Ankommen in Sarajevo

 

Unsere Fahrt führt uns nach sechs Tagen in Blagaj weiter nach Sarajevo. Die Strecke zieht sich durch Berglandschaften, folgt Flüssen und führt durch kleine Orte. Die Straßen in Bosnien sind bis jetzt hervorragend. Wahrscheinlich wäre es im Norden ein bisschen aufregender geworden, aber hier in der Herzegowina fällt das Reisen mit unserem Gespann recht leicht. Die bergigen Abschnitte sind gut zu meistern, und die Straßen sind immer so breit, dass man ohne Herzklabaster auch durch die kleineren Dörfer kommt. Einen erhöhten Puls gibt es dann doch noch bei der Anfahrt zum Camping Sarajevo. Es sind nicht immer die kleinen Straßen, die unübersichtlich werden. Bei denen geht es eher um Augenmaß wegen der Enge – aber eigentlich immer geradeaus. Tricky sind Schnellstraßen und Stadtautobahnen mit vielen Ausfahrten und wenigen Schildern. Wir sind noch ganz beschwingt von der überraschend entspannten Fahrt durch die Berge, da passiert es: Das kleine, braune Schild mit „rechts Camping Sarajevo“ wird zu spät gesehen, weil sich die Straße auf einmal in mehrere Spuren teilt und nicht so schnell ersichtlich ist, was „rechts“ und „ganz rechts“ sein soll. Und dann mit dem ganzen Gespann spontan zwei Spuren wechseln?! Unmöglich. Also fahren wir zwangsweise weiter Richtung Sarajevo-Zentrum und hoffen auf die nächste Ausfahrt – und darauf, dass diese nicht in eine enge Vorstadtstraße führt, sondern irgendwie zurück Richtung Campingplatz.

 

Ja, wir schaffen es natürlich, aber es bleibt dabei: Mit dem Wohnwagengespann unterwegs zu sein geht immer mit einer gewissen Anspannung einher. Daniel ist ein super sicherer Fahrer und hat mittlerweile viel Routine, selbst mit Wendemanövern und rückwärts fahren. Ich fahre selbstsicher Strecken, verzichte aber auf Rangieren und Einparken. Wir zitieren immer gerne einen Wohnwagenfahrer aus einer Facebookgruppe, der mal schrieb: „Ich fahre seit 30 Jahren mein Wohnwagengespann und scheiße mich letztlich immer ein bisschen ein, wenn ich wieder losfahre.“ Ich glaube, das darf auch so sein – so bleibt man wachsam, überschätzt sich nicht und baut hoffentlich keine Unfälle.

 

Also, wir gelangen zu unserem neuen Campingplatz. Hier fühlt sich gleich alles gut an: ein familiengeführter Betrieb, wir werden von Senad und Alma herzlich empfangen und bekommen einen schönen Platz direkt oberhalb des Flusses Žujevina. Wir blicken auf die umliegenden Berge, unter uns rauscht der Fluss, und mit dem Sonnenuntergang erreicht uns der Adhān, der Gebetsruf, aus der nächstgelegenen Moschee. Melodisch gesungen hallen diese Töne zu uns herüber. Wir werden mal wieder ganz demütig. In diesen Momenten wird uns bewusst, wie wundervoll es ist, all das erleben zu dürfen. Wir besuchen neue Orte, hören neue Geschichten und bekommen Einblick in so viele interessante Dinge. Wir sind dankbar, freudig, beseelt.

 

Auf diesem Platz lernen wir wieder tolle Menschen kennen. Zum einen ein deutsch-schweizerisches Pärchen, Björn und Annika. Wir sitzen zusammen, tauschen die typischen Reisegeschichten aus und erfahren einiges über die Vorzüge, in der Schweiz zu arbeiten. Da kommen neben uns zwei Italiener mit ihrem Van an. Es dauert nicht lange, da werden Stühle ausgeklappt, zusammengestellt, und man sitzt in geselliger Runde zusammen – und wir lernen Stefano und Umberto kennen. Annika macht frisches Popcorn mit einer crazy Curry-Gewürzmischung, die alle lieben. Daniel holt Bier, Björn stellt den Gorki auf den Tisch, mitgebracht von ihrer Montenegro-Tour – ihr letztes Ziel, unser nächstes. Schnell avanciert der Gorki (Kräuterlikör vom Balkan) zum Getränk des Abends. Wir werden ihn auf unserer Reise noch einige Male kaufen und genießen – mal die bittere Variante, mal die süßere auf Eis. Lecker!

Musik wird schnell zum gemeinsamen Thema. Daniel tauscht sich ausgiebig mit Stefano aus; dieser hat gerade seinen Job gekündigt, um „ganz Musiker“ zu sein. Und wie sich herausstellt, spielt auch Björn in einer Band. Am Ende hören wir in alle Projekte rein, und Stefano überrascht mit einer weiten musikalischen Bandbreite – er hat schon Singer-Songwriter-Sachen gemacht, Crossover, Black Metal, Folklore … irgendwie alles. Es ist ein traumhafter Abend. Man möchte solche Momente am liebsten irgendwie festhalten, einrahmen, aufhängen. Stefano ist einer der Menschen, der bleiben wird. Wir sind in Kontakt und wollen versuchen, ihn auf unserer Runde durch Italien zu besuchen. Apropos einrahmen: Fotos von unserer netten Runde haben wir mal wieder verpasst zu machen.

 


Sarajevo

 

Es geht in die Stadt! Praktisch und unkompliziert organisiert Senad, der Chef des Campingplatzes, für uns ein Taxi, und wir teilen uns mit Björn, Annika und ihrem Hund die halbstündige Fahrt, die gerade mal 26 Konvertible Mark kostet - also 13 Euro.

Ähnlich wie bei Fahrten mit den Öffis genießen wir es, gefahren zu werden und dabei Zeit zu haben, aus dem Fenster zu schauen und die Stadt allmählich auf uns wirken zu lassen. Aus den Randbezirken heraus arbeiten wir uns langsam vor. Zunächst fahren wir durch Wohnviertel mit einfachen Häusern, kleinen Läden, Werkstätten, Tankstellen. Dann verdichtet sich der Verkehr, die Straßen werden breiter, die Bebauung höher. Plattenbauten wechseln sich mit neueren Geschäftsgebäuden ab, Moscheen tauchen zwischen Wohnblocks auf, Minarette stehen neben Reklametafeln. Sarajevo liegt umgeben vom dinarischen Gebirge, und so schaut man eigentlich überall auf Berge und erinnert sich unwillkürlich an die Olympischen Winterspiele 1984.

Sarajevo vereint mal wieder verschiedenste Einflüsse: osmanisches Erbe, sozialistische Stadtplanung, moderne Glasfassaden. Und wie so oft in Bosnien-Herzegowina begleiten uns auch hier die Spuren des Krieges. Zwischen sanierten Fassaden stehen zerbombte Häuser. Entlang der Hauptverkehrsstraßen passieren wir große Mahnmale, die an zivile Opfer erinnern. Der Krieg ist kein Hintergrundrauschen – er ist mal wieder Teil des Stadtbildes, präsent und sichtbar.

Als wir schließlich in der Nähe der Altstadt aussteigen, entschließen wir uns, einfach „hineinzulaufen“. Wir haben keine „To-dos“ auf dem Zettel, wir wollen schauen, was uns erwartet.


Sarajevos Zentrum ist klar gegliedert. Im historischen Kern, der Baščaršija, konzentriert sich das osmanisch geprägte Sarajevo: enge Gassen, Moscheen, der Sebilj-Brunnen, kleine Werkstätten und zahllose Läden. Der Übergang zur österreichisch-ungarischen Stadt ist fast nahtlos – dort gibt es breitere Straßen, Gründerzeitfassaden, Cafés. In Sarajevo liegen die großen Gotteshäuser ungewöhnlich nah beieinander. Synagoge, Moschee, orthodoxe und katholische Kirche trennen oft nur wenige hundert Meter. Diese räumliche Nähe prägt das Stadtbild und verweist auf eine lange Tradition religiöser und kultureller Vielfalt, die Sarajevo bis heute auszeichnet.

 

Die bunten Auslagen in der Baščaršija sind uns schnell zu viel. Es ist Mitte September, und die Ausläufer der Hauptsaison sind noch deutlich zu spüren. Viele Menschen sind auf den kleinen Straßen der Altstadt unterwegs, und wir sind ein bisschen reizüberflutet. Ein Bazarlädchen reiht sich ans nächste, und die Produktpalette wiederholt sich auffällig: Džezva in allen Ausführungen und Farben, Divankissen, Tücher, Kupferwaren. Das hat Tradition. Sarajevo war über Jahrhunderte ein regionales Zentrum des Kupferschmiedehandwerks; die Zünfte produzierten Alltagsgegenstände für Haushalt und Kaffeezeremonien. Bis heute werden viele Stücke handgefertigt, graviert und verzinnt – Souvenir und gelebtes Handwerk zugleich. Gleichzeitig gibt es chinesischen Billo-Kitsch, und man fragt sich, wie diese bunte Mischung aus Temu-Style und osmanisch-balkanischen Handwerksstücken zusammenpasst. Es riecht nach Wasserpfeifen, Baklava, Lokum, gegrillten Ćevapčići und bosnischem Kaffee. Alles toll, alles auch irgendwie viel.

 

Rosen von Sarajevo 

 

Die sogenannten Rosen von Sarajevo erinnern an Orte, an denen während der Belagerung Granaten einschlugen und mehrere Zivilist*innen töteten. Einschlagspuren überall im Asphalt der Stadt wurden mit rotem Harz ausgegossen. Es erinnert an die Form einer Blüte - einer Rose. Sie dienen als stilles Mahnmal im Stadtbild und machen die Gewalt des Krieges im Alltag sichtbar.

 

Die Gazi-Husrev-Beg-Moschee ist die größte Moschee des Landes und an die Neugier der Tourist*innen gewöhnt. Auch wir besichtigen den Innenhof. Daniel hält sich zunächst etwas zurück, da er nicht sicher ist, ob seine Armyhose zu kurz ist bzw. die Knie ausreichend bedeckt sind, aber tatsächlich gehört der Hof mit Brunnen nicht zum eigentlichen Gebetsraum, und so kann man sich hier auch ohne Bedeckung aufhalten. Es ist viel los, gleich beginnt das Asr, das Nachmittagsgebet. Darum verzichten wir auf einen Besuch der Innenräume.

 

Namensgeber der Moschee ist Gazi Husrev-beg, ein osmanischer Statthalter des 16. Jahrhunderts, der Sarajevo durch umfangreiche Stiftungen entscheidend prägte. Moschee sowie Bildungs- und Versorgungseinrichtungen gehen bis heute auf ihn zurück. In der Mitte des Moscheehofs steht ein filigraner Šadrvan, der rituelle Brunnen für die Gebetswaschung. Sein Dach ruht auf acht schlanken Säulen, die durch Bögen miteinander verbunden sind – eine typische Form osmanischer Architektur. Gazi Husrev-Beg ließ das Wasser über ein ausgeklügeltes System aus Holzröhren aus mehreren Kilometern Entfernung in die Stadt leiten und versorgte damit Brunnen und öffentliche Einrichtungen Sarajevos. In der nordwestlichen Ecke des Hofes der Moschee befindet sich ein unscheinbarer Raum, die sogenannte Muvekithana. Hier arbeitete der Zeitwächter der Moschee, der mithilfe spezieller Instrumente den Sonnenstand bestimmte. Grundlage war die osmanische Zeitrechnung „a la turca“: Der neue Tag beginnt nicht um Mitternacht, sondern mit dem Sonnenuntergang. In diesem Moment schlägt es zwölf Uhr. Auf Basis dieser Berechnungen wurden die Zeiten für die fünf täglichen Gebete festgelegt.

 

Die Muvekithana steht in direktem Zusammenhang mit dem benachbarten osmanischen Uhrturm, der Sahat Kula, aus dem 17. Jahrhundert. Dessen Uhr zeigt bis heute nicht die mitteleuropäische Zeit, sondern folgt der traditionellen Lunarzeit, der Gebetszeit. Da sich der Sonnenuntergang im Jahresverlauf verschiebt, muss die Uhr regelmäßig nachgestellt werden. Moschee, Zeitkammer und Uhrturm bilden so ein bis heute funktionierendes System, das religiöse Praxis, Astronomie und Stadtalltag miteinander verbindet.

 

Unweit der Baščaršija befindet sich mit dem Tašlihan eine alte Karawanserei. Heute sind nur noch Teile der Anlage erhalten, dennoch zählt Tašlihan zu den wichtigen historischen Orten Sarajevos. Der Name „Tašlihan“ bedeutet sinngemäß „Stein-Han“ und verweist auf die massive Bauweise.

Eine Karawanserei ist eine Herberge und ein Handelsplatz für reisende Kaufleute. Karawansereien finden sich entlang der großen historischen Handelsrouten – vor allem der Seidenstraße, aber auch auf wichtigen regionalen Verbindungswegen. Viele gut erhaltene Beispiele lassen sich in der Türkei, im Iran, im Kaukasus und in Zentralasien besichtigen.

Händler*innen aus dem gesamten Osmanischen Reich und darüber hinaus übernachteten hier, lagerten ihre Waren und trieben Handel. Tašlihan ist direkt an den benachbarten Gazi-Husrev-Beg-Bezistan angebunden, eine überdachte Markthalle, die bis heute genutzt wird. Gemeinsam bilden beide Bauten ein zentrales wirtschaftliches Herzstück des historischen Sarajevo.

Im Laufe der Jahrhunderte wird Tašlihan mehrfach beschädigt, insbesondere durch Brände. Im 19. Jahrhundert wird die Karawanserei schließlich nicht mehr aufgebaut. Erhalten bleiben Grundmauern und Teile der Außenwände, die heute als archäologische Überreste frei zugänglich sind. Moderne Gebäude, darunter ein Hotel, integrieren die Ruinen in ihr Umfeld, wodurch Vergangenheit und Gegenwart unmittelbar aufeinandertreffen.

Beim Besuch wird deutlich, welche Rolle Sarajevo einst als Handels- und Knotenpunkt zwischen Orient und Okzident spielt. Tašlihan steht exemplarisch für die wirtschaftliche und kulturelle Blüte der Stadt in osmanischer Zeit und macht diese Geschichte auch ohne vollständige Rekonstruktion nachvollziehbar.

 

Irgendwann verlassen wir bewusst den klassischen Touri-Rundgang und wechseln in den Kneipenmodus. Der Fokus verlagert sich vom Sehenswürdigkeiten-Abhaken hin zu Gesprächen, Musik und dem Gefühl, für ein paar Stunden Teil des städtischen Lebens zu sein. Genau dort finden wir noch einmal einen anderen Zugang zu dieser Stadt. Wir sitzen zunächst im City Pub und lassen die vollen Straßen hinter uns, sitzen draußen, beobachten das Treiben und kommen runter.

Danach ein Tesla-Bier. Nikola Tesla war serbischer Abstammung, geboren im heutigen Kroatien, wirkte international – und irgendwie möchten alle ein Stück vom Tesla-Kuchen abhaben. Schon in Belgrad gab es Tesla-Museen, Tesla-Restaurants, Tesla-Tassen und Souvenirs … in Kroatien das Gleiche, und hier geht es weiter: Tesla-Statuen, Tesla-Kneipen. Was soll's, wir gehen rein und trinken ein leckeres dunkles Bier.

 

Sarajevo hat eine ausgeprägte Gastro-Pub-Kultur: eine Mischung aus Pub-Atmosphäre mit richtiger Küche, Musik als verbindendes Element, Treffpunkt für Jung und Alt. Es geht weniger um „Trinkkneipe“, mehr um soziale Orte. Ein Beispiel ist der Gastro Pub Vučko. Hier kehren wir ein, bekommen mega leckere hausgemachte Burger und Craftbeer. Im Vučko dreht sich alles um die Olympischen Winterspiele 1984, deren Maskottchen der freundliche Wolf Vučko war. Die Spiele gelten bis heute als prägender Moment der Stadtgeschichte: Sarajevo präsentierte sich weltoffen, modern und international. Die Spiele verliefen organisatorisch erfolgreich und friedlich – ein starkes Gegenbild zu den bald folgenden Kriegsjahren. Darum stehen sie im kollektiven Gedächtnis als „Zeit vor dem Krieg“, und nach der Belagerung Sarajevos wurde Vučko zu einem nostalgischen Symbol für diese Phase. Bis heute taucht er in Bars, Pubs, Graffitis und Souvenirs auf.

 

Am Ende landen wir im Pink Houdini, wieder so ein Glücksfall, der sich einfach so ergibt. Schon als wir mittags in die Stadt hineinlaufen, fällt uns der Laden auf. Graffitis an der Fassade, ein Eingang Richtung Keller – sieht vielversprechend aus, aber leider noch geschlossen. Wir wollen es nach unserem Abendessen im Pub noch einmal versuchen und haben Glück. Ein junger Typ schließt gerade auf, und wir dürfen mit hinein, auch wenn noch nichts angeschlossen ist, die Zapfanlage noch nicht läuft … aber Musik macht er schon mal an. Es ist eine irre Bar. Gespielt wird ausschließlich Jazz. Es gibt eine kleine, vollgestellte Bühne, auf der geplante Gigs stattfinden, aber auch spontanes Gejamme. Die Einrichtung ist skurril-fantastisch-bunt-schräg-lebhaft-punkig-wundervoll. Es gibt viele kleine Räume und Separés, die Bar ist bestückt mit viel Gin und Whiskey. Wir kommen ins Gespräch mit dem Barkeeper, der heute seinen ersten Abend seit Langem hat – er kommt gerade aus den Semesterferien zurück und ist noch etwas überfordert. Kein Problem, wir wollen nur einen Whiskey.

 

Ich liebe es, dass Daniel und ich nach all den Jahren immer noch gerne miteinander abhängen. Wir können zu zweit einen Kneipenabend verbringen, uns gehen nie die Gesprächsthemen aus, immer haben wir Freude an der gemeinsamen Zeit. Und so können wir auch hier wieder gemütlich miteinander all das Gesehene und Erlebte bequatschen, Jazz hören, über Musik reden. Perfekter Tagesabschluss.

 

Mit einer wilden Mischung aus Englisch, Deutsch und Serbisch verbringen wir eine nette Rückfahrt mit einem super sympathischen Taxifahrer, der noch nie von Camping Sarajevo gehört hat und erstaunt eine neue Ecke seiner Stadt kennenlernt.