weitere Stätte immer noch ihren eigenen Zauber. Apollonia nimmt mich gleich zu Beginn durch seine wunderschöne Lage für sich ein. Die Sonne scheint über die Hänge, alles blüht wie im Frühling, obwohl es Oktober ist. Zwischen Säulenresten und Mauern ragen meine Lieblingsbäume empor – alte, knorrige Olivenbäume, die so alt sind, dass sie selbst Teil der Geschichte sind.

 

Gründung und Bedeutung der antiken Stadt

Apollonia wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Kolonist*innen aus Korinth und Kerkyra (dem heutigen Korfu) gegründet. Die Lage war strategisch gewählt: unweit der Küste und nahe dem Fluss Aoos (heute Vjosa), der damals schiffbar war. Dadurch entwickelte sich die Stadt schnell zu einem wichtigen Handelszentrum zwischen der griechischen Welt und dem illyrischen Hinterland. In der römischen Zeit gewann Apollonia weiter an Bedeutung. Sie lag an einer Verbindung zur berühmten Via Egnatia, einer der wichtigsten Verkehrsachsen des Römischen Reiches, die von der Adria bis nach Byzanz führte. Selbst der spätere Kaiser Augustus studierte hier – ein Hinweis auf den hohen Bildungsstandort, den die Stadt einst darstellte.

Im 3. Jahrhundert n. Chr. begann jedoch der Niedergang. Ein schweres Erdbeben veränderte den Lauf der Vjosa, der Hafen verlandete, und die wirtschaftliche Grundlage brach weg. Die Stadt wurde nach und nach aufgegeben.

 

Was heute zu sehen ist

Die Ausgrabungen in Apollonia sind weitläufig, aber nicht überinszeniert. Vieles liegt offen in der Landschaft, ohne starke Eingriffe oder moderne Überformung. Zu den wichtigsten erhaltenen Strukturen gehören das Bouleuterion mit eindrucksvoller Säulenfront, die große Stoa – einst ein überdachter Säulengang, der als öffentlicher Raum diente –, das Theater, heute nur noch in Teilen sichtbar, aber gut erkennbar in seiner Form, Tempelreste, insbesondere ein dorischer Tempel, der vermutlich Artemis gewidmet war, sowie Straßen und Wohnstrukturen.

 

Zentral im heutigen Park liegt außerdem das Kloster der Heiligen Maria aus dem 13. Jahrhundert. Es wurde auf den Fundamenten antiker Gebäude errichtet, und leider wurden zu seinem Bau viele Steine der antiken Anlage verwendet.

Ein typisches Vorgehen über Jahrhunderte: Immer wieder wurden Steine aus antiken Bauten entnommen und für neue Gebäude verwendet. Dieses sogenannte „Spolienwesen“ war lange Zeit gängige Praxis, oft aus pragmatischen Gründen: Bereits behauene Steine waren verfügbar, hochwertig und ohne großen Aufwand wiederverwendbar.

Für die ursprünglichen antiken Städte bedeutete das jedoch erhebliche Verluste. Mauern wurden abgetragen, Strukturen verändert oder vollständig zerstört, sodass sich viele Bereiche heute nur noch fragmentarisch nachvollziehen lassen. Gleichzeitig sind diese wiederverwendeten Elemente selbst Teil der Geschichte geworden, da sie zeigen, wie unterschiedliche Epochen unmittelbar aufeinander aufbauen. Das Kloster in Apollonia bleibt auf jeden Fall ein wunderschönes Motiv und beeindruckt durch erhaltene Wandmalereien, Reliefs und Skulpturen und ein kleines, sehenswertes archäologisches Museum.

 

Überlagerte Geschichte: Bunkerwahnsinn über historischen Strukturen

Die Überlagerung von Geschichte endet nicht im Mittelalter. Auch die jüngste Vergangenheit hat Spuren hinterlassen. Wir können hier sehen, was die Bunker-Manie von Hoxha bedeutete: In ganz Apollonia wurden militärische Strukturen errichtet. Teile des Geländes wurden in das Verteidigungssystem integriert, es entstanden Bunker und befestigte Anlagen – teils direkt in unmittelbarer Nähe, teils über antiken Mauern und Funden. Die genaue Funktion dieser Anlagen lag in der Kontrolle und Sicherung strategischer Punkte im Landesinneren, auch wenn Apollonia selbst keine militärische Schlüsselstellung im klassischen Sinne hatte. Vielmehr folgte der Ausbau der paranoiden Logik des Regimes: Jeder Ort konnte potenziell verteidigt werden müssen.

 

Diese Eingriffe stehen heute sichtbar im Kontrast zur antiken Substanz. Beton trifft auf jahrtausendealte Steine. Es ist ein Nebeneinander und Übereinander, das zwar irgendwie interessant zu besichtigen ist, aber gleichzeitig Wut und Unglaube entstehen lässt. Wenn man sich vor Augen führt, dass hier ein kulturelles Erbe von internationaler Bedeutung liegt und ein Mensch wie Hoxha all das mit Füßen tritt, um noch eine überflüssige, paranoide Bunkeranlage obendrauf zu bauen. Mal wieder ein perfektes Beispiel dafür, wie widersprüchlich politische Akteur*innen mit dem umgehen, was sie eigentlich vorgeben zu schützen. Genau das kennzeichnet viele rechte und konservative politische Strömungen heute: Sie geben vor, ihr hochgepriesenes „Vaterland“ bewahren zu wollen, verfolgen aber in der Praxis eine Politik, die genau das Gegenteil bewirkt – sei es durch fehlenden Klimaschutz, durch überholte neoliberale Wirtschaftskonzepte oder durch das konsequente Vorrangstellen von Macht- und Geldinteressen einiger Weniger über das Wohl der Allgemeinheit. Tja. Geschichte wiederholt sich immer und immer wieder.

 

Während wir also hin- und hergerissen sind zwischen der Schönheit der Ausgrabung und dem Unmut über die mutwillige Betonierung des verrückten Hoxhas, schafft die Natur es schließlich, uns aus den trüben Gedanken herauszuholen. Ich erschrecke mich zuerst, weil ich beinahe auf ein Wesen drauftrete, und erst in letzter Sekunde im Augenwinkel bemerke, dass sich zu meinen Füßen etwas bewegt! Zwischen all dem überwachsenen Beton und bröckelnden Bunkeranlagen haben sich Schildkröten ihren Lebensraum geschaffen. Überall laufen griechische Landschildkröten durch das hohe Gras, recken ihre Hälse aus dem Panzer, schauen recht grumpy, was da eigentlich los ist und wer die Mittagsruhe stört. Wenn wir schon viele Fotos von alten Steinen machen … nun ja, wir haben wahrscheinlich 80 Fotos von Schildkröten in Apollonia. Ich reduziere die Auswahl mal auf 7 ;-)

 

Das Unausgegrabene als Teil der Geschichte

Wer durch Apollonia geht, bemerkt schnell, dass die sichtbaren Strukturen nur einen Ausschnitt dessen darstellen, was hier tatsächlich im Boden liegt. An vielen Stellen zeichnen sich Mauern unter der Erde ab, leichte Erhebungen deuten weitere Gebäude an, und immer wieder stößt man auf Bereiche, die bewusst unangetastet geblieben sind. Daniel steigt zum Beispiel einen Teil des Berges hinunter und sieht, wie die Außenmauer nur zum Teil freigelegt wurde, und erkennt die Überreste eines Stadttors. Man weiß, dass hier noch so viel mehr zu entdecken wäre!

Dieses fragmentarische Bild ist kein Zufall, sondern das Ergebnis archäologischer Praxis – und einer Reihe ganz unterschiedlicher Gründe. Ein zentraler Aspekt ist der Erhaltungsgrundsatz. Jede Ausgrabung ist ein unwiederbringlicher Eingriff. Sobald ein Bereich freigelegt wird, wird er gleichzeitig seiner schützenden Erdschicht entzogen und beginnt zu verwittern. Archäolog*innen stehen daher immer vor der Abwägung: freilegen, um zu erforschen und sichtbar zu machen – oder im Boden belassen, um langfristig zu konservieren. Gerade in Regionen mit intensiver Sonneneinstrahlung, Wind und Regen kann die Freilegung den Zerfall sogar beschleunigen.

Hinzu kommt, dass Ausgrabungen zeit- und kostenintensiv sind. Archäologische Projekte erfordern nicht nur Grabungsteams, sondern auch Dokumentation, Restaurierung, wissenschaftliche Auswertung und langfristige Sicherung der Funde. Viele Stätten – auch bedeutende wie Apollonia – werden daher über Jahrzehnte hinweg nur abschnittsweise untersucht, oft abhängig von Fördermitteln, internationalen Kooperationen oder Forschungsinteressen.

Ein weiterer Punkt ist der wissenschaftliche Fortschritt selbst. Moderne Archäologie arbeitet zunehmend mit zerstörungsarmen Methoden wie Georadar, Magnetometrie oder Luftbildanalysen. Diese Techniken ermöglichen es, Strukturen im Boden sichtbar zu machen, ohne sie sofort freilegen zu müssen. Deshalb entscheiden sich Forscher*innen bewusst dafür, Teile einer Stätte für zukünftige Generationen unangetastet zu lassen – in der Erwartung, dass spätere Technologien noch präzisere Erkenntnisse liefern können.

Auch Priorisierung spielt eine Rolle. Nicht jede Struktur kann gleichzeitig untersucht werden. Oft konzentrieren sich Ausgrabungen auf zentrale Gebäude wie Tempel, Theater oder öffentliche Plätze, während Wohngebiete oder Randbereiche zunächst zurückgestellt werden. Dadurch entsteht für Besucher*innen der Eindruck einer unvollständigen Stadt – was sie tatsächlich auch ist.

Und schließlich sind viele antike Städte im Laufe der Jahrhunderte überbaut oder überformt worden. In Apollonia zeigt sich das durch das mittelalterliche Kloster, aber auch durch Eingriffe aus der jüngeren Geschichte. Solche Überlagerungen erschweren oder verhindern weitere Grabungen, weil jede Schicht selbst wieder Teil der Geschichte ist und oft nicht einfach entfernt werden kann.

 

Archäologie wird uns wohl nie langweilig werden – weder das Erkunden von Steinen noch die vielen Infos und Geschichten rund um Stätten, Ausgrabungen und historische Fakten. Wie wunderschön, interessant und vielschichtig die Welt doch sein kann.

Meine Ausführungen basieren auf angelesenem Wissen. Herzliche Grüße gehen an dieser Stelle raus an unsere Freundin Yani, die im Gegensatz zu uns eine echte Archäologin ist :-) und die wir natürlich um ihren faszinierenden Job beneiden – auch wenn sich dieser oft gewiss weniger spektakulär darstellt, als wir es uns beim Herumklettern durch unsere Sehenswürdigkeiten ausmalen. Jedenfalls: Wenn ich etwas falsch beschrieben habe, freue ich mich über deine fachfraulichen Verbesserungen, liebe Yani ;-)